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Einsturzgefahr: Wie die Stadt Luzern einen hundertjährigen Abwasserkanal unter der Pilatusstrasse saniert

Unter der Stadtluzerner Hauptverkehrsachse schlummert ein Risiko. Der rund 100 Jahre alte Abwasserkanal hat Risse bekommen und muss dringend saniert werden. Um die Auswirkungen auf den Verkehr möglichst gering zu halten, setzt man auf ein neuartiges Verfahren.

David von Moos
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Marode Schachtdecke: Am Abwasserkanal unter der Pilatusstrasse hat unübersehbar der Zahn der Zeit genagt. (Bild: Stadt Luzern)
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Ausgewaschener Beton am Boden des Abwasserkanals. (Bild: Stadt Luzern)
Beeinträchtigt die Statik: Alte Querung in der Decke des Abwasserschachts. (Bild: Stadt Luzern)
Blick auf die Pilatusstrasse (stadtauswärts): 40 bis 60 Zentimeter unter den orangen Pilonen verläuft der sanierungsbedürftige Abwasserkanal. (Bild: Stadt Luzern)
Blick in den sanierungsbedürftigen Abwasserkanal. (Bild: Stadt Luzern)
Haben schwere Schäden angerichtet: Eingedrungene Wurzeln. (Bild: Stadt Luzern)
Gefährlich: Längsriss in der Kanaldecke. (Bild: Stadt Luzern)
Ausgewaschene Kanalwände. (Bild: Stadt Luzern)
Der Schacht ist nur 120 Zentimeter hoch und 80 Zentimeter breit. (Bild: Stadt Luzern)
Unter den orangen Pilonen verläuft der marode Abwasserkanal: Blick auf die Pilatusstrasse (stadteinwärts). (Bild: Stadt Luzern)

Marode Schachtdecke: Am Abwasserkanal unter der Pilatusstrasse hat unübersehbar der Zahn der Zeit genagt. (Bild: Stadt Luzern)

Das Schadensbild, dass die Projektverantwortliche schildert, lässt aufhorchen: «Die Betonqualität ist mangelhaft, wie Kernbohrungen gezeigt haben. Wir entdeckten zahlreiche Längsrisse, auch im Scheitel des Kanals, also direkt unterhalb der Fahrbahn. Ausserdem ist der Boden des Kanals ausgefressen.» Insbesondere die hohe Verkehrsbelastung und die geringe Überdeckung des Kanals – 40 bis 60 Zentimeter liegen zwischen Kanal und Strassenoberfläche – hätten dem alten Bauwerk zugesetzt, erklärt Valery Volken von der Abteilung Siedlungsentwässerung beim Tiefbauamt der Stadt Luzern.

Wie akut die Einsturzgefahr ist, lässt sich gemäss Volken nur schwer abschätzen. Wiederholte Messungen hätten zwar gezeigt, dass der Kanal derzeit noch einigermassen stabil sei. Dies hauptsächlich wegen dem Kiesbett, das die marode Struktur umgebe. Dennoch sei das Risiko nicht zu unterschätzen. Volken betont:

«Die Statik ist so schlecht, dass sich eine Sanierung jetzt aufdrängt.»

Wenn der Kanal einstürzen würde, dann würde der Unterbau der Strasse in den Kanal fallen. «Ich bin mir ziemlich sicher, dass dann früher oder später auch der darüberliegende Fahrbahnbelag nachgeben würde.»

Zum unkalkulierbaren Risiko kommt eine unterhaltstechnische Überlegung hinzu: Würde der alte Abwasserkanal einstürzen, müsste er komplett neu gebaut werden. Denn dann könnte nicht in einem wesentlich einfacheren Verfahren ein neuer Kanal in den bestehenden eingezogen werden.

Und auch der Gewässerschutz spielt eine wichtige Rolle, «weil der Abwasserkanal nicht mehr dicht ist», so Volken. Wieviel Abwasser durch die undichten Stellen entweiche, könne man nicht sagen. Bei den Trinkwasserleitungen sei dies einfacher zu beziffern als bei Abwasserleitungen, vor allem bei alten Kanälen. «Der Abwasserkanal wurde in den vergangenen 100 Jahren nie saniert, nur regelmässig auf seinen Zustand hin untersucht und durchgespült, wie dies bei allen Abwasserkanälen der Stadt Luzern der Fall ist.»

