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Interview

Einradfahrer aus Küssnacht: «Man sieht die Welt völlig anders»

Hans Howald fährt mit seinem Einrad quer durch die Welt. Auf diese Weise reiste er etwa vom Atlantik ans Schwarze Meer. Er erzählt, weshalb er so unterwegs ist, wie sein schlimmster Sturz ablief und wie das Einradfahren bei seiner Krankheit hilft.
Matthias Stadler
Hans Howald (69) an seinem Wohnort in Küssnacht. (Bild: Boris Bürgisser (4. Dezember 2018))

Hans Howald (69) an seinem Wohnort in Küssnacht. (Bild: Boris Bürgisser (4. Dezember 2018))

Eine Velotour mit nur einem Rad? Ja, das geht. Hans Howald kennt sich damit bestens aus. Der 69-Jährige fährt mit seinem Einrad alleine durch ganz Europa. Vor neun Jahren begann er damit, vergangene Woche ist er mit der Limmex-Medaille im KKL in Luzern ausgezeichnet worden. Ein Preis, der Senioren dazu animieren soll, das Alter als Ausgangspunkt für neue Abenteuer zu verstehen (Ausgabe vom 30. November). Wir haben den pensionierten IT-Unternehmer bei sich zu Hause in Küssnacht zum Gespräch getroffen.

Hans Howald, Sie fahren mit einem Einrad Tausende von Kilometern. Ihr Gleichgewichtssinn muss phänomenal sein.

Ich habe einen ganz normalen (lacht). Aber ja, mein Gleichgewichtssinn ist schon gut geübt.

War das Einradfahren schwierig zu lernen?

Nein, es ist ziemlich einfach, aber es braucht auch Biss. Das Einradfahren ist wie das Lernen eines Musikinstruments: Es braucht Übung und man hat ein unendliches Spektrum vor sich, das man erreichen kann. Nur stellen sich die Erfolge beim Einradfahren schneller ein.

Fallen Sie heute noch oft vom Rad?

Es gibt niemanden, der ohne Stürze lernt. Diese sind aber meistens nicht schlimm, weil man nicht von hoch hinunterfällt und man kein hohes Tempo hat. Zudem ist es eine Frage der Reaktion und der Koordination. Kinder haben dabei einen Vorteil, weil sie schneller reagieren. Sie lernen das Einradfahren entsprechend schneller. Heute falle ich selten um, aber ich fahre auch zurückhaltend.

Seit neun Jahren sind Sie immer wieder mit dem Einrad unterwegs. Unter anderem sind Sie schon vom Atlantik ans Schwarze Meer gefahren. Das sind über 4000 Kilometer auf dem Einrad. Wieso tun Sie sich das an?

Meine Frau hat mir zu meinem 60. Geburtstag ein Einrad geschenkt. Seitdem habe ich einfach Freude daran. Ausserdem habe ich gerne neue Ziele und Herausforderungen. Zuerst fuhr ich um einzelne Seen in der Schweiz. Es war beispielsweise angenehmer, mal um den Ägerisee als zum hundertsten Mal ins Dorf nach Küssnacht zu fahren.

Wie ging es weiter?

Nachdem ich den Bodensee umrundet hatte, sagte ich meiner Frau, dass ich etwas Grösseres machen wolle. So entstand die Idee, von der Atlantikküste ans Schwarze Meer zu fahren. Sie hatte Angst, dass ich ausgeraubt werde. Ich hatte eher Bedenken, ob mein Körper es mitmacht und ob die Strassen- und Verkehrsverhältnisse gut genug sind. Dann sagte meine Frau, wenn dies mein Wunsch sei, respektiere sie das. Also entschied ich mich dafür.

Wie lief die Tour?

Ich brauchte zweieinhalb Monate. Es war eines der irrsinnigsten Erlebnisse meines Lebens. Ich hatte noch nie etwas Ähnliches gemacht. Es lehrte mich auch, Abstand vom Geschäft zu erhalten und mich auf etwas Neues zu fokussieren. Es ist auch eine komplett andere Art zu reisen. Man sieht die Welt völlig anders.

