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EMMEN: «Die Ausländer gehören zu Emmen»

Emmen hat den höchsten Ausländeranteil im ganzen Kanton Luzern. In der Gemeinde sieht man das nicht als Nachteil.
Beatrice Vogel
Ausländische und Schweizer Kinder aus dem Meierhöfli-Quartier nahmen letzte Woche an einem Integrationsprojekt teil. (Bild Nadia Schärli)

Ausländische und Schweizer Kinder aus dem Meierhöfli-Quartier nahmen letzte Woche an einem Integrationsprojekt teil. (Bild Nadia Schärli)

Beatrice Vogel

33,3 Prozent: Dieser Anteil der Wohnbevölkerung Emmens besteht aus Ausländern. Damit hält Emmen den Ausländer-Rekord im Kanton Luzern. Und zwar mit Abstand: Auf dem zweiten Platz rangiert Nebikon mit 26,5 Prozent Nicht-Schweizern.

Dass ein Drittel der Emmer Bevölkerung aus Ausländern besteht, ist historisch bedingt. Um 1900 wurden hier grosse Fabriken gebaut – allen voran die Eisenfabrik von Moos und die Kunstseidefabrik Viscose. Die Industriebetriebe lockten Gastarbeiter aus Italien, Portugal und Spanien an. Viele von ihnen blieben für immer. Die florierende Wirtschaft führte in Emmen zu einem rasanten Bevölkerungswachstum. Zählte die Gemeinde um 1910 rund 4000 Einwohner, waren es gut 30 Jahre später bereits 10 000. Die 30 000er-Marke wurde bekanntlich Ende letzten Jahres erreicht (Ausgabe vom 2. Dezember 2015).

Ein Viertel aus Serbien und Kosovo

Der Wirtschaftsboom hatte in den 90er-Jahren ein Ende: Wegen Deindustrialisierung und Fusionen wurden viele Arbeitsplätze abgebaut. Zahlreiche Arbeiter, die ihre Stelle verloren hatten, zogen weg. Der frei gewordene günstige Wohnraum zog Neuzuzüger aus dem Ausland an. Dies in einer Zeit, als im ehemaligen Jugoslawien Krieg wütete. Die Folgen lassen sich noch heute in der Einwohnerstatistik ablesen: Der grösste Anteil an Ausländern in Emmen stammt aus Serbien und dem Kosovo, nämlich 24,4 Prozent; aus Kroatien stammen 7,7 Prozent. An zweiter Stelle befinden sich die Italiener und die Portugiesen mit je einem Anteil von 13,3 Prozent.

Interessant ist: Während sich die Schweizer Bevölkerung seit den 80er-Jahren um 20 000 Einwohner eingependelt hat, nimmt der ausländische Bevölkerungsanteil kontinuierlich zu. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass ausländische Familien kinderreicher sind. Eine andere Möglichkeit wäre, dass durch die Abkommen mit der EU, die den Aufenthalt in der Schweiz für Ausländer erleichtern, eine Einbürgerung seltener als notwendig erachtet wird.

Rund 100 Einbürgerungen jährlich

Einer, der sich mit Einbürgerungen auskennt, ist Bruno Marti. Er sitzt für die SVP in der Bürgerrechtskommission der Gemeinde Emmen – seit deren Gründung 2005. Seiner Ansicht nach sind jene Ausländer, die sich einbürgern lassen, heute besser integriert als früher. «Es sind mehrheitlich junge Secondos, die hier aufgewachsen sind», sagt er. «Gefühlsmässig würde ich aber sagen, dass sich tendenziell weniger Leute einbürgern lassen als früher.»

Jährlich werden zwischen 100 und 130 Gesuche von der Bürgerrechtskommission behandelt. Nur vereinzelte werden abgelehnt, einige werden sistiert oder zurückgezogen. «Die meisten Gesuchsteller besuchen Sprachkurse und den Kurs der Caritas, wo sie in Staatskunde, Geschichte und Geografie unterrichtet werden. Das ist sehr empfehlenswert», so Marti. Abgelehnt werden deshalb so wenige, weil nur jene Gesuchsteller vor die Kommission kommen, die einen relativ hohen Grad an Integration und Sprachkompetenz aufweisen.

