EMMEN: Hier wurde der Dorfplatz neu erfunden

Das Emmen Center wird 40 Jahre alt. Mit der Eröffnung hielt 1975 eine völlig neue Shopping-Kultur in der Zentralschweiz Einzug. Viele, die das Center damals kritisierten, profitierten später selber davon.

Sandra Monika Ziegler
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Die Baustelle des Shopping Centers Emmen in den Siebzigerjahren. (Bild August Stocker)

Die Baustelle des Shopping Centers Emmen in den Siebzigerjahren. (Bild August Stocker)

Sandra Monika Ziegler

Nur schon die Pläne, in Emmen ein Shopping-Center zu bauen, rüttelten die Luzerner Geschäftsherren gehörig auf. Die Vorstellung, dass diverse Geschäfte gemeinsam unter einem Dach Ware anbieten, machte den städtischen Detaillisten Angst. Deshalb schlossen sie sich 1969 zum Verein City-Vereinigung Luzern (CVL) zusammen – sechs Jahre, bevor das Shopping-Center tatsächlich Realität wurde. Der heutige CVL-Präsident Franz Stalder sagt: «Ich würde das rückblickend nicht als Angst bezeichnen. Es war einfach klar, dass wir uns solidarisieren müssen. Denn nur gemeinsam sind wir stark.» Das sei übrigens heute noch so, speziell mit Blick auf die in Ebikon geplante Mall of Switzerland, betont Stalder.

«Es kam sogar zu Austritten»

Als das Shopping-Center Emmen 1975 seine Tore öffnete, hatte es bereits viel von seinem Schrecken verloren. Selbst Mitglieder der City-Vereinigung liessen es sich nicht nehmen, eine Filiale im neuen Einkaufszentrum zu eröffnen. Stalder erinnert sich noch gut: «Das goutierten lange nicht alle, es kam sogar zu Austritten.»

Erstmals einkaufen konnte man im Shopping-Center am 17. Februar 1975. Insgesamt 45 Geschäfte waren unter einem Dach vereint. Das Projekt der Maus Frères SA, eines Genfer Familienunternehmens, war eine Pioniertat. Nach dem Shopping-Center Spreitenbach (1970) und dem Glattzentrum, das knapp eine Woche zuvor eröffnet wurde, war Emmen erst das dritte Einkaufszentrum der Schweiz. Die Euphorie über die amerikanische Einkaufsidee von «one stop shopping» war gross. Der erste Direktor des Shopping-Centers Emmen, Josef Esterhazy, erinnert sich: «Bereits im ersten Jahr wurde ein Umsatz von 96,2 Millionen Franken erzielt. Als ich 26 Jahre später ging, war der Umsatz bei etwa 200 Millionen Franken.» Zum Vergleich: 2013 betrug der Umsatz 254 Millionen Franken.

Auf der Homepage der Gemeinde Emmen ist zu lesen: «Ein Meilenstein in der Gemeindegeschichte ist die Eröffnung des Shopping-Centers Emmen 1975. Der Einkaufstempel nach amerikanischem Vorbild löst kontroverse Diskussionen aus. Was Befürworter als wirtschaftlichen Impuls begrüssen, sehen die Gegner als Gefahr für das regionale Gewerbe, zum Beispiel an der Gerliswilstrasse.»

VBL hatten kein Interesse

Doch auch Geschäfte der Gerliswil­strasse hätten im Center eine Zweit­filiale eröffnet, erzählt Esterhazy. Das Center hatte aber auch Rückschläge. So sei die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ein grosses Anliegen der Betreiber gewesen. Die VBL boten damals nicht Hand. Als die Center-Betreiber den Vorschlag machten, die Linie 2 bis zum Einkaufstempel zu verlängern, stiessen sie auf taube Ohren. Esterhazy: «Deshalb kam die Auto AG Rothenburg mit der Linie 53 zum Zug. Sie waren bereit, das Shopping zu bedienen, deshalb finanzierten wir dort mit.» Und weil damals die Seetalbahn vor dem Shopping-Center durchfuhr, träumte man auch von einer eigenen Bahnhaltestelle. Doch auch das blieb Wunschdenken. Das ist heute schwer vorstellbar. Denn die ÖV–Anbindung wird beim Bau von Einkaufszentren verlangt.