Wie funktioniert es mit dem Gepäck?

Ich habe einen Rucksack dabei, zudem habe ich vorne und hinten an meinem Sattel kleine Taschen montiert. Entsprechend kann ich nicht zu viel mitnehmen. Das gibt mir aber auch Unabhängigkeit. Wenn es mir irgendwo passt, kann ich länger bleiben, und sonst kann ich auch schnell weiterfahren.

Wie viele Kilometer schaffen Sie pro Tag?

Die längste Tagesetappe bis jetzt war 135 Kilometer lang. Bei meiner letzten Tour vergangenen Frühling durch England kam ich im Schnitt auf 70 Kilometer pro Tag.

Sie haben eine seltene und schwere Erkrankung des Immunsystems. Hilft Ihnen das Einradfahren beim Abschalten?

Vor drei Jahren traten die Symptome zum ersten Mal auf. Mit starken Medikamenten ist die Krankheit mittlerweile unter Kontrolle. Das Einradfahren hat mir dabei enorm viel geholfen. Nicht nur in Sachen Bewegungstherapie, sondern auch mental. Es gibt mir Kraft.

Sind Sie beim Ausüben Ihres Hobbys von Ihrer Krankheit stark eingeschränkt?

Etwas eingeschränkt bin ich, aber ich fokussiere mich nicht darauf. Wenn ich die Medikamente nehme, fühle ich mich einen Tag lang hundeelend. Aber danach ist alles wieder in Ordnung.

Wie reagieren die Verkehrsteilnehmer im Ausland auf Ihr doch eher ungewöhnliches Fortbewegungsmittel?

Sehr positiv. Gerade in Frankreich war ich sehr erstaunt. Ich kenne die Franzosen eher als wenig rücksichtsvoll. Aber auf den kleineren Strassen mit Veloverkehr waren die Reaktionen auf mich und mein Einrad hervorragend. Das hat wohl auch mit dem Stellenwert des Velofahrens zu tun. Es hat wenig Freizeitvelofahrer, aber wegen der Tour de France sind viele Rennradfahrer unterwegs. Diese haben ein hohes Ansehen.

Wie sieht es in Osteuropa aus?

Dort ist es völlig anders. Die meisten Leute sind erstaunt, denn sie haben noch nie ein Einrad gesehen. Zudem kommt es dort keinem in den Sinn, zum Vergnügen Velo zu fahren. Jeder mit einem Velo ist ein armer Kerl, der sich kein Auto leisten kann. Wenn dann noch jemand mit einem halben Velo kommt, ist es noch schlimmer. «Hast du dein zweites Rad verloren?», fragt man mich dort oft.

Nun haben Sie die Limmex-Medaille erhalten. Was bedeutet Ihnen diese?

Ich konnte mir zuerst gar nichts darunter vorstellen. Im Nachhinein freue ich mich nun sehr. Denn Geschichten wie meine scheint die Leute in meinem Alter zu inspirieren, sich aus ihrer Komfortzone zu bewegen. Es ist schön, wenn die Leute etwas machen, was sie sich vorher nie getraut haben. Denn man wird dabei auch immer reich beschenkt.

Erzählen Sie zum Schluss bitte noch von Ihrem schlimmsten Sturz.

Es gibt ein paar, auf welche ich verzichten könnte. Der schlimmste war auf einer Tour der Rhone entlang, vor einem Jahr. Alles lief gut, bis ich auf einer Strasse fuhr, an deren Seite es eine Allee hatte. Unter der Strasse hatten sich Hunderte von Wurzeln und somit Strassenwellen entwickelt. Wegen des Schattens der Bäume habe ich eine grobe Wurzel übersehen und fuhr darüber. Ich fiel hin, meine Handgelenksschoner waren gebrochen und ich sah kurz Sternchen. Geblutet habe ich auch, aber zum Glück nur oberflächlich. Am Schluss war es nicht schlimm, weswegen ich weiterfahren konnte. Einen Helm hatte ich übrigens an. Dies auch als Sonnenschutz – und um meine Frau zu beruhigen (lacht).

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