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Interview

«Eine geniale Manipulation»

2021 wird das Löwendenkmal 200 Jahre alt. Kurator Peter Fischer hat sich mit dem Denkmal intensiv beschäftigt für eine neue Ausstellung in der Luzerner Kunsthalle.
Julia Stephan
Interview mit dem Kurator Peter Fischer zum Auftakt des mehrjaehrig angelegten Loewendenkmal-Jubilaeums und der ersten geplanten Ausstellung in der Kunsthalle Luzern. Bild: Jakob Ineichen

Interview mit dem Kurator Peter Fischer zum Auftakt des mehrjaehrig angelegten Loewendenkmal-Jubilaeums und der ersten geplanten Ausstellung in der Kunsthalle Luzern. Bild: Jakob Ineichen

Peter Fischer, eigentlich sollten wir über Löwen sprechen. Trotzdem: Ist etwas dran am Gerücht, dass die Wildschwein-Silhouette des herausgehauenen Steins am Löwendenkmal eine Racheaktion des schlecht bezahlten ausführenden Bildhauers war?

Wenn man den Fremdenführern zuhört, ist das oft die einzige Information, die sie an Touristen weitergeben. Für mich ist das eine abstruse Theorie ohne ge­sicherte Quelle. Interessant ist sie dennoch, weil sie aufzeigt, dass Gerüchte oft interessanter sind als ihr Gegenstand.

Ist den Touristen bewusst, wessen hier gedacht wird?

Kaum. Der geschichtliche Hintergrund wird vor Ort nur mangelhaft vermittelt. Und dass chine­sische Touristen über die Fran­zösische Revolution Bescheid wissen, scheint mir unwahrscheinlich. Verbindend ist das Motiv. Der Löwe spricht alle an. Das ist ein Tier, das fasziniert. Ein Grund, warum wir uns bei der ersten von insgesamt vier Ausstellungen bis 2021 auf das Motiv des Löwen beschränken. Der touristische Aspekt, die Ent­stehungs- und die Rezeptions­geschichte folgen später.

Wofür steht der Löwe in China?

Der Löwe steht in allen Teilen der Welt für das Gleiche: für Herrschaft und Macht. Und für Sieg und heldenhafte Niederlage. Ich habe das nie recht verstanden.

Warum?

Das möchte ich mit den ersten Gästen unseres parallel zur Ausstellung stattfindenden Löwensymposiums diskutieren: mit dem Raubtierdompteur René Strickler und dem Psychologen und Kunsttherapeuten Karl-Heinz Menzen. Im Grunde sind männliche Löwen doch faule Kerle. Sie beschränken sich auf Machtkämpfe im Rudel, lassen die Weibchen die Jagd erledigen und liegen ansonsten faul herum. Reicht das zum Symbol für Mut und Tapferkeit?

Kurios genug, dass ein afrikanisches Steppentier in Europa Tugenden vertritt. Wie kam’s dazu?

Unsere Kultur wurzelt weit vor der klassischen Antike im alten Orient, in einer Region, die nach Afrika ausgreift. Man hat Löwen dort gekannt. Auch in unseren Breitengraden hat es übrigens bis zur letzten Eiszeit den sogenannten Höhlenlöwen gegeben. In unserer Ausstellung zeigen wir die Replik einer Figur, die vor rund 35000 Jahren geschaffen wurde. Sie stellt ein Zwitterwesen aus Mensch und Löwe dar. Aber der Erschaffer des Löwendenkmals, der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen, hat nie einen echten Löwen gesehen.

Heute werden Denkmäler nach veränderten politischen Wetterlagen abgerissen und neue errichtet. Das Löwendenkmal feiert einen reaktionären Akt gegen das Volk während der Französischen Revolution. Warum wird es dennoch akzeptiert?

Wenn wir ein öffentliches Monument errichten, sagt das viel über unsere Erinnerungskultur aus. Ich möchte dieses Jubiläumsprojekt denn auch zum Anlass nehmen, um diese Frage zu diskutieren und eine weitere aufzuwerfen, nämlich wessen man heute noch gedenken kann und wie ein neu zu errichtendes Denkmal aussehen könnte. Das Ergebnis dieser Überlegungen muss dann ja vielleicht nicht in Stein gemeisselt sein, sondern kann auch virtuell daherkommen.

Müsste man das Löwendenkmal abreissen?

Stände es in den USA, müsste man es wohl vehement verteidigen. Es entspricht nicht mehr der Political Correctness. Und man kann sich tatsächlich fragen, ob der Versuch, die Französische Revolution zu verhindern, wirklich gefeiert werden muss. Aber dieses Denkmal hat auch eine Eigendynamik, seine Bedeutung wandelt sich stetig. Für mich ist es sehr beruhigend, zu sehen, dass Sinn und Zweck solcher Monumente sich nie von vornherein klar definieren lassen.

Wann hat dieser Bedeutungswandel eigentlich eingesetzt?

Relativ schnell. Vielleicht hören wir darüber mehr in einem geplanten Gespräch mit dem Historiker Valentin Groebner. Er hat sich mit dem Kitschaspekt befasst. Groebner hat Recht, wenn er sagt, dass diese Anlage hauptsächlich darauf hinkonzipiert ist, Rührung zu erzeugen. Ich habe dafür die Formel «Löwenschmerz rührt das Herz» verwendet. Im Grunde ist das eine geniale Manipulation, die hier stattfindet.

Eine, die funktioniert?

Die Stimmung stand früh im Vordergrund. Mark Twain hat das Denkmal zum «traurigsten und bewegendsten Stück Stein der Welt» erklärt, Königin Victoria soll hier 1886 fast geweint haben. Auch die US-Musikerin Patti Smith, die letztes Jahr am Blue Balls Festival auftrat, hat das Löwendenkmal besucht, als sie erfuhr, dass ihr Freund Sam Shepard gestorben ist. In einem Nachruf im «New Yorker» erinnert sie sich, wie der strömende Regen vor dem Löwendenkmal ihre Tränen verdeckt habe.

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