EINSIEDELN: Angst und Gewalt zwang ihn zur Flucht

Sie strömen zu Tausenden in die Schweiz, doch kaum jemand kennt die Eritreer. Ein Porträt eines Flüchtlings, der viel Glück hatte.

Rahel Lüönd
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In der Schweiz fühlt sich der Eritreer wohl, obwohl er gerne arbeiten würde. (Bild Rahel Lüönd)

In der Schweiz fühlt sich der Eritreer wohl, obwohl er gerne arbeiten würde. (Bild Rahel Lüönd)

Rahel Lüönd

Es ist nur seine eigene Geschichte, die Filmon* zu erzählen hat, nicht die seines Volkes, nicht die seines Landes. Doch er ist eine Stimme unter vielen, die in der aktuellen Asyldebatte rund um Zahlen und Kosten bisher nicht viel Gehör in der Öffentlichkeit hatten.

«Ich bin Filmon, 29 Jahre, hydraulischer Mechaniker», stellt sich der junge Eritreer vor. Die Hände liegen ruhig auf dem Tisch, seine Ausstrahlung ist freundlich, wenn auch nicht fröhlich. Seit einem Jahr ist er in der Schweiz, zuerst im Bundeszentrum in Basel, dann im kantonalen Durchgangszentrum in Muotathal und jetzt hier, in einer kargen Wohnung im Herzen Einsiedelns. Mittlerweile ist er anerkannter Flüchtling. Fünfmal pro Woche erhält er Deutschunterricht, um bald nicht mehr auf einen Übersetzer angewiesen zu sein.

Mit 21 ins Militär eingezogen

Seine Geschichte beginnt da, wo sein eigenständiges Leben aufgehört hat. Mit 21 Jahren wird Filmon nach Sawa beordert. Dort werden die jungen Männer zu Soldaten ausgebildet, und auch Filmon soll das Training unter widrigen Umständen absolvieren. Er hat Angst, versucht, in den Sudan zu fliehen, wird erwischt. Ein Jahr lang wird er daraufhin von Gefängnis zu Gefängnis gebracht, unter anderem in eine Zelle unter dem Erdboden in Rebda, an der Grenze zwischen Eritrea und dem Sudan. Während des Gesprächs lacht er nur einmal: auf die Frage, ob es einen Fernseher im Gefängnis gegeben habe. Dann muss er die militärische Ausbildung abschliessen. Als Soldat und Lehrer ist er ein Teil eines Militärapparats, der er nicht sein will: «Ich hatte keine Wahl, musste einfach das tun, was mir befohlen wurde.»

Von Schleppern entführt

Nach Jahren beim Militär fasst Filmon den Entschluss, erneut zu flüchten. Zu Fuss schafft er es während zwei langen Nächten in den Sudan. Doch als er sich schon in Sicherheit wiegt, schlägt das Schicksal erneut zu: Schlepper bedrohen und entführen ihn, es folgt eine Odyssee durch die Wüste bis nach Sinai. «Es gibt keine Worte für das, was ich dort erlebt habe», sagt Filmon. Von den in der Öffentlichkeit vergewaltigten Frauen und den Folterwerkzeugen in dem kleinen Raum, in dem er mit 35 anderen Personen eingesperrt war, mag er gar nicht mehr erzählen.

Doch im Gegensatz zu vielen andern hat er zwei Mal Glück im Leben. Das erste Mal im Sinai, als seine Familie den Schleppern eine Ablösesumme bezahlt und er auf freien Fuss gesetzt wird. Er läuft nach Israel, kommt in ein Flüchtlingscamp – und hat nach einiger Zeit erneut das Schicksal auf seiner Seite. Seine Schwägerin beantragt von der Schweiz aus Asyl für den Eritreer, und Filmon darf einreisen.

«Ich fühle mich nutzlos»

Von diesem Moment an sind seine Probleme ganz anderer Natur. Er hat ein Obdach, Nahrung, Sicherheit – «dafür bin ich extrem dankbar. Ich habe das Gefühl, dass ich hier in meiner Heimat angekommen bin.» Der freundliche Umgang untereinander erinnere ihn an seine Kultur zu Hause.

Doch auch die Flüchtlinge lesen Zeitung, Filmon weiss um die Asylprobleme der Schweiz und Europa. Er findet: «Die Regierung sollte mehr mit uns in Kontakt kommen oder selber nach Eritrea reisen. Wir würden unsere Heimat nicht freiwillig verlassen.» Möchte er irgendwann zurück nach Eritrea? «Ich träume natürlich davon, meine Familie wiederzusehen. Aber da dieser Traum nie Realität werden kann, habe ich ihn aus meinem Kopf verbannt.»

Deshalb versucht Filmon, in der Schweiz Fuss zu fassen. «Ich fühle mich hier ein bisschen nutzlos», sagt er, «deshalb möchte ich unbedingt arbeiten.» Ob als Mechaniker oder in einem anderen Beruf, ist dem 29-Jährigen egal. Eine Arbeit würde vor allem das bedeuten, was der Eritreer nun bald ein Jahrzehnt nicht mehr hatte: ein selbstbestimmtes Leben.

Hinweis

* Name der Redaktion bekannt.

Zwei Drittel aller Asylgesuche

Im ersten Halbjahr 2015 stellten in der Schweiz insgesamt 11873 Personen ein Asylgesuch. Das sind 16 Prozent mehr als in der gleichen Vorjahresperiode. Laut Staatssekretariat für Migration ist diese Zunahme in erster Linie auf den Anstieg der Asylgesuche eritreischer Staatsangehöriger zurückzuführen. Im Kanton Schwyz stammten im Juni von insgesamt 3400 Asylsuchenden zwei Drittel aus Eritrea. Aus dem afrikanischen Land, das unter der Militärdikatur von Isayas Afewerki steht, kommen viele junge Männer, die sich dem Militärdienst entziehen wollen. Die Strafe, welche den Deserteuren im Heimatland droht, wird als Verletzung der Menschenrechte eingestuft. Deshalb haben Eritreer in der Schweiz gute Chancen auf Asyl.