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Eine alte Fabrik in Emmenbrücke
wird zur grossen Bühne

In einer stillgelegten Spinnerei in der Viscosistadt in Emmenbrücke inszeniert Annette Windlin das Theaterstück «Gedächtnispalast». Das Budget für das Grossprojekt beträgt über 1 Million Franken.
Hugo Bischof
Regisseurin Annette Windlin vor einem mit Heiligenbildern behängten Schaltschrank. (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
Ein Nebenraum in der stillgelegten Spinnerei, welche für das kommende Theater mit Alltagsgegenständen dekoriert wurden. (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
Auch hier wurden feinsäuberlich Gegenstände aufgehängt. (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
«Als erstes befreiten wir die Spinnerei vom Staub und Schmutz der letzten Jahre», sagt die Innerschweizer Theatermacherin Annette Windlin, die das Stück inszeniert. (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
«Alle machten mit bei den Putzarbeiten, vom Produktionsteam bis zu den Schauspielern.» (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
Es war eine Riesenbüez. Kein Wunder – die alte Nylon-6-Spinnerei erstreckt sich über fünf Stockwerke auf 5000 Quadratmetern Fläche. Alles, bis fast in den letzten verwinkelten Raum, wird für das kommende Theaterstück genutzt. (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
Das Theaterstück besteht aus 60 Szenen. (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
Gespielt wird es von 40 Schauspielerinnen und Schauspielern - ohne chronologischen Ablauf, verteilt über das ganze fünfstöckige Gebäude. (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
Die Zuschauer können sich individuell durch die Räume bewegen, an einem Schauplatz länger, an einem anderen kürzer verweilen und «Erinnerungen aufsaugen», wie es Windlin umschreibt. (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
Die Premiere von «Gedächtnispalast» findet am 26. April 2019 statt. Vorstellungen gibt es bis 29. Juni 2019. (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
«Im Stück geht es um Erinnerungen, um die Frage, was es braucht zum Glück», sagt Windlin. «Glück findet man überall, in Esoterik, Neurowissenschaft, im Wirtschaftsleben. Glück hat aber auch viel mit Erinnerungen zu tun, mit Gegenständen, Geräuschen – sie sind der Boden, auf dem das Leben weitergeht.» (Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 20. November 2018))
11 Bilder

Theater in der stillgelegten Spinnerei in der Viscosistadt in Emmenbrücke

Es ist wie der Gang in ein verwunschenes Labyrinth: Metallrohre, Kessel, Eisentrommeln, Schaltknöpfe, Kabel, kahle Betonwände. Totenstille, wenig Kunstlicht. Ein Hauch Apokalypse weht durch die kalten Räume, die gespenstisch und – auf subtile Weise – zugleich heimelig anmuten. Wir sind in einer stillgelegten Spinnerei der früheren Viscosuisse in Emmenbrücke. Polyamid-Pneu- und Teppichgarne sowie Polyester-Filamentgarne wurden hier fabriziert. Hunderte von Tonnen jährlich. Die Produktion wurde zwischen 1990 und 2012 etappenweise eingestellt – aufgrund veränderter wirtschaftlicher Bedingungen.

Zwei riesige, verrostete Silos zeugen vom Zerfall. Ansonsten stehen die alten Garnträger, Spinndüsen und Spulenwagen unverändert da. Fast so, als ob sie auf Knopfdruck wieder starten könnten. Anstelle von Schichtarbeiterinnen und -arbeitern werden hier nun aber demnächst Schauspieler Einzug halten. Die alte Spinnerei wird zum Schauplatz eines spektakulären Theaterprojekts unter dem Titel «Gedächtnispalast». Premiere wird am 26. April 2019 sein.

Putzarbeiten waren eine Riesenbüez

Die Vorbereitungsarbeiten haben längst begonnen. «Als erstes befreiten wir die Spinnerei vom Staub und Schmutz der letzten Jahre», sagt die Innerschweizer Theatermacherin Annette Windlin, die das Stück inszeniert:

«Alle machten mit bei
den Putzarbeiten, vom Produktionsteam
bis zu den Schauspielern.»

Es war eine Riesenbüez. Kein Wunder – die alte Nylon-6-Spinnerei erstreckt sich über fünf Stockwerke auf 5000 Quadratmetern Fläche. Alles, bis fast in den letzten verwinkelten Raum, wird für das kommende Theaterstück genutzt.

