EMMENBRÜCKE: Die Pensionierung muss noch warten

Der Stahlkonzern Schmolz + Bickenbach durchläuft eine schwere Krise. Der Rückzug des Urgesteins Marcel Imhof wird deshalb zu einem Rückzug auf Raten.

Hans-Peter Hoeren
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Eigentlich ginge er heute in Pension, doch für ein halbes Jahr steht er seinem Nachfolger noch beratend zur Seite: Marcel Imhof, das Urgestein der Luzerner Stahlindustrie.

Eigentlich ginge er heute in Pension, doch für ein halbes Jahr steht er seinem Nachfolger noch beratend zur Seite: Marcel Imhof, das Urgestein der Luzerner Stahlindustrie.

Eigentlich wollte Marcel Imhof (65) sein Büro bis Ende vergangenen Jahres geräumt haben. Doch der Termin wird immer wieder verschoben, aus der geplanten Pensionierung wird ein Abschied auf Raten. Jetzt wurde sein Vertrag auf Ende Juli dieses Jahres verlängert. Dennoch läutet der Stahlkonzern Schmolz + Bickenbach ab heute den Generationenwechsel an der Spitze ein.

Der Deutsche Johannes Nonn (47) (siehe Box) wird künftig den Stahlkonzern mit seinen weltweit 10 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 4 Milliarden Euro führen. Ihm steht aber noch für 6 Monate Marcel Imhof als Mitglied der Konzernleitung zur Seite. Auf die über 35 Jahre Branchenerfahrung des Urgesteins der Luzerner Stahlindustrie kann das angeschlagene Unternehmen vorerst nicht verzichten.

«Hier wirst du nie die Nummer 1»

Es ist nicht das erste Mal, dass Imhof seinen wohlverdienten Ruhestand verschiebt. Bereits vergangenen Sommer willigte er in einen Feuerwehreinsatz ein und leitete den Konzern sieben Monate interimistisch. Diese Bereitschaft, im Ernstfall Verantwortung zu übernehmen, sagt viel aus über die Verbundenheit des Stadtluzerners mit dem Unternehmen. «Ich identifiziere mich mit den Kunden und den Mitarbeitern», versichert Imhof, der sich in diesem Zusammenhang gerne an die Begegnung mit einem Headhunter vor 20 Jahren erinnert. Damals war Imhof noch Leiter der Stahlsparte der von Moos AG. «Hier wirst du niemals die Nummer 1 werden» – mit diesen Worten hatte der Headhunter versucht, den Stahlmanager abzuwerben. Imhofs Antwort damals: «Das weiss ich, und das akzeptiere ich auch.» Ein paar Jahre später stieg er dennoch zum wichtigsten Mann der Luzerner Stahlindustrie auf.

Schleudersitz Swiss Steel

1977 hatte Imhof als Assistent des Verkaufsdirektors bei der von Moos AG begonnen. Schnell arbeitete er sich in leitende Managementpositionen bei von Moos vor. Der grosse Einschnitt erfolgt 1996. Auf Druck der Banken fusionieren die Schweizer Stahlwerke von Roll in Gerlafingen und von Moos in Emmenbrücke zu Swiss Steel. André von Moos legt seinen CEO-Posten nieder, Marcel Imhof wird neuer Konzernchef. Der neue Job ist ein Himmelfahrtskommando. Die Auftragslage war schlecht, von den Gewerkschaften und den Medien hagelte es Kritik. «Wir haben nicht bei null, sondern bei unter null angefangen. Für mich war die Zeit zwischen 1996 und 2000 die anspruchsvollste Zeit in meinem Berufsleben», sagt Imhof.

Fitnesskur für Werk Emmenbrücke

Zahlreiche Firmen mussten verkauft, 150 Personen allein in Emmenbrücke entlassen werden. Gleichzeitig wurde der Stahlstandort einer Fitnesskur in Sachen Sortiment und Kostenstruktur unterzogen. «Wir haben das Werk ab 1997 so aufgestellt, dass es international konkurrenzfähig ist», sagt Imhof. Hochwertige und damit auch höhermargige Qualitäts- und Spezialstähle für die Auto- und Maschinenbauindustrie kennzeichnen heute das Sortiment. Gingen früher 30 Prozent der Produktion in den Export, sind es aktuell 97 Prozent.

