«Einfach eine grossartige Party»

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Die grosse Zufriedenheit nach dem Zieleinlauf, von links: Muneca Schurter (Oberrieden), Anette Hitz (Meggen), Andreas Sturzenegger (Mels). (Bild: Roger Zbinden)

Die grosse Zufriedenheit nach dem Zieleinlauf, von links: Muneca Schurter (Oberrieden), Anette Hitz (Meggen), Andreas Sturzenegger (Mels). (Bild: Roger Zbinden)

Es ist Punkt 9 Uhr, die Vorhut der beinahe 10 000 Teilnehmer startet beim Verkehrshaus in Luzern zum Swiss City Marathon. Wenige Minuten später erbebt der Schwanenplatz unter dem Läuferhuf. Dort stehe ich gerne, wenn die Flotte der Marathonhelden tänzelt, kämpft oder leidet. Und den unbedingten Sukkurs ihrer Anhängerschaft fordert, braucht, geniesst. Wie beispielsweise Halbmara­thönler Adi Marfurt. Der hätte es gerne unter 1:30 Stunden geschafft, doch Fabio Lorenz und Raphael Lötscher, beide 28 und frühere KV-Kollegen des Protagonisten, ziehen die Reissleine: «Er ist hier bei 1:25 durch – das schafft er nicht.» Kein Problem. Gefeiert wird trotzdem, später am Bahnhof im «Roadhouse». Fabio hat zu Hause auf der Suche nach ein bisschen Spaziermünz einen uralten 20-Franken-Gutschein für dieses Lokal aus dem Geheimfach gekramt. Die Unterschrift: «Ein kleines Dankeschön für den Taxidienst, Gruss, Nadja.» Leider wisse er nicht mehr, wer Nadja sei, gesteht Fabio: Vielleicht löst der Marathon dieses – etwa sogar amouröse? – Rätsel. Also: Nadja, bitte melden!

Die spezielle Beach Band

Der Swiss City Marathon schreibt lustige Geschichten. Rolf Elsener, Mitglied einer Ägerer Beach Band, die der TV-Mann in leichter Untertreibung als «behinderte Brass Band» einordnet, erzählt: «Wir sind das vierte Mal dabei, und es ist für uns jedes Mal eine unerhörte Ehre und Freude, den Athleten und Zuschauern musikalischen Spass bereiten zu dürfen.» Antrittsgage: 400 Franken. «Früher gabs 300 plus Bier und Sandwiches.» Jetzt nehme man die kulinarische Notportion halt selber mit. Und, Ehrensache: «Bis zum nächsten Mal!» Um die Facette der Randnotiz definitiv abzuhaken, hier noch eine kleine Schmonzette. Beim Verpflegungsstand wies tatsächlich eine Oma ihre Enkelin darauf hin, dass es ungehörig sei, wie die Läuferschar die leeren Pappbecher einfach auf die Strasse zu werfen. Keine Angst, Madame: Wir räumen auf!

Eine Viertelstunde zu schnell

Nun aber zur (Haupt-)Sache. Zu den passionierten Marathonisti, die ein ganzes Jahr lang ihre Freizeit einer topseriösen Vorbereitung auf den Anlass aller Lauftreffs untergeordnet hatten. Wie zum Beispiel Radio-Pilatus-Journalist Caspar van der Veld. Der hatte sich für die Halbdistanz eine Zielmarke von knapp 2 Stunden auf die Fahne geschrieben. «Der Ansporn am Strassenrand war derart gross», erzählt der gebürtige Holländer, «dass ich richtig in Trance kam.» Am Schluss lief Caspar van der Veld in 1:40 ein. Viel zu schnell für seine Mama und Supporterin Annelies. Die hatte sich auf die ursprüngliche Marschtabelle ihres Filius eingerichtet und verpasste den finalen Zieleinlauf knapp: «Schade, macht aber nichts. Ich bin stolz auf Caspar, das hat er toll gemacht.»

Leidenschaft, die Leiden schafft

Doch der Swiss City Marathon schreibt nicht nur gloriose und packende Kapitel, er fordert in seiner immensen sportlichen Herausforderung auch Wehwehchen, Bobos, Tränen. Dieter Sergel war gestern einer, der sich seine Rechnung ohne die angestrebte Finisher-Medaille quittieren lassen musste. Dabei hätte es für den 77-Jährigen aus Leipzig ein ganz spezielles Rennen werden sollen. Auf seinem individuell kreierten TV-Shirt prangte nämlich: 80. Marathon! Dieses Jubiläum wäre gestern in Luzern fällig geworden. Doch bei Kilometer «weissgottwieviel» in der Nähe von Kastanienbaum fällte ein zu forscher Kontrahent die Marathoneiche. Dieter Sergel fiel aufs Knie, musste die Segel streichen: «Nicht Schlimmes, nur ein Bluterguss. Aber die Ärztin riet mir ab, weiterzulaufen.»

Es war sein erster Einsatz in Luzern gewesen. Er, der nach einer grossen Handballerkarriere mit 41 Jahren zum Laufsport fand und mit einer Bestzeit von knapp über 3 Stunden zu Buche steht; er, der schon in New York, London, Paris oder Athen dabei war, behauptet: «Aber hier – hier ist es wunderschön. Ich komme sicher wieder.» Zum Achtzigsten. Nicht Geburtstag – aber Marathon. Trösten wird sich Dieter Sergel in den nächsten Tagen übrigens in Wauwil: Dort wohnt die Familie seines Neffen Andreas Inkermann.

Wenn der Chronist seine Arbeit erledigt hat, dann gönnt er sich eine Viertelstunde am Zieleinlauf im Verkehrshaus: Das rhythmische Klatschen an den Balustraden, wenn die Letzten der Letzten, die Abgekämpftesten sich ins Ziel applaudieren lassen – das geht ins Herz. Das Läuferleben ist hart – aber «la vita e bella». Wers geschafft hat, strahlt sich das Herz aus dem Gesicht. «Es war einfach eine grossartige Party», sagt Reto Schorno, der Geschäftsführer des Swiss City Marathon – Lucerne. «Wissen Sie, diese zufriedenen Menschen zu sehen, das ist das Schönste für uns, die wir die Vorarbeit leisten.»

Die – einmal mehr – in ihrer Perfektion kaum zu überbieten war.

roland Bucher