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EMMENBRÜCKE: Hier wird der Gottesdienst zum Pop-Event

Das Christliche Zentrum Zollhaus setzt seit 25 Jahren auf eine persönliche Jesus-Beziehung, Heilungswunder und hippe Angebote. Gegen aussen öffnet sich die Freikirche nur langsam.
Rund 500 Personen feierten das Jubiläum des Christlichen Zentrums Zollhaus. (Bild: Philipp Schmidli (18. Juni 2017))

Rund 500 Personen feierten das Jubiläum des Christlichen Zentrums Zollhaus. (Bild: Philipp Schmidli (18. Juni 2017))

«Halleluja!», entfährt es während der Predigt unvermittelt einem ­älteren Gottesdienstbesucher. Minuten später noch einmal: «Halleluja!», ruft er beinahe seufzend. Der Mann auf der Bühne lächelt: «Da ist jemand ganz begeistert mit mir, das ist schön.» Der Gastprediger aus Deutschland erzählt von den Lasten, die Menschen mit sich herumtragen, von Minderwertigkeitsgefühlen oder einer Schuld, die wie ein Stein im Schuh drücke. Diesen Stein sollten wir uns wegnehmen lassen. Nur Jesus könne uns erlösen.

Rund 500 Gläubige feiern am Sonntagmorgen den Jubiläumsgottesdienst im Christlichen Begegnungszentrum Zollhaus. Ein chronischer Erlösungsglaube liegt in der Luft. Dieser Jesus macht das Leben leichter, er kann Krankheiten heilen, hier und jetzt. Kein Wunder, wirkt das Zollhaus wie ein sympathisches Tollhaus: Zu sentimentalem Sakral-Pop recken ältere Männer ungeniert die Hände in die Höhe, eine Frau tanzt ekstatisch mit einem blauen Tuch. «In den Kirchen wird das Rationale oft überbetont. Bei uns ist der Erlebnischarakter sehr wichtig», sagt Gemeindeleiter Peter Stark (62).

Kleinunternehmen mit Millionenbudget

Seit 25 Jahren ist die evangelikale Freikirche auf dem Gelände des alten Zollhauses in Reussbühl zu Hause, zuvor lag ihr Standort beim Bahnhof Luzern. Im Gebäudekomplex, wo ursprünglich ein Dancing vorgesehen war, liegt sie nun zwar eingezwängt zwischen Baustellen, Reuss und Industriegrau, verfügt dafür über eigene Räumlichkeiten mit zwei grossen Sälen, Büros, einem Bücherladen und Wohnungen. Der Bau kostete 6,9 Millionen Franken, rund 1,5 Millionen musste man an Eigenkapital aufwenden – ein Kraftakt für die Freikirche.

In Reussbühl erlebte sie rasch ­einen Wachstumsschub und verdoppelte ihre feste Mitgliederzahl. Heute ist das Zentrum Zollhaus ein Kleinunternehmen mit 8 Mitarbeitern, rund 400 festen Mitgliedern, es verfügt über ein Budget von 1,2 Millionen Franken, das über Spenden, Legate und Raumvermietungen bestritten wird. Das Christliche Zen­trum Zollhaus ist damit die grösste und erfolgreichste Freikirche der Region Luzern:

Inhaltlich ist sie klar pfingstlich-charismatisch ausgerichtet: Die Freikirche zielt auf eine persönliche Jesus-Beziehung der Menschen, sie hebt die Heilungswunder hervor und lehnt im Unterschied zu den Landes­kirchen die Kindertaufe ab. Die christliche Botschaft wird ebenso einfach wie radikal zeitgemäss übersetzt. Neben den poppigen Gottesdiensten wimmelt es von hippen Angeboten, die mit Anglizismen umschrieben werden: Es gibt Camps und Events, Neuankömmlinge besuchen den Alphalive-Glaubenskurs, Jugendliche sind Teil der pfadfinderartigen Royal Rangers und absolvieren ein Mentoring bei den Älteren.

Gemeindeleiter Peter Stark umschreibt die Erfolgsfaktoren eher nüchtern. Er spricht von ­hoher «Kulturrelevanz», die die Gemeinde auszeichne, von modernen Mitteln, mit denen eine stabile «Kirchenfrömmigkeit» gefördert werde. Nicht nur die Jugend werde gepflegt, die «Durchlässigkeit» der Gemeinde sei hoch, sie ziehe Arbeiter und Lehrerinnen, Rechtsanwälte wie Randständige gleichermassen an. Inhaltlich wolle man ganzheitlich sein. «Wir führen hier Spiritualität und Intellektualität zusammen», betont der Pastor.

Doch wie selbstkritisch geht Gemeindeleiter Stark mit seiner geistigen Autorität um? Wie schützt er beispielsweise Menschen davor, sich vor ihm und vor Jesus als Versager zu fühlen, wenn ihre Krankheit trotz Gebeten nicht verschwindet? Gott sei souverän, eine Heilung nicht der Alltag, relativiert Stark. Er habe mehr Menschen begleitet, die letztlich nicht geheilt wurden als solche, die Heilung erfahren hätten. «Die Verwirklichung unserer ganzen Gesundheit findet immer auch nach dem Tod statt», argumentiert der Theologe. Und doch: «Menschen erfahren hier Heilung. Ich habe es selber erlebt: Einmal hatte ich schwere Bauchschmerzen und war bereits im Spital angemeldet. Als ich hier im Zollhaus über eine Schwelle trat, waren sie weg. Einfach so.»

Schritte nach aussen

Ein Mann soll kürzlich von schwerem Asthma geheilt worden sein, eine junge Frau von ihrer Laktoseintoleranz: Erfahrene oder erhoffte Heilungen machen – neben der familiären Nestwärme – das Zentrum der Zollhaus-Gemeinde aus. Weniger stark als beim Wohlfühlfaktor im Innern ist die Gemeinde hinsichtlich ihrer Ausstrahlung nach aussen. Das soziale Engagement für Bedürftige oder im Quartier ist eher bescheiden. Kontakte zu anderen Religionsgemeinschaften werden nicht übermässig gepflegt. «Wir sind derzeit herausgefordert, uns neu zu organisieren», erklärt Stark, für den bald ein Nachfolger gesucht wird.

Zumindest mit den 25-Jahre-Festivitäten am letzten Wochenende hat das Christliche Begegnungszentrum einen Schritt nach aussen gemacht. Im Zentrum stand ein lockeres Quartierfest am Samstag, zu dem die Reussbühler Nachbarn speziell eingeladen wurden und das mit Festhütte, äthiopischem Essen und Spielen auffällig dezent nach Kirche roch. Insgesamt 1300 Menschen sind laut den Organisatoren der Einladung gefolgt.

Remo Wiegand

region@luzernerzeitung.ch

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