EINBLICKE: Strassen-Tanz in Hanoi

Eindrücke der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi.

Anemi Wick, Journalistin, Hanoi
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Bild eines Wochenmarktes in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. (Bild: Keystone)

Bild eines Wochenmarktes in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. (Bild: Keystone)

Kennen Sie den Film «Fight Club»? Die Szene, in der Marla Singer, scheinbar lebensmüde, ohne nach rechts oder links zu schauen, über die Strasse läuft, mittendrin stehen bleibt und labert, während um sie herum der Verkehr donnert?

In Hanoi ist das normal. Genau so bewegt man sich als Fussgänger durch die vietnamesische Hauptstadt. Da kommt keine Lücke, und Anhalten ist nicht Teil des Konzepts. An guten Tagen bringt man bei der Querung vielleicht dann noch etwas tänzerische Finesse ein, man fügt sich leicht diagonal in den Strom und walzert im Seitwärts-Wechselschritt drauflos. Der Verkehr funktioniert also nach der Fischschwarm-Logik, alles fliesst ineinander hinein, durcheinander hindurch und wieder auseinander.

Ja, doch, es gibt auch Ampeln in Hanoi. Es gibt in den Souvenirshops sogar hilfreiche T-Shirts über Ampeln in Hanoi. Darauf steht gedruckt, dass man an der Ampel bei Grün fahren kann, bei Gelb fahren kann und bei Rot fahren kann. «Ich war drauf und dran, ein Taxi zu nehmen, nur um auf die andere Seite der Strasse zu gelangen», sagte neulich ein erschöpfter Gast zu mir, nachdem er die Innenstadt zur Rushhour überlebt hatte. Die Überlebenschancen der Fussgänger, das muss man hier aber festhalten, stehen durchaus sehr hoch. Die Fahrer achten in der Regel schon darauf, dass sie einen nicht ummähen, sie fahren um einen herum.

Eigentlich lassen sich diese ganzen Verkehrs-Weisheiten im vietnamesischen Alltagauch auf die meisten anderen Gebiete anwenden. Gespräche zum Beispiel. Man wartet nicht auf Stille (die gibt’s hier nicht), ist aber auf möglichst wenig Reibung bedacht, man nähert sich einem Thema am besten entweder seitwärts tänzelnd, oder man redet darum herum und daran vorbei. Manchmal kommt man überhaupt nicht da an, wo man eigentlich hinwollte. Und klingelt das Telefon, geht man ran, und alle verlieren den Faden. Insgesamt betrachtet ja eine friedliche Herangehensweise – am Ende kommen meist alle unbeschadet davon. Dafür dauert hier halt alles etwas länger.

Anemi Wick, Journalistin, Hanoi

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