EMMEN: Flotte Tänzerin schnappte sich den Musiker

Alice und Kurt Würgler sind seit 65 Jahren verheiratet. Als die Frau den Örgelispieler sah, gab sie ihrem Freund den Laufpass.

Roger Rüegger
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Sind noch immer verliebt: Alice und Kurt Würgler feiern am heutigen Mittwoch (22. Mai 2013) im Betagtenzentrum Herdschwand ihren 65. Hochzeitstag. (Bild: Corinne Ganzmann / Neue NZ)

Sind noch immer verliebt: Alice und Kurt Würgler feiern am heutigen Mittwoch (22. Mai 2013) im Betagtenzentrum Herdschwand ihren 65. Hochzeitstag. (Bild: Corinne Ganzmann / Neue NZ)

Im Restaurant Homberg, hoch über dem Hallwilersee, haben sich Alice (89)und Kurt Würgler (90) vor 68 Jahren kennen gelernt. «Ich habe mit einem Kollegen am Hoger obe Musik gemacht. du warst zum Tanz mit deinem Freund dabei», lässt Kurt Würgler den Moment ihrer ersten Begegnung Revue passieren. Er habe immer Handörgeli gespielt. So musste es wohl geschehen, dass ihm beim Musizieren die Frau fürs Leben über den Weg laufen würde.

Heute vor 65 Jahren, am 22. Mai 1948, haben die beiden geheiratet. Verliebt seien sie immer noch. «Jaja, sicher. Wir sind zwar schon ewig zusammen, haben uns aber unsere Freiheiten gelassen», sagt Kurt Würgler.

Er verlangte ihre Adresse

«Ich konnte ziemlich gut tanzen», setzt Alice Würgler die Geschichte fort. So gut, dass der Mann am Örgeli von ihr die Adresse verlangte. «Meinem damaligen Freund gab ich den Laufpass. Der war sowieso in der Rekrutenschule und hat mir zu viel Bier getrunken. Ich sagte ihm, er könne mir in die Schuhe blasen», sagt sie lachend. Ihr Mann nickt. «Später gingen wir nach Pfeffikon bei Reinach zum Tanz. Sie war wirklich eine flotte Tänzerin.»

Die Tänzerin und der Musiker – eine ideale Mischung. Da kam nichts dazwischen. Er musizierte fast 50 Jahre an Fasnachten und Hochzeiten, und sie liess ihn stets mit seinen Musikkollegen losziehen. Nur manchmal begleitete sie ihn und tanzte dann eben mit anderen. Gefährlich wurde es für die Beziehung dennoch nie. Eine Geschichte ist ihr geblieben: «An einer Fasnacht tanzte ich mit einem Briefträger. Nach der Demaskierung sagte er, dass ich ihm gefalle und eine für ihn wäre. Ich entgegnete ihm, dass der am Örgeli mein Schatz sei und dies auch bleibe.»

Plötzlich schwanger

Alice und Kurt haben erst nach einer Weile zueinander gefunden. Sie gingen zwar zusammen, aber beide wohnten noch zu Hause. «Wir konnten uns keine Heirat leisten. Also mussten wir sparen, um eine Familie zu gründen», sagt sie. Nach drei Jahren habe sich «etwas gemeldet». Alice war schwanger – so habe Sohn Kurt (heute 65) dafür gesorgt, dass die Hochzeit vorangetrieben wurde.

Alice arbeitete bis zur Hochzeit in einem Haushalt eines Tabakfabrikanten in Gontenschwil. Später dann in einer Schirmfabrik in Birrwil. «Oh, ich habe dieses Handwerk geliebt», erzählt sie. Als der Sohn das Licht der Welt erblickte, ist das frisch verheiratete Ehepaar in eine Wohnung im Haus von Kurts Eltern eingezogen.

Die junge Mutter hat sich fortan um ihre Familie gekümmert, was ihr viel Kraft abverlangte. «Die Zeit war nicht immer lustig. Unser Sohn litt an Krankheiten.» Auch das Zusammenleben mit den Schwiegereltern und dem Schwager unter einem Dach sei nicht leicht gewesen. Dennoch blieben sie 20 Jahre in dem Haus, ehe sie umzogen und weitere 10 Jahre in Reinach blieben. Kurt Würgler arbeitete in der Aluminium­fabrik im Werk Reinach als Waage-Chef. Erst nach seiner Pensionierung zogen die Würglers in die Innerschweiz nach Buchrain. «Wir sind unserer Tochter Yasmin, die in Reussbühl wohnt, in diese Region gefolgt», sagt Alice Würgler.

Von Altersheim zu Altersheim

Die Tochter ist 15 Jahre nach dem Sohn zur Welt gekommen. «Yasmin ist so eine liebe Tochter. Sie kümmert sich um alle unsere Angelegenheiten», sagt Alice Würgler. Ein Beispiel: Die beiden mussten kürzlich vom Altersheim Känzeli in Ebikon ausziehen und haben im Betagtenzentrum Herdschwand in Emmenbrücke in zwei Einzelzimmern ein neues Zuhause gefunden. «Das hat Yasmin organisiert. Es war nicht einfach, etwas zu finden», weiss die Mutter.

Drei Ferienkässeli gefüttert

Das Ehepaar ist nicht nur sich treu geblieben, sondern sie haben auch sonst ein konstantes Leben geführt. So sind sie während 23 Jahren in dasselbe Chalet in Grächen VS in die Ferien gefahren. «Ich habe jeweils drei Kässeli mit Kleingeld gefüttert, damit wir in die Ferien konnten. Es hat immer gereicht», sagt sie. Ein Auto hatten sie jedoch nie. Das hätte zu viel gekostet, sagt Kurt Würgler, der stets mit einem Zweigangtöffli unterwegs war.

Trotz den Entbehrungen war das Paar immer glücklich. «Wenn man in den Nachrichten sieht, dass durch Wirbelstürme oder Erdbeben ganze Familien ihr Heim verlieren, dann wollen wir nicht klagen», sagt Alice Würgler, während sie und ihr Mann vor der Fotografin für das Bild posieren. Als der Blitzschirm plötzlich von einem Windstoss gepackt wird und umkippt, ergreift die rüstige Frau Würgler sofort die Initiative und biegt das verbogene Gestänge wieder gerade. «Mit Schirmen kenne ich mich immer noch aus, die habe ich schliesslich viele Jahre hergestellt.» Eine grosse Feier zu ihrem Jubiläum gibt es übrigens noch nicht. «Das holen wir nach. Unser Sohn wird dieses Jahr 65 und die Tochter 50. Wir feiern alles auf einmal.»