EMMEN: Keine Balkone für Senioren

Bewohner des neuen Alterszentrums Emmenfeld müssen künftig auf einen eigenen Balkon verzichten. Balkone seien nicht mehr zeitgemäss, heisst es.

Simon Bordier und Robert Knobel
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Das neue Alterszentrum Emmenfeld von aussen. Die Zimmer haben zwar Balkontüren, aber keine Balkone. (Bild Eveline Beerkircher)

Das neue Alterszentrum Emmenfeld von aussen. Die Zimmer haben zwar Balkontüren, aber keine Balkone. (Bild Eveline Beerkircher)

Simon Bordier und Robert Knobel

Bald ziehen die ersten Bewohner ins neu erstellte Alterszentrum Emmenfeld. Der 65 Millionen Franken teure Neubau dient als Ersatz für das fast 40-jährige Alters- und Pflegezentrum Herdschwand. Im Emmenfeld warten 162 moderne, 27 Quadratmeter grosse Einzelzimmer mit eigenem WC und Dusche auf die Bewohner. Bei allem Komfort fällt aber ein Detail auf: Anders als im Zentrum Herdschwand bietet keines der Zimmer einen eigenen Balkon.

«Anstelle herkömmlicher Balkone haben die Zimmer französische Balkone», sagt Richard Kolly, Geschäftsführer der Betagtenzentren Emmen. Bei «französischen Balkonen» gibt es zwar zwei zimmerhohe Fensterflügel, die sich wie Balkontüren öffnen lassen. Doch dahinter ist bloss ein einfaches Gitter, das bei geöffneten Fenstern vor dem Herausfallen schützt; es fehlt der eigentliche Anbau.

Grössere Zimmer statt Balkon

Kostenüberlegungen hätten keine Rolle gespielt, sagt Kolly: «Wir haben ganz bewusst anstelle der Balkonfläche die Zimmer grösser gemacht.» Denn herkömmliche Balkone seien in Pflegeheimen immer weniger gefragt. «Bei der Planung des Neubaus haben wir gegen zehn Heime in der Schweiz besucht, die diesen Eindruck bestätigten», so Kolly.

Das durchschnittliche Eintrittsalter der Heimbewohner steige und damit auch deren Pflegebedürftigkeit. «Viele Pensionäre reagieren empfindlich auf Wind oder direkte Sonneneinstrahlung», so Kolly. Mit einem französischen Balkon und einem zweiten Erkerfenster pro Zimmer lasse sich die frische Luft und die grüne Aussicht unabhängiger von der Witterung geniessen. «Auf jeder der oberen vier Etagen gibt es zudem je sechs Loggien, die zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stehen», sagt er. Der Garten im Innenhof sowie die Dachterrasse mit ihrem spektakulären Fernblick böten weitere Rückzugsorte an der frischen Luft. Das Emmenfeld steht unmittelbar neben dem Flugplatz Emmen. Hat man womöglich auch wegen des Fluglärms auf Balkone verzichtet? Richard Kolly verneint – das habe bei der Planung keine Rolle gespielt.

Sandra Remund ist diplomierte Architektin und auf altersgerechtes Wohnen spezialisiert. Für das Beratungsunternehmen Altervia hat sie in der Region Luzern schon zahlreiche Bauprojekte im Pflegebereich begleitet; beim Neubau in Emmen ist sie nicht involviert. «Bei stationären Wohnangeboten empfehlen wir tendenziell, auf Balkone vor Einzelzimmern zu verzichten und stattdessen französische Balkone anzubieten», bestätigt sie den Trend. Denn so würden die Zimmer besser mit Tageslicht versorgt. «Jedoch sollte dann den Bewohnern unbedingt ein grosszügiger gemeinschaftlich nutzbarer Balkon in der Wohngruppe zur Verfügung stehen.»

Auch bei Curaviva, dem Verband Heime und soziale Institutionen Schweiz, hat man den Trend hin zu weniger Balkonen festgestellt. «Bauherren machen die Beobachtung, dass die Bewohner Balkone tendenziell nicht oder sehr wenig nutzen», sagt Dominik Lehmann, Sprecher von Curaviva Schweiz. Wenn man aber spezifisch danach frage, «so möchte die Mehrheit der Bewohner und vor allem deren Angehörige jedoch einen Balkon». Und dieses Bedürfnis werde künftig noch zunehmen. Schliesslich sind Aussensitzplätze bei neuen Wohnbauten heute selbstverständlich – und die heutigen Jungen werden wohl nur ungern darauf verzichten, wenn sie dereinst ins Altersheim ziehen. Deshalb, so die Einschätzung von Curaviva, werde die Bedeutung von Balkonen in Zukunft auch in Alterszentren wieder zunehmen.

Stadt Luzern setzt auf Balkone

In Luzern bieten praktisch alle städtischen Betagtenzentren Zimmer mit Balkon an – darunter auch das kürzlich sanierte Alterszentrum Staffelnhof. «Ein Balkon bedeutet einen Mehrwert», sagt Joel Früh, Sprecher von Viva Luzern. Viele Bewohner, und vor allem auch die Angehörigen, wünschen sich einen Balkon. Das Vorhandensein eines Balkons wirkt sich auch auf den Zimmerpreis aus. «Bei neuen Bauvorhaben achten wir darauf, jeweils eine gewisse Anzahl Balkone zu realisieren», erklärt Früh.

Bewohner ziehen im September ein

red. Zwischen dem 14. und 18. September werden die Bewohner des bisherigen Alterszentrums Herdschwand ins neue Betagtenzentrum Emmenfeld an der Kirchfeldstrasse 27 umziehen. Mit dem Umzug ist ein spezialisiertes Unternehmen betraut worden, unterstützt vom Zivilschutz. Es handelt sich hierbei um die Firma Onandon des Luzerner FDP-Grossstadtrats Reto Kessler. Die Firma hatte bereits im Oktober 2013 den Umzug des Altersheims Sonnmatt in Hochdorf in den Neubau Rosenhügel geleitet.

Tag der offenen Tür

Bevor die Bewohner in ihr neues Heim ziehen, ist die Bevölkerung eingeladen, den Neubau im Emmenfeld zu besichtigen. Am Wochenende vom 5./6. September steht das Alterszentrum jeweils zwischen 10 und 17 Uhr offen.

www.betagtenzentren-emmen.ch