Eine Künstlerseele gefangen im Körper eines Anwalts

Bezirksgericht Luzern

Lena Berger
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Bezirksgericht Luzern (Bild: Roger Grütter, 1. Juni 2016)

Bezirksgericht Luzern (Bild: Roger Grütter, 1. Juni 2016)

Ein Jurist zu sein, macht das Leben einfach. Egal, wie emotional aufgeladen eine Situation ist, die Rechtswissenschaft ist ein Hort der Nüchternheit. In der Welt der Paragrafen ist Vernunft ist das oberste Credo. Ganz anders sieht es aber aus, wenn ein Jurist selber emotional in einen Rechtsstreit verwickelt ist. Das zeigte sich kürzlich vor dem Luzerner Bezirksgericht.

In dieser Geschichte geht es um verletzten Stolz. Ihr Protagonist ist ein Mann, der seit Jahrzehnten als Anwalt tätig ist. Seine wahre Leidenschaft gilt jedoch der Kunst. Voller Herzblut organisiert er als Präsident eines Vereins Kunstausstellungen in der ganzen Schweiz. Möglich werden diese dank Spenden und dem freiwilligen Einsatz der Mitglieder. Bezahlt werden nur die Künstler, allen anderen ist das Erfolgserlebnis Lohn genug. Und tatsächlich waren die Kritiken bislang überaus positiv.

Nach einer Ausstellung im letzten Jahr kam es allerdings zu Misstönen. Die Künstler seien nicht bezahlt worden, hiess es. Der Kurator der besagten Ausstellung steht nun dem Vereinspräsidenten im Gerichtssaal gegenüber. Er behauptet, der Verein habe ihn auf Spesen und Auslagen sitzen lassen.

Der Vereinspräsident kann kaum an sich halten, als der Richter ihm das Wort erteilt. «Dieser Mann will mit der Zerstörung eines wunderbaren Projekts eine Zahlung erzwingen!» Er brüllt die Worte fast, die Gerichtsschreiberin zuckt erschrocken zusammen. Der Kurator habe eine regelrechte Verleumdungskampagne gegen den Verein geführt, behauptet der Anwalt weiter. Zusagen von Künstlern seien zurückgezogen worden – und die Auszahlung von 20'000 Franken an Fördergeldern sei in Frage gestellt. «Als kleiner Verein haben wir keine Chance mehr, wenn wir erst mal den Ruf haben, nicht zu zahlen», sagt der Anwalt ganz aufgewühlt. Dabei sei an den Vorwürfen überhaupt nichts dran. Er fordert Schadensersatz. Ihm geht es hier um nichts weniger als sein Lebenswerk.

Dem Kurator, der die Ausstellung unentgeltlich organisiert hat, geht es um profanere Dinge. Er möchte das Geld zurück, das er für die Ausstellung ausgegeben hat. 4000 Franken für Nägel und Holz, aber auch für Transporte und ein Gerüst zum Aufhängen der Kunstwerke. Den Vorwurf, Rufmord begangen zu haben, weist er von sich.

Wenn es wegen solcher Geldbeträge zu einem Gerichtsfall kommt, steckt oft mehr dahinter. Aussagen des Kurators lassen vermuten, worum es geht. «Ich habe festgestellt, dass der Vereinspräsident die Kunstszene überhaupt nicht kennt und keine Ahnung hat, wie man eine Ausstellung macht», sagt er in der Verhandlung. Diese Einschätzung muss den kunstaffinen Anwalt tief gekränkt haben. So sehr, dass er ausblendet, dass das Obligationenrecht in solchen Fällen klar eine Rückerstattung der Auslagen vorsieht. Seinem Verein tut er damit keinen Gefallen. Das Gericht reduziert den Anspruch des Kurators zwar wegen fehlender Belege auf 2600 Franken. Weil er auf ganzer Linie verloren hat, kommen Gerichtskosten von 3500 Franken hinzu, die der Verein tragen muss. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

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