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Eine Luzernerin kämpft in ihrer Freizeit gegen pflanzliche «Neuankömmlinge»

Susan Fehr (45) bekämpft in ihrer Freizeit Pflanzen, die eine Gefahr für das hiesige Ökosystem sind. Auch wenn der Bund die Dringlichkeit des Problems erkannt hat, macht sich die Naturliebhaberin keine Illusionen.
Raphael Zemp
Susan Fehr ist Freiwillige Neophyten-Bekämpferin. Hier im Benziwilerwald in Emmenbrücke beim Beseitigen eines Drüsigen Springkrauts. (Bild: Dominik Wunderli, 10. Juli 2018)

Susan Fehr ist Freiwillige Neophyten-Bekämpferin. Hier im Benziwilerwald in Emmenbrücke beim Beseitigen eines Drüsigen Springkrauts. (Bild: Dominik Wunderli, 10. Juli 2018)

Es ist lau, die Abendsonne scheint an die Wipfel des Benziwilerwaldes in Emmenbrücke, im Hintergrund ragen Wohntürme in den Himmel. Sandbraune Multifunktionshose, Wanderschuhe, das graumelierte Haar zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden: Susan Fehr steht im hüfthohen Dickicht – und reisst Pflanzen aus. Eine nach der anderen. «Drüsiges Springkraut – meine Lieblinge. Davon könnte ich Tonnen ausreissen», sagt sie und greift nach einem weiteren Stängel, den sie ohne grossen Kraftaufwand samt (überraschend kleinem) Wurzelballen zwischen Brennnesseln herauszieht. «Schaut man genau hin, so entdeckt man sie plötzlich überall.»

Das gilt nicht nur für das «ziemlich schöne» aber gefährliche Springkraut, das hier im Naherholungsgebiet spriesst, sondern generell für invasive Neophyten. Gebietsfremde Pflanzen, bewusst oder unbewusst eingeschleppt, wuchern an Böschungen ebenso wie in Flussläufen, Wäldern. Trotz klingender Namen wie Kanadische Goldrute, Ambrosia oder japanischer Knöterich werden sie zunehmend zu einem Problem. Gegen das auch der Bund künftig entschiedener vorgehen will (siehe Interview).

«Etwas für die Gesellschaft leisten»

Dass man dem Thema nun vermehrt Aufmerksamkeit schenkt, freut Fehr. Ungebetene «Pflanzen-Gäste» bekämpft sie schon seit fünf Jahren – freiwillig in ihrer Freizeit. Von Mai bis Oktober durchkämmt sie ein- bis zweimal im Monat bestimmte Waldstücke in der Agglomeration, unterstützt jeweils von einer Handvoll Helfer. Im Rooter Hasliwald war der Freiwilligentrupp bereits aktiv, ebenso im Listrig- und im Benziwilwald in Emmenbrücke. Dabei ist das Pflanzenausrupfen und -buddeln nicht bloss meditativer Selbstzweck. «Wir leisten dort Einsätze, wo wir tatsächlich auch etwas bewirken können», sagt Fehr. In Frage kommen deshalb nur kleine Flächen – und nur die Bekämpfung bestimmter Pflanzenarten: «Sommerflieder etwa ist zu invasiv – seine Bekämpfung wäre reine Sisyphusarbeit. Lorbeerbäume sind oft zu gross.»

Ehrenamtliche Arbeit habe bereits in ihrer Heimat England eine grosse Rolle gespielt. Und das sollte sich auch nicht ändern, als sie vor 13 Jahren zu ihrem Mann in die Zentralschweiz zog. «Es braucht Leute, die sich freiwillig für die Gesellschaft engagieren», ist Fehr überzeugt. Sie interessiert sich zwar seit ihrer Kindheit für die Natur und hat in einem zweiten Studiengang nebst Betriebswirtschaft einen Bachelor in Umweltwissenschaften abgeschlossen. Dass die Hausfrau und Mutter einer Tochter sich dereinst der Neophyten-Bekämpfung annehmen würde, war aber eher dem Zufall geschuldet, genauer familiärer Beziehungen: «Eine Verwandte meines Mannes arbeitete auf dem Sekretariat von Pro Natura und hat mich auf diese Thematik aufmerksam gemacht.»

Regelmässige Rücksprachen mit Kanton

Von Anfang an stand Fehr so in engem Kontakt mit Naturschutzorganisationen – aber auch mit den kantonalen Behörden. «Mein Mann arbeitet bei der kantonalen Dienststelle für Landwirtschaft und Wald», sagt Fehr. Vor jedem Einsatz nimmt sie deshalb auch mit dem Kanton Rücksprache. «Wo macht unser Einsatz Sinn? Wo besteht Handlungsbedarf?» Fehr kontaktiert aber auch örtliche Quartiervereine. «Sind sie bereits aktiv? Wollen sie mithelfen?» Auf keinen Fall wolle man nämlich als Konkurrenz wahrgenommen werden. Letztlich bittet Fehr auch die Eigentümer im voraus um ihre Erlaubnis. Und um der allfälligen Skepsis von Passanten zu begegnen, hat sie zudem stets Infobroschüren bei sich.