Komplexe Logistik erschwert Arbeiten

Die Umstände für eine Sanierung könnten besser sein. Durch den sanierungsbedürftigen Kanal fliessen gemäss Angaben des Tiefbauamtes bis zu 1000 Liter Abwasser pro Sekunde, also ein Kubikmeter. «Wir können nur dann arbeiten, wenn die Witterung trocken ist. Denn wir müssen das Abwasser, das in den Kanal gelangt, umpumpen», sagt Projektleiterin Valery Volken. Wenn es regne, sei das nicht mehr möglich. Auch dürfe sich dann aus Sicherheitsgründen niemand mehr im Kanal aufhalten.

Um für die Sanierung nicht die ganze Strasse aufreissen zu müssen, was mit erheblichen Verkehrsbehinderungen verbunden wäre, hat sich der Bereich Siedlungsentwässerung der Stadt Luzern für das sogenannte Inliner-Verfahren entschieden. «Kanäle dieser Grösse auf diese Weise zu sanieren, ist Spezialistenarbeit», sagt Volken. Zuerst etwa müssen die Wurzeln im Kanal zurückgeschnitten und Querungen zurückgebaut werden.

Beeinträchtigt die Stabilität: Alte Querungen in der Kanaldecke. (Bild: Stadt Luzern)

Beeinträchtigt die Stabilität: Alte Querungen in der Kanaldecke. (Bild: Stadt Luzern)

Dann wird im sogenannten Inliner-Verfahren «ein speziell für diesen Kanal gefertigter Schlauch aus glasfaserverstärktem Kunststoff in den alten Kanal gezogen», wie die Projektleiterin erklärt. «Anschliessend wird dieser Schlauch so aufgeblasen, so dass er sich an die bestehenden Wände anpasst. Dann wird der Schlauch mit einer UV-Lichtanlage ausgehärtet.» So entstehe ein statisch selbsttragender neuer Kanal.

Doch auch dieses Verfahren behindert zeitweise den Verkehrsfluss. «Für den Einzug des insgesamt rund 50 Tonnen schweren Schlauchs muss an mehreren Orten die Strasse aufgerissen werden», teilte die Stadt Luzern am Donnerstag mit. Um die damit verbundenen Behinderung für den Verkehr möglichst gering zu halten und aus Sicherheitsgründen müsse nachts gearbeitet werden. Sämtliche Arbeitsschritte würden zwischen 20 Uhr und 6 Uhr ausgeführt.

Viel künstliches Licht nötig

Auf der Baustelle soll es bisweilen dennoch taghell werden: Für die Aushärtung des glasfaserverstärkten Kunststoffschlauchs kommen bis zu zwölf Lampen mit Leistungen von je 1000 Watt zum Einsatz. «Die Schlauchwand wird dabei langsam und gleichmässig auf zirka 160° C erhitzt und wird dadurch fest», erklärt Valery Volken vom Tiefbauamt.

Die Vorarbeiten starten gemäss der Stadt Luzern schon nächste Woche. Gegen Ende Mai werden die Zugangsöffnungen zum Kanal erstellt. Ab der zweiten Juniwoche soll etappenweise der Kanalschlauch eingezogen und ausgehärtet werden. Volken weiss:

«Die Pilatusstrasse zwischen Bahnhof- und Viktoriaplatz wird zeitweise nur eingeschränkt befahrbar sein.»

Teils müsse der Verkehr zwischen Bahnhof- und Viktoriaplatz gar einspurig geführt werden.

Unter der Stadtluzerner Hauptverkehrsachse schlummert ein Risiko. Der rund 100 Jahre alte Abwasserkanal hat Risse bekommen und muss dringend saniert werden. (Plan: Tiefbauamt Stadt Luzern)
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Um die Auswirkungen auf den Verkehr möglichst gering zu halten, setzt man auf ein neuartiges Verfahren. (Plan: Tiefbauamt Stadt Luzern)
Um für die Sanierung nicht die ganze Strasse aufreissen zu müssen, wird im alten Kanal ein neuer erstellt. (Plan: Tiefbauamt Stadt Luzern)

Unter der Stadtluzerner Hauptverkehrsachse schlummert ein Risiko. Der rund 100 Jahre alte Abwasserkanal hat Risse bekommen und muss dringend saniert werden. (Plan: Tiefbauamt Stadt Luzern)

Fertig sein sollen die Arbeiten innerhalb von zirka sechs Wochen – wenn das Wetter mitspielt. Denn der Abwasserkanal muss für die Arbeiten trocken sein. Die Kosten für die Sanierung betragen laut der Stadtverwaltung rund 750’000 Franken. Der neue Abwasserkanal soll dann  50 bis 80 Jahre lang halten.

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