Urnenabstimmungen abgeschafft

«Die Einführung der Bürgerrechtskommission hat sich sehr bewährt», bilanziert Bruno Marti. Die Kommission sei in der Bevölkerung breit akzeptiert. Dieser positiven Entwicklung geht ein turbulentes Kapitel der Emmer Geschichte voraus. 1999 wurde die Einbürgerungsinitiative der Schweizer Demokraten angenommen. Fortan stimmte das Volk an der Urne über Einbürgerungen ab. Jahrelang war Emmen dadurch negativen Schlagzeilen ausgesetzt, von Volkswillkür und Diskriminierung war die Rede. Dies auch deshalb, weil von jenen Gesuchstellern, die an der Urne abblitzten, fast alle aus dem Balkan stammten. Ein Bundesgerichtsurteil setzte der Praxis 2003 ein Ende: Urnenentscheide über Einbürgerungen seien verfassungswidrig, entschieden die Richter. Dies führte in Emmen zu einem Einbürgerungsstopp; 2005 nahm die neue Kommission ihre Arbeit auf. Das Urteil hatte zudem Folgen für viele andere Gemeinden, die dasselbe System kannten.

«Sehen Ausländer als Chance»

Negative Schlagzeilen in Bezug auf Ausländer gehören für Emmen mittlerweile der Vergangenheit an. «Es herrscht eine positive Grundhaltung», sagt Gemeindepräsident Rolf Born (FDP). «Die Ausländer gehören zu Emmen.» Trotzdem sei es schade, dass Emmen noch in vielen Köpfen ein negatives Image habe.

«Wir sehen die Ausländer nicht als Problem, sondern als Chance», ergänzt Sozialvorsteher Thomas Lehmann (FDP). Die Gemeinde hat mittlerweile eine Stärke aus ihrem Ausländerrekord gemacht: «Unsere Integrationsangebote sind eine Erfolgsgeschichte, und auch die Vereine leisten viel Integrationsarbeit», so Lehmann.

Möglich, dass es auch deshalb so viele Vereine in Emmen gibt. 157 sind es laut Gemeindehomepage – ebenfalls ein mutmasslicher Rekord im Kanton. «Ohne das ehrenamtliche Engagement der Vereine wäre Integration weniger erfolgreich», sagt Marcus Nauer, Leiter Bereich Gesellschaft der Gemeinde Emmen. Die Ausländer organisieren sich auch selbst. So gibt es zahlreiche Vereine, die sich einer Nation zuordnen lassen. Etwa das italienische Centro Papa Giovanni, der tschechisch-slowakische Turnverein Sokol, das islamisch-albanische Kulturzentrum oder der tamilische Verein Naku.

Fokus auf Projekte mit Kindern

Die Strategie der Gemeinde ist: Gezielt Projekte fördern, die nach der Pilotphase zum Selbstläufer werden. Ein solches Angebot betreibt der Verein Delia (Deutsch lernen im Alltag für Migrantinnen in Emmen). Seit zehn Jahren bietet er Deutschkurse für Frauen an. Und alle zwei Wochen findet ein Nähcafé statt, bei dem die Frauen Gelegenheit haben, Deutsch zu sprechen und nebenbei Kleider zu ändern oder zu flicken, zu basteln oder Spiele zu spielen. «Wir haben festgestellt, dass es vor allem für Frauen so ein Angebot braucht, weil sie wenig Gelegenheit haben, Gespräche auf Hochdeutsch zu führen», sagt Sibylle Meyer, Präsidentin des Vereins Delia.

Das neuste Projekt der Gemeinde heisst «Bildungslandschaft». Seit Januar 2015 nimmt die Schule Meierhöfli daran teil. Sie ist eine von sechs Schulen im Kanton mit einem Anteil von mindestens 40 Prozent fremdsprachiger Schüler – so die Teilnahmebedingung. «Ziel ist, das Quartier und die Schule Meierhöfli stärker zu vernetzen», erklärt Marcus Nauer. Letzte Woche fand im Rahmen des Projekts eine Aktionswoche statt. Die Gemeinde legt gemäss Nauer einen Fokus auf Projekte mit Kindern, da bei ihnen Integration früh und einfacher möglich ist.

Aus Marcus Nauers persönlicher Sicht hat sich das Leben in Emmen von einem Nebeneinander zum Miteinander von Schweizern und Ausländern entwickelt. «In den zwanzig Jahren, in denen ich in Emmen wohne, hat sich das Zusammenleben zum Positiven verändert», sagt er.

Bild: Grafik Neue LZ

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