Einfach und naturnah leben in Luthernbad – Jurtendorf-Gründerin wird ausgezeichnet

Der Tourismusverein «natürlich Luthertal» überreichte Andrea Weibel einen Preis für ihr Engagement. Im Jurtendorf lebt sie ihren Traum.

Natalie Ehrenzweig
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Andrea Weibel vor ihrem Jurtendorf in Luthernbad.

Andrea Weibel vor ihrem Jurtendorf in Luthernbad.

Bild: Philipp Schmidli, Luthernbad, 26. Dezember 2019

Die Türe geht auf: Drinnen ist es wohlig warm, ein Ofen steht auf dem Holzboden, der Raum ist in Erdfarben eingerichtet. Wir sehen in die Jurte von Andrea Weibel, der Gründerin des Jurtendorfes in Luthernbad. Eben hat sie den «Prix Engagement natürlich Luthertal 2019» vom Tourismusverein gewonnen.

Andrea Weibel wuchs zwar in einem normalen Haus auf, doch mit ihren Eltern und ihrem Bruder war sie oft in den Bergen. «Die Liebe zur Natur habe ich schon von meinen Eltern», sagt sie. Sie habe schon immer den Traum gehabt, ein einfaches, naturnahes Leben zu führen und in einem Häuschen zu wohnen, meint die 47-Jährige lachend.

Jurtendorf statt französische Ruine

Auf einer Mexiko-Reise lernte sie jemanden mit einem ähnlichen Traum kennen. «Wir dachten erst, wir könnten eine Ruine in Frankreich kaufen, da die dort bezahlbar wäre», erinnert sie sich. Doch es kam anders, denn auf einer Reise in Frankreich lernte Weibel die Jurten kennen. «Die Jurte hat mir gefallen, weil man sie einfach wieder abbauen und weiterziehen kann. Man wohnt darin nicht wie in einem Zelt, aber spürt trotzdem den Wind oder Regen draussen», betont die ausgebildete Primarlehrerin.

2003 wurde mit Jurten in Finsterwald gestartet. Während dem Sommer wurden Kinder- und Familienlager angeboten, im Winter lagerte sie die Jurten bei ihrem Mann ein. «In den folgenden Jahren waren wir ein nomadisierendes Jurtendorf. 2009 hat die ehemalige Primarlehrerin von einer Freundin gehört, dass die Luthern NRP-Projekte (Neue Regionalpolitik) für ihre Gemeinde suchte, um nachhaltigen Tourismus anzukurbeln.

So sehen die Jurten von Nahem aus.

So sehen die Jurten von Nahem aus.

Bild: Philipp Schmidli, Luthernbad, 26. Dezember 2019

«Die Projektgruppe fand die Idee toll. Den Rest hat die Gemeinde geschaukelt. Ohne die Unterstützung der Behörden wäre ein fester Standort nicht möglich gewesen», ist Weibel überzeugt. Dann dauerte es aber eine Weile. Erst musste der passende Ort gefunden werden. Sie erinnert sich:

«Wir fuhren sicher eineinhalb Tage im Lutherntal herum, um einen Platz für das Dorf zu finden. Mal war es mir zu nah an der Strasse oder an Stromleitungen. Als wir hierherkamen, wusste ich sofort: Hier stimmt alles.»

Im Jurtendorf gibt es einen Bach, Wald und Wiesen und das kleine Tal ist abgelegen, aber doch mit ÖV zu erreichen. «Dafür ist es recht schattig und sumpfig, aber man kann halt nicht alles haben», meint sie schmunzelnd.

Sie vermisst den üblichen Wohnkomfort nicht

So sieht eine der Jurten von innen aus.

So sieht eine der Jurten von innen aus.

Bild: Philipp Schmidli, Luthernbad, 26. Dezember 2019

2011 sagte die Gemeinde Ja zur nötigen Umzonung, so konnte bereits das erste Lager im Sommer 2011 stattfinden. Seither ist das Jurtendorf gewachsen. «Im Winter lagern wir einige der Jurten aber ein, weil sie bei Nichtgebrauch trotzdem abgenützt werden», erklärt die Expertin, die selbst Jurten baut und verkauft.

Im Sommer ist ein Team vor Ort, das den Lagerbetrieb bestreitet. Im Winter wohnen neben Andrea Weibel und ihrem Mann noch ein Mann und eine fünfköpfige Familie fix im Dorf. «Jeder muss damit klarkommen, dass man etwas mehr voneinander mitbekommt als in einer Mietwohnung», erzählt Andrea Weibel.

Auch nach Jahren in der Jurte gefällt ihr die unkonventionelle Wohnform, sie vermisst nichts:

«Wenn wir nachts raus müssen, um den Schnee von den Jurten zu schaben, bin schon nicht so begeistert. Aber wenn wir dann mal dran sind, ist es okay, es ist lebendig.»

Weibel ist eingerichtet: Nachts muss sie nicht aufs gemeinsame Kompost-WC, sondern hat, wie alle anderen, einen Nachttopf. Immerhin: Die fest bewohnten Jurten verfügen über Strom. Der Traum von der Selbstversorgung lebt Andrea Weibel ebenfalls teilweise. Hühner dürfen ihren Lebensabend im Dorf verbringen. «Ausserdem haben wir einen grossen Gemüsegarten und eine Gewächshausjurte. Von April bis Ende Dezember können wir uns selbst mit Gemüse versorgen – uns und unsere Gäste», sagt sie erfreut.

Die Hühner laufen im Dorf frei herum.

Die Hühner laufen im Dorf frei herum.

Bild: Philipp Schmidli, Luthernbad, 26. Dezember 2019

Obwohl die Bewohner gemeinschaftlich zusammenleben, herrscht kein Hippiegroove. «Im Sommer sind wir täglich in Kontakt, zum Beispiel in der gemeinsamen Küche. Und wir haben einmal in der Woche eine Sitzung, an der wir eine To-do-Liste erstellen. Es gibt Leute, die leben hier und arbeiten auswärts, so wie wir. Andere wohnen hier und arbeiten im Sommer auch vor Ort. Im Winter macht eher jeder so sein Ding», sagt Andrea Weibel.

«Der Reiz des Nomadischen fällt weg»

Nun hat das Jurtendorf beziehungsweise seine Gründerin den «Prix Engagement natürlich Luthertal 2019» erhalten. «Ich war sehr erstaunt, dass jemand uns vorgeschlagen hat. Ich arbeite viel für dieses Projekt. Das ist eine schöne Wertschätzung und Anerkennung», freut sich Andrea Weibel. Nach den acht Jahren, in denen das Jurtendorf jetzt fix steht, zieht es die Preisträgerin erstmals wieder hinaus in die Welt. «Der feste Platz für unser Dorf hat viele Vorteile, aber der Reiz des Nomadischen fällt weg», bedauert sie. Im nächsten Sommer werde ein Team das Jurtendorf managen, sodass die Preisträgerin und ihr Mann auf Reisen gehen können.

www.jurtendorf.ch

Andrea Weibel auf der Terrasse vor der Jurte.

Andrea Weibel auf der Terrasse vor der Jurte.

Bild: Philipp Schmidli, Luthernbad, 26. Dezember 2019