«Es gab praktisch alles»

Eine Frau der ersten Stunde ist auch Ursula Rast. Sie begann mit 24 Jahren ihre Arbeit in der Drogerie Finsler. An die ersten Arbeitstage erinnert sie sich nicht mehr genau. Doch das damals breite Drogerie-Sortiment hat sie noch à jour: «Es gab praktisch alles, vom Parfüm über Taschen zu Glaswaren bis zum Schmuck.» In einem Shopping-Center fern vom Tageslicht zu arbeiten, habe ihr gar nichts ausgemacht, im Gegenteil: Sie sei sogar froh gewesen, nichts vom Wetter mitzubekommen. Ursula Rast: «Das hätte mich nur von der Arbeit abgehalten.» Ursula Rast ist auch nach 40 Jahren begeistert vom Center. Ende März geht sie in Pension.

Knapp 25 Jahre nach der Eröffnung wurde umgebaut und um ein Stockwerk erhöht. Das gab zusätzliche 5000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Und aus dem Shopping-Center wurde das Emmen Center. Dass das Datum für die Neueröffnung auf den 11. September 2001 fiel, war Schicksal. Esterhazy: «Unter dem Schock des 9/11 war die Stimmung sehr gedrückt.» Ein Jahr später wechselte Josef Esterhazy ins Gastgewerbe. Doch heute noch zeigt er sich begeistert von «seinem Shopping».

Center erhielt Design-Preis

Sein Nachfolger wurde Bruno Kunz, der für die nächsten zehn Jahre blieb. Ein weiterer Höhepunkt war das Jahr 2004: Das Center erhielt für die Renovation und Erweiterung den renommierten «Design and Development Award» vom International Council of Shopping Centers. Damit wurde das Emmen Center in der Kategorie bis 50 000 Quadratmeter in den Zenit gehoben. Bruno Kunz reiste mit Entourage an die Preisverleihung in die USA. Damals sagte er gegenüber unserer Zeitung: «Unsere Kunden haben nun die Bestätigung, in einem der weltbesten Einkaufscenter shoppen zu können.» Buchstäblich den Bach runter ging mit dem Hochwasser von 2005 das gesamte Archiv des Emmen Centers, das sich im Kellergeschoss befand. Mit dem Archiv gingen auch zahlreiche Fotoaufnahmen aus der Anfangszeit verloren.

Shoppen allein genügt nicht mehr

Gemäss Hergiswiler Marktforschungsinstitut GfK war das Emmen Center im Jahr 2013 mit einem Umsatz von 254 Millionen Franken die Nummer sechs und flächenmässig mit 34 000 Quadratmetern die Nummer 13 im Schweizer Markt. Die Zahlen zeigen: Das einstige Unikum in Emmen hat zahlreiche Konkurrenz erhalten – und bald wird mit der Mall of Switzerland in Ebikon ein weiteres Gross-Center um Kunden buhlen. Für den heutigen Direktor des Emmen Centers, Roland Jungo, ist klar, dass man nur überleben kann, wenn man sich von den anderen abhebt.

Das Zauberwort heisst «Events». Mit Modeschauen, Panini-Tauschbörsen oder Themenausstellungen werden neue Kunden ins Center gelockt. Zehn grosse und zwanzig kleinere Events gehen in Emmen pro Jahr über die Bühne. «Wir sind der Dorfplatz. Es geht um Sehen und Gesehenwerden, sich zu unterhalten. Und dann wird noch eingekauft», bringt es Roland Jungo auf den Punkt. Zur Mall of Switzerland, die 2017 eröffnen soll, sagt Jungo: «Es hat immer schon Konkurrenz gegeben, so etwa der Länderpark und die Luzerner Innenstadt. Wir müssen einfach weiterhin unser Bestes geben, müssen agieren und reagieren.»

Das «Wägeli» war auch eine Neuerung, die mit dem Shoppingcenter Einzug hielt.

Das «Wägeli» war auch eine Neuerung, die mit dem Shoppingcenter Einzug hielt.

Ursula Rast arbeitet seit der Eröffnung im Center. Ende März geht sie nach 40 Jahren in Pension. (Bild Boris Bürgisser)

Ursula Rast arbeitet seit der Eröffnung im Center. Ende März geht sie nach 40 Jahren in Pension. (Bild Boris Bürgisser)