Emmenbrücke soll zur Filmstadt werden

Eine prominent besetzte Interessengemeinschaft will Filmemacher in die Viscosistadt locken. Noch fehlen aber Investoren.

Federico Gagliano
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Niklaus Zeier, ehemaliger Kommunikationschef der Stadt Luzern und Präsident der Film Commission Lucerne & Central Switzerland, beim ehemaligen «Tatort»-Filmset in der Viscosistadt.

Niklaus Zeier, ehemaliger Kommunikationschef der Stadt Luzern und Präsident der Film Commission Lucerne & Central Switzerland, beim ehemaligen «Tatort»-Filmset in der Viscosistadt.

Bild: Dominik Wunderli (Emmenbrücke, 26. November 2019)

Der Luzerner «Tatort» ist Geschichte. In der Viscosistadt in Emmenbrücke, wo rund die Hälfte der Dreharbeiten stattfanden, ist es aber nicht ruhiger geworden – im Gegenteil. Bei einem Besuch des Gebäudes an der Spinnereistrasse 3 hört man bereits die Proben zum Musical «Heimweh» im oberen Stockwerk. Im Erdgeschoss stellt Panasonic an einem privaten Anlass neue Beamergeräte vor. Und später wird im zweiten Stock, wo noch das Original-Filmset des «Tatort»-Polizeireviers steht, das Luzerner Theater für das Stück «Tatort Frankenstein» proben, welches im März aufgeführt wird.

Sie lebt also, die Viscosistadt, zusammengehalten von ganz unterschiedlichen Teilen. Unter anderem von der Hochschule Luzern für Design und Kunst, die 2016 auf das ehemalige Industrieareal zügelte. In den nächsten Jahren soll hier aber ein neues Kerngeschäft entstehen: ein Zentrum für den Schweizer Film – eine Filmstadt. Als wir eine der Hallen betreten, erklärt Niklaus Zeier, ehemaliger Kommunikationschef der Stadt Luzern und seit Juni Präsident der Film Commission Lucerne & Central Switzerland: «Hier wollen wir die Decke entfernen, damit die Halle doppelt so hoch wird.» Die so gewonnene Raumhöhe eröffne ideale Möglichkeiten für Filmschaffende.

Film-Know-how wandert ab

Hinter dem Projekt steht eine Interessengemeinschaft, die Film Commission Lucerne & Central Switzerland ist Teil davon. Sie ermöglicht es Fernseh- und Filmproduktionen, ihre Dreharbeiten im Gebiet möglichst unkompliziert zu realisieren. Die Kommission, der unter anderem der Luzerner Tourismusdirektor Marcel Perren, alt Stadträtin Ursula Stämmer oder Beat Hensler, Sekretär der Zentral­schweizer Regierungskonferenz, angehören, ist nur einer der Partner: Involviert ist unter anderem die Zürcher Produktionsfirma L’Aldila Films oder der technische Dienstleister für Veranstaltungen und audiovisuelle Installationen Auviso, der seinen Sitz bereits jetzt in der künftigen Filmstadt hat.

Das Ziel: Ein Ort, wo Spielfilme oder Serien, aber auch Werbefilme entstehen können. Die Idee sei während der Dreharbeiten an Serien wie «Tatort» und «Wilder» entstanden. Besonders Zürcher Produzenten hätten angeregt, die Viscosistadt weiter als Filmlocation anzubieten – schliesslich gibt es in der Schweiz kein derartiges Angebot, erzählt Zeier. Besonders die Werbebranche sei immer auf der Suche nach solchen Orten. Dass die Viscosistadt dafür geeignet ist, hat sich bereits bei vergangenen Dreharbeiten gezeigt. Nötig sei eine solche Filmstadt auch, um die Abwanderung des Film-Know-how ins Ausland zu bremsen, so Zeier. Die Filmstadt soll Arbeits-, Ausbildungs- sowie Werkplatz an einem Ort verbinden – und nebenbei auch den Standort Luzern stärken.

