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Eine Schlägerei im Coiffeurladen

Lena Berger
Man wielding broken bottle (Bild: Paul Bradbury (OJO Images RF))

Man wielding broken bottle (Bild: Paul Bradbury (OJO Images RF))

Manchmal, da gleicht eine Gerichtsverhandlung diesen Krimi-Spielen, die man früher an Kindergeburtstagen gespielt hat. Erinnern Sie sich? Der Raum wird verdunkelt, das Licht gelöscht, alle sind ruhig – und plötzlich durchdringt ein Schrei die Stille. Grosse Aufregung, das Licht geht wieder an und ... Welch Überraschung! Ein «Toter» liegt theatralisch ausgestreckt am Boden. Klar, einer der Partygäste muss der Mörder sein. Wer Glück hat – also vorgängig die Detektiv-Karte gezogen – darf nun die Ermittlungen leiten. Alle anderen spielen die ihnen zugedachten Rollen und dürfen dabei ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Nur lügen dürfen sie nicht – dieses Recht ist dem «Mörder» vorbehalten.

So ähnlich präsentierte sich die Ausgangslage kürzlich vor dem Luzerner Bezirksgericht. Auch wenn es sich nicht gerade um Mord handelte. Dem Beschuldigten wurde leichte Körperverletzung zur Last gelegt. Als Tatort präsentierte sich ein Coiffeurladen. An einem Abend sass da eine Gruppe von Afrikanern gemütlich zusammen, trank Bier und diskutierte über Gott und die Welt. Da soll der Beschuldigte wie aus dem Nichts angefangen haben, einen der Männer zu beschimpfen und mit den Fäusten auf ihn einzuschlagen. Der Angegriffene soll beim hektischen Versuch aus dem Lokal zu flüchten auf der Strasse hingefallen sein. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass der Beschuldigte sich dann auf sein Opfer stürzte, den Hinterkopf packte und sein Gesicht gegen den Asphalt schlug. Nicht genug. Er habe ihm auch noch in den Rücken gebissen. Die Folge: Prellungen, Schürfungen, eine Blutung am linken Auge und eine Bisswunde.

Beweise in Form von DNA-Spuren oder Fingerabdrücken gibt es in diesem Fall nicht. Das Opfer suchte erst zwei Tage später einen Arzt auf. Und so blieb als kriminalistisches Mittel nur: eine ganze Reihe von Aussagen auszuwerten.

Der Beschuldigte selbst wies jede Schuld von sich. Seiner Darstellung nach, lief es so ab: Wie jeden Freitag gesellte er sich zu einer Runde von Afrikanern in einem Lokal auf der anderen Seite der Stadt. Als das spätere Opfer auftauchte herrschte plötzlich dicke Luft. Um sich nicht provozieren zu lassen, habe er die Location gewechselt und sei in besagten Coiffeursalon gegangen. Doch der andere habe die Sache nicht auf sich beruhen lassen wollen. Er folgte ihm in den Laden, riss ihm die Brille vom Gesicht, drohte damit, ihn zu verprügeln. Es kommt zu einem Gerangel um die Sehhilfe – erst im Lokal, dann auf der Strasse. Weitere Anwesende mischen sich ein, sogar die Freundin des «Opfers» wirft sich ins Getümmel. Der Beschuldigte flüchtet. Zugeschlagen habe er nie. Und schon gar nicht gebissen. «Mein Mandant ist weder ein Schläger noch ein Kannibale», betonte der Verteidiger. Und machte sich daran, die Aussagen der Zeugen in seinem Plädoyer praktisch Wort für Wort zu sezieren.

Als erstes ist da natürlich das Opfer selbst. Ihm zufolge ist Folgendes passiert: Er sass im Coiffeursalon mit seinen Freunden zufrieden bei einem Bier. Da stürmte der Beschuldigte auf ihn zu. Er hasse ihn, habe er gesagt, und wolle ihn nie mehr sehen. Die zwei Bierflaschen in seinen Händen fallen zu Boden, als er die Fäuste erhebt. Flink hinter ihm durchgehuscht, gelingt es dem Opfer, auf die Strasse zu fliehen. Doch da stellt ihm sein Verfolger ein Bein, er fällt hin und wird von seinem Gegner zu Boden gedrückt, gebissen und geschlagen. Seine Freunde eilen zu Hilfe, sie reissen den Beschuldigten von ihm, so dass er fliehen kann. Er sei um sein Leben gerannt, gibt er zu Protokoll.

Die Freundin des Opfers stützt diese Aussage im Prinzip. Doch sie will vor der Schlägerei etwas anderes gehört haben. «Ich habe seit neun Jahren gewartet, jetzt ist die Zeit gekommen. Ich werde dir zeigen, dass ich ein Mann bin – und dich umbringen», soll er auf Englisch geschrien haben. Sie hat zudem ausgesagt, nicht das Opfer, sondern der Täter sei vom Tatort geflohen.

Die Sache mit den zerschlagenen Bierflaschen wiederum hat ein Kollege des Opfer ganz anders wahrgenommen. Er behauptet, der Beschuldigte habe diese nicht einfach fallen, sondern am Tischrand zerbersten lassen, um das Opfer mit dem zersplitterten Flaschenhals zu bedrohen wie mit einem Messer.

Sie haben denÜberblick verloren? Den Prozessbeobachtern erging es genau so. Wie kann es zu dermassen unterschiedlichen Aussagen kommen? Sind die Erinnerungen unzuverlässig aufgrund der unübersichtlichen Situation? Oder handelt es sich um ein abgekartetes Spiel? Für den Verteidiger ist die Sache klar: Die Akteure haben sich abgesprochen – und zwar schlecht. «Das ist alles erstunken und erlogen, gelinde gesagt», ereiferte er sich an der Gerichtsverhandlung. Mit so widersprüchlichen Aussagen lasse sich keine Straftat nachweisen. Im Zweifel habe das Gericht zu Gunsten des Beschuldigten zu entscheiden. Und Zweifel gebe es in diesem Falle zur Genüge. Es sei doch klar, dass die im Arztzeugnis festgehaltenen Verletzungen schon vor der angeblichen Prügelei bestanden hätten.

Nun, die Aufgabe, den Täter zu benennen, liegt in der Realität bekanntermassen beim Gericht. Es hat zu entscheiden, welche Aussagen plausibel sind – und welche eben nicht. Im vorliegenden Fall kamen die Richter zum Schluss, dass aufgrund der Aussagen nicht bewiesen werden kann, dass der Beschuldigte dem Opfer die Verletzungen zugefügt hat – wohl aber, dass er im Coiffeurgeschäft zugeschlagen hat. Das Gericht verurteilte ihn deshalb nicht wegen Körperverletzung, sondern wegen Tätlichkeit. Und zwar zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse von 1000 Franken. Der Entscheid ist noch nicht rechtskräftig.

Lena Berger

Hinweis

An dieser Stelle berichten wir in losen Abständen über Verhandlungen an den Luzerner Gerichten. Vergangene Beiträge der Serie finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/gericht

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