Ist der Kampf gegen das wuchernde Grün nicht manchmal ein gar einsamer? Ob sie sich nicht mehr Unterstützung durch die Behörden erhofft? Fehr antwortet ganz als Realistin. Letztlich stelle sich hier die Frage nach dem Geld, das in unserem Kanton derzeit nur spärlich vorhanden ist. «Mir ist lieber, man streicht nicht das Budget für Spielplätze und öffentliche Toiletten zusammen – und ich gehe dafür in meiner Freizeit gegen Neophyten vor.» Ein Kampf, der oft frustrierend sei, ja gar hoffnungslos. Denn die Pflanzen halten sich hartnäckig, breiten sich immer wieder von neuem aus. Trotzdem will Optimistin Susan Fehr weitermachen: «Mit dem Ziel einer vielfältige und gesunde Natur vor Augen, lässt sich einiges ertragen.»

Hinweis: Weitere Infos zu Neophyten gibt es auf der Website lawa.lu.ch in der Rubrik «Dokumente und Formulare», Unterrubrik «Natur, Jagd und Fischerei».

Nachgefragt bei Peter Kull von der Dienststelle Landwirtschaft und Wald: «Auch Private könnten gezwungen werden, gewisse Pflanzen aus ihren Gärten zu verbannen»

Über 800 gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten hat der Bund im Jahr 2006 in der Schweiz gezählt – und davon deren 107 als gefährlich eingestuft. Warum diese Zahl in der Zwischenzeit wohl noch gestiegen ist, erklärt Peter Kull. Der 55-Jährige arbeitet bei der kantonalen Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa) und ist unter anderem zuständig für das Thema Neobiota – gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten.

Peter Kull, wie viele gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten gibt es genau im Kanton Luzern?

Genaue Zahlen dazu haben wir nicht. Grundsätzlich gilt aber gerade bei Pflanzen: Die meisten Neuankömmlinge sind eine Bereicherung. Nur wenige Arten verbreiten sich invasiv, verdrängen dadurch einheimische – und vermindern so die Biodiversität. Ebenfalls ist klar, dass die Anzahl Neobiota in der Tendenz steigt.

Warum?

Zum einen ist dies der steigenden Mobilität geschuldet. Zum anderen lässt aber auch die Klimaerwärmung Tiere und Pflanzen neue Lebensräume erschliessen. Die meisten Neophyten etwa kommen sehr gut mit warmen Verhältnissen zurecht. Die Thematik ist denn auch in der Stadt und in den Agglomerationsgemeinden besonders virulent. Sie liegen nicht nur im flachen und deshalb wärmeren Mittelland. Hier wird die Umwelt aufgrund der dichten Besiedelung auch am meisten «gestört».

Wann wird aus einer blossen Störung ein echtes Problem?

Wie schwierig das abzuschätzen ist, zeigt das einjährige Berufkraut exemplarisch auf. Dass dieser Neophyt bei uns vorkommt, ist schon seit Jahren dokumentiert. Lange wurde die Pflanzenart aber bloss auf der Beobachtungsliste geführt. Bis sie sich urplötzlich rasant ausbreitete, in der Folge auf der Schwarzen Liste landete und nun ein ernsthaftes Problem darstellt. Das ist leider oft so: Wenn man das Problem augenfällig als solches erkennt, ist es bereits zu spät. Sind Pflanzen erst hier, können sie meist nur punktuell bekämpft werden, durch geschulte Gemeindearbeiter, Zivildienstleistende in Naturschutzgebieten oder Freiwillige. Ausrotten aber kann man sie kaum. Umso wichtiger ist die Aufklärungsarbeit.

Auch weil aggressive Neophyten wie der Kirschlorbeer oder der Sommerflieder nach wie vor legal im Laden gekauft werden können.

Das stimmt leider. Solange diesbezüglich keine verbindlichere Rechtsgrundlage geschaffen wird, sind uns die Hände gebunden. Immerhin hat der Bund die Ernsthaftigkeit der Situation erkannt und will nun handeln. So könnte künftig eine Bekämpfungspflicht verhängt werden für gewisse Arten. Auch Private könnten dazu gezwungen werden, gewisse Pflanzenarten aus ihren Gärten zu verbannen. Die entsprechende Gesetzesrevision soll noch dieses Jahr in die Vernehmlassung. (zar)

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