Gut für Werbebranche

(fg) Was halten Filmemacher vom Projekt Filmstadt? Der Luzerner Lukas Hobi, Produzent und Gründer der Filmproduktionsfirma Zodiac Pictures, sieht vor allem für die Werbebranche Potenzial, da diese nur wenige Tage am Stück drehen muss. «Filmproduktionen können mehrere Wochen oder Monate in Anspruch nehmen. Während dieser Zeit könnte die Halle nicht für Events genutzt werden.» Auch sei das Know-how für Kulissenbau im Ausland grösser. Wo man einen Film dreht, sei immer eine Frage der benötigten Infrastruktur – und des Preises. Schweizer Filme hätten eher kleinere Budgets und drehten deshalb oft ausserhalb eines Studios. Trotzdem ist für Hobi das Projekt eine tolle Sache mit viel Zukunftspotenzial: «Auch Schweizer Produktionen werden in Zukunft vermehrt auf Spezialeffekte mit Green- oder Blue-Screen setzen. Für solche Aufnahmen ist so eine Halle bestens geeignet.»

Hochschule zieht Animationsfilmer an

Durch die Nähe zur Hochschule Luzern für Design und Kunst würde vor allem ein Genre profitieren: Animationsfilme. Die Schweizer Trickfilmgruppe – das Groupement Suisse du Film d’Animation – hat bereits die Absicht geäussert, die Filmstadt mit einem Produktionszentrum für Animationsfilme aller Art zu ergänzen. Besonders für junge Filmschaffende bietet sich eine Gelegenheit, ihre ersten Schritte nach der Ausbildung zu machen. Aber auch grosse Animationstalente könnten dadurch ihre Filme im eigenen Land produzieren. Der oscarnominierte Schweizer Stop-Motion-Film «Ma vie de courgette» wurde beispielsweise in Lyon gedreht, weil es in der Schweiz keinen geeigneten Ort gab, erzählt Zeier.

Trotz ihres Namens wird die Filmstadt aber nicht allein vom Film leben können, «dafür ist die Filmbranche zu volatil», so Zeier. Das habe man bereits früh in der Planung realisiert. Deshalb soll der Ort auch als Eventzentrum für Kongresse, Konzerte, Theater oder anderes dienen. Auch E-Sport-Events könnten dort stattfinden, wie es im Verkehrshaus bereits geschieht (wir berichteten). Man könne sich auch eine Zusammenarbeit aus Filmstadt, KKL und Messehallen für Grossanlässe vorstellen, so Zeier. Zum Beispiel beim europäischen Filmpreis, dessen Verleihung 2022 nach Luzern kommen könnte – die Entscheidung wird im März fallen. Das Bundesamt für Kultur bewirbt sich mit der SRG und der Stadt Luzern dafür.

Die Umbauarbeiten sollen im Laufe des Jahres 2021 beginnen. Grünes Licht gibt es aber dafür noch nicht: Momentan werden Investoren für das private Projekt gesucht. Im Juni nächsten Jahres entscheide sich, ob die Filmstadt zur Wirklichkeit wird. «Wir sind zuversichtlich», sagt Zeier. «Es laufen bereits Gespräche.» Mehr könne er aber noch nicht sagen. Benötigt werden rund 8 Millionen Franken – 7 für den Innenausbau des Gebäudes, eine Million, um den Betrieb für die zweijährige Anlaufphase zu sichern.

Es sei auch Aufklärungsarbeit nötig. «Filme sind auch Wirtschaft, nicht nur Kultur», sagt Zeier. «Einen Film zu drehen heisst, ein kleines KMU zu führen.» Das sei vielen nicht richtig bewusst, auch in der Politik. Bis die Kameras in der Viscosistadt laufen, dauert es noch eine Weile: Der Startschuss für die Filmstadt soll Mitte 2022 fallen.