EINZELMASKE: Die Zeit der Superlative

Kolumne zur Fasnacht

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Michael Graber, Kulturredaktor

Michael Graber, Kulturredaktor

Mit der Fasnacht ist es ein bisschen wie mit den eigenen Kindern. Jeder ist überzeugt, er habe «die beste» oder «die schönste» oder «die tollste». Es ist die Zeit der Superlative. Und wenn man bezüglich Grösse nicht mit der Luzerner Fasnacht mithalten kann, dann werden halt Ersatzsuperlative gesucht. Die Dorffasnacht ist dann wahlweise «die gemütlichste», «die familiärste» oder «die traditionellste». Ohne Artikel macht man es gar nicht erst.

Wobei: Der kann während der Fasnacht auch einfach durch «rüüdig» ersetzt werden. «Rüüdig» ist nämlich fast noch ein bisschen besser als «der», «die» und «das». Also «rüüdig schön», «rüüdig gemütlich» oder «rüüdig toll». Wenn dann alle Adjektive aufgebraucht sind, kann man im Notfall zur Wunderwaffe greifen: «die Rüüdigste.» Was das genau heissen soll, weiss wohl nicht einmal Bruder Fritschi. Aber das ist eigentlich ja egal. Rüüdig egal, um genau zu sein.

Aber nicht nur alle Fasnachten sind rüüdig verreckt, sondern auch noch alle Guuggenmusigen, Kleinformationen, Strassentheater, Kostüme, Wagengruppen. «Die Originellsten» spielen neben «den Lustigsten» und trinken nachher «das leckerste» Kafi bei «der fätzigsten» Bar.

Unschöne Nebenwirkung: Der Aschermittwoch wird durch die ganze Superlativerei noch viel härter. Neben «dem verrecktesten Kater» gilt es dann auch wieder, in die Durchschnittlichkeit zurückzukehren. Da wird aus «der heissesten Katze» wieder die Büroangestellte und aus «dem rüüdigsten Guugger» wieder der Handwerker. Das ist meistens rüüdig doof.

Es muss ja wirklich nicht immer «die rüüdig verreckteste Monsterguugge in dem weltbesten Kafizelt» sein. Wenn irgendwo «der normalste Umzug» mit «den durchschnittlichsten Musigen» und «dem lauwarmsten Holdrio» stattfinden würde, stünde ich sicher am Strassenrand. Inklusive «der mittelrüüdigsten Verkleidung». Dafür mit «den allerbesten» Kindern, aber das ist ein anderes Thema.
 

Michael «der Durchschnittlichste» Graber

michael.graber@luzernerzeitung.ch