Das Gefühl, einen Fabrikraum aus dem vergangenen Jahrhundert zu betreten, wird bleiben. Allerdings wird für das für das Publikum nun eine zusätzliche Erlebnisebene geschaffen, mit kleineren und grösseren Installationen, verteilt über die fünf Stockwerke. Neben dem alten Kommandoraum steht ein Fauteuil aus den 1950er Jahren. An einer Wand hängen Heiligenbilder und Landschaftsansichten. Ein Raum wurde in eine Küche verwandelt, bedrückend eng, voll von Gläsern, Geschirr, Gewürzdosen. Irgendwo steht verlassen eine alte blecherne Badewanne. Hier und dort Gartenzwerge, Engelfiguren, ein Leiterwagen.

«Im Stück geht es um Erinnerungen, um die Frage, was es braucht zum Glück», sagt Windlin. «Glück findet man überall, in Esoterik, Neurowissenschaft, im Wirtschaftsleben. Glück hat aber auch viel mit Erinnerungen zu tun, mit Gegenständen, Geräuschen – sie sind der Boden, auf dem das Leben weitergeht.»

60 Szenen, diverse Schauplätze

Windlin ist durch Zufall auf die teils banalen, teils wunderlichen Alltagsgegenstände gestossen, die sie nun in der zum «Gedächtnispalast» umgewandelten Spinnerei ausbreitet. «Wir fanden sie in einem alten Wohngebäude, das den Besitzer wechselte. Eine Familie hatte hier in relativer Armut gelebt, in liebevoll gestalteten, teils hoffnungslos überstellten Wohnräumen.» Die Überbleibsel ihrer dortigen Existenz werden nun in einer vollkommen neuen Umgebung gezeigt und im Theaterstück neu gedeutet.

«Gedächtnispalast» ist die Geschichte zweier Familien, deren Leben sich überschneiden. «Die Idee dazu geistert seit 2001 in mir herum», sagt Windlin. «Jetzt habe ich, nach langem Suchen, den geeigneten Raum dafür gefunden.» Den Text schrieb Martina Clavadetscher, die Ausstattung macht Ruth Mächler. Das Theaterstück besteht aus 60 Szenen. Gespielt werden sie von 40 Schauspielerinnen und Schauspielern – ohne chronologischen Ablauf, verteilt über das ganze fünfstöckige Gebäude. Die Zuschauer können sich individuell durch die Räume bewegen, an einem Schauplatz länger, an einem anderen kürzer verweilen und «Erinnerungen aufsaugen», wie es Windlin umschreibt.

Kurzführungen für Interessierte

Das Budget beträgt über 1 Million Franken. «Einen Drittel davon tragen wir selber bei», sagt Windlin, «der Rest kommt von Stiftungen, Sponsoren und der öffentlichen Hand». Alle Innerschweizer Kantone und die Stadt Luzern leisten Beiträge.

Am Wochenende vom 30. November bis 2. Dezember gibt es Vorab-Kurzführungen durch die «Gedächtnispalast»-Räume. Sie finden im Rahmen der Designtage von Fidea-DesignSchenken an der Spinnereistrasse 11 in der Viscosistadt statt.

Hinweis: Premiere am 26. April 2019. Vorstellungen bis 29. Juni 2019. Für die Produktion werden weitere Helfer gesucht. Kontakt: René Marthaler, Telefon 044 764 05 12, r-marthaler@bluewin.ch

Zukunft des Gebäudes ist noch ungewiss

Was mit dem Gebäude der stillgelegten Nylon-6-Spinnerei in der Viscosistadt in Emmenbrücke längerfristig geschieht, ist noch offen. «Ein grosser Teil des Gebäudekomplexes (Sektor B) ist bereits vermietet», sagt Elmar Ernst, stellvertretender Geschäftsführer der Viscosistadt AG. Etwa 30 Unternehmen nutzen die Räume, darunter noch das «Tatort»-Filmstudio. «Andere Flächen sind reserviert und wir sind in Gesprächen», so Ernst. Die Viscosistadt ist ein neuer Stadtteil für Arbeit, Bildung, Kultur und Wohnen, der auf einem rund 90'000 Quadratmeter grossen Teil des Areals der früheren Garnfabrik Viscosuissse in Emmenbrücke entsteht. Grosse Teile sind bereits vermietet. Auch die Hochschule Luzern – Design & Kunst hat sich hier angesiedelt.

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