Emmenbrücke ist konkurrenzfähig

Der feste Mitarbeiterstamm in Emmenbrücke verharrt seit 1996 bei rund 700 Personen. «Wir produzieren mittlerweile doppelt so viel Stahl mit der gleichen Belegschaft», sagt Imhof. Im Vergleich zu anderen europäischen Herstellern und auch mit den anderen fünf Produktionsbetrieben von Schmolz + Bickenbach stehe der Standort in Emmenbrücke mit seinen rund 700 Mitarbeitern gut da, versichert Imhof.

«Die Stahlindustrie in der Schweiz hat eine Zukunft. Unsere Herausforderung bleibt es, die erarbeitete Kostenstruktur zu verteidigen», sagt er selbstbewusst. Vor allem bei den Energiekosten. 400 Gigawatt Strom verbraucht der Standort Emmenbrücke pro Jahr. Das entspricht fast dem Jahresverbrauch der Stadt Luzern. «Die energieintensiven Betriebe in der Schweiz brauchen punkto Strompreis eine gewisse Sonderbehandlung, sonst sind sie im Wettbewerb benachteiligt», fordert Imhof.

Boomjahre bis zur Finanzkrise

Im Jahr 2000 ist die Restrukturierung von Swiss Steel abgeschlossen, verlorenes Vertrauen zurückerarbeitet. Es folgt eine sehr erfolgreiche Zeit unter der Ägide des neuen Mehrheitseigners, des Stahlkonzerns Schmolz + Bickenbach, später dann die Fusion. Weil sich günstige Kaufgelegenheiten bieten, werden Firmen in Deutschland, Frankreich, Kanada und den USA hinzugekauft. «Dadurch sind wir zum weltgrössten Hersteller von Werkzeugstahl und rostfreiem Langstahl aufgestiegen», sagt Imhof.

Meistens erfolgen die Akquisitionen über Kredite. Bis 2007 wirft das Tagesgeschäft satte Gewinne ab. «Wäre es so weiter gegangen, hätten wir uns schnell entschuldet», sagt Imhof. Doch dann kam die Finanzkrise. Bei 840 Millionen Euro liegt aktuell der Schuldenberg. Im März wird das Unternehmen für das Geschäftsjahr 2012 rote Zahlen präsentieren. Die Kreditauflagen der Banken wurden verletzt, die Kreditinstitute gewährten eine Galgenfrist bis Ende März. «Wir stehen in Verhandlungen mit den Banken, die Gespräche verlaufen positiv», sagt Imhof. Das Stahlgeschäft sei sehr schwankungsanfällig. «Das wird wieder kehren, man darf einfach nicht in Panik verfallen», sagt Imhof.

Engagement in vielen Verbänden

Die jüngsten Spekulationen, Finanzinvestoren wollten den Konzern übernehmen, sieht er gelassen. «Irgendjemand hatte ein Interesse, diese Gerüchte zu platzieren», sagt er. Womöglich Investoren, die den Aktienkurs in die Höhe treiben wollten. Für das laufende Geschäftsjahr ist Imhof vorsichtig optimistisch, vor allem für das zweite Halbjahr. Eine Rückkehr in die Gewinnzone würde die Situation wohl etwas entspannen.

Bis dahin ist das Unternehmen auf den Goodwill der Banken angewiesen. An Arbeit mangelt es Imhof also nicht. Trotz einem internationalen Umfeld, der Lebensmittelpunkt war für den 65-Jährigen immer Luzern. Dort hat er sich ehrenamtlich in Wirtschaftsverbänden engagiert, sei es als Präsident der Luzerner Industrievereinigung oder aktuell als Präsident der Wirtschaftsförderung Luzern. Worauf er sich am meisten freut, wenn er sich ganz aus dem Tagesgeschäft verabschiedet? «Aufs Reisen», sagt Imhof. Vor allem in Asien und Afrika gebe es noch viele Länder, die er mit seiner Frau Claire besuchen wolle.