Emmer Wahlen zeigen: Secondos haben es schwerer, gewählt zu werden

Kandidaten, die einen fremd klingenden Namen haben, wurden am 29. März in Emmen nicht oder sogar abgewählt. Eine Studie bestätigt: Ist der Migrationshintergrund im Namen erkennbar, werden die Kandidaten oft von Wahllisten gestrichen.

Beatrice Vogel
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Schaut man sich die Wahlresultate des Einwohnerrats Emmen genauer an, fällt eines auf: Kein Kandidat, der einen ausländisch klingenden Namen hat, wurde gewählt. Viele von ihnen finden sich zuunterst auf den Partei-Listen wieder: Sowohl Lluvia Mosquera (SP), als auch Severin Elvedi (obwohl sein Name aus dem Bündnerland stammt) und Anton Dodaj (beide CVP), Fellanza Avdijaj (FDP) sowie Ermin Mesic (SVP) erzielten weniger Stimmen als alle ihre Parteikollegen. Teils fällt auch der Stimmenanteil der Wählerschaft der eigenen Partei sehr niedrig aus. Drei bisherige Parlamentarier mit ausländischen Namen wurden sogar abgewählt: Bujar Berisha (SP), Afrim Mulaj und Ivan Malito (beide FDP).

Das erstaunt. Hat doch die Gemeinde Emmen mit Brahim Aakti (SP) einen marokkanisch-stämmigen Gemeinderat, der mit einem guten Resultat die Wiederwahl schaffte. Kommt hinzu, dass die Emmer Bevölkerung einen hohen Ausländeranteil von 35 Prozent aufweist. Die Gemeinde Emmen tut denn auch viel, um die ausländische Bevölkerung zu integrieren.

Fremd klingende Namen werden oft vom Wahlzettel gestrichen.

Fremd klingende Namen werden oft vom Wahlzettel gestrichen.

Symbolbild: Pius Amrein

Warum also hat beispielsweise Fellanza Avdijaj lediglich 784 Stimmen von der FDP-Wählerschaft erhalten – über 200 Stimmen weniger als die meisten anderen FDP-Kandidaten? Und warum wurde Lluvia Mosquera fast nur von SP und Grünen gewählt, während die anderen SP-Kandidaten auf GLP-, CVP-, und FDP-Listen Stimmen im – teils hohen – zweistelligen Bereich erhielten? Ist ein Migrationshintergrund ein Handicap bei Wahlen?

Wähler streichen Kandidaten, die sie nicht persönlich kennen

«Die Welt ist oberflächlich. Bei vielen Wählern läuft ein Kopfkino ab, wenn sie die Namen der Kandidaten lesen», sagt Bujar Berisha zur These, dass es Secondos bei Wahlen schwerer haben. Der 35-jährige SP-Einwohnerrat wurde am Sonntag abgewählt – obwohl er 2016 als Bisheriger seinen Sitz im Emmer Parlament halten konnte. Es dauere lange, bis fremdländische Namen als normal angesehen würden, glaubt er.

Ins Gewicht fallen könne auch die fehlende Vernetzung der Kandidaten, vermutet Berisha: «Wenn es ums Streichen von Namen auf der Liste geht, werden oft jene gestrichen, die der Wähler nicht persönlich kennt.» Zudem könnte bei den aktuellen Wahlen in Emmen die tiefe Stimmbeteiligung von 28 Prozent eine Rolle gespielt haben. «Das deutet darauf hin, dass vor allem Privilegierte gewählt haben. Und diese wählen wohl nicht unbedingt Secondos», so Berisha.

Bekanntheitsgrad ist wichtiger Faktor

Bei der FDP Emmen wurden gleich zwei bisherige Einwohnerräte mit ausländischen Wurzeln abgewählt: Ivan Malito und Afrim Mulaj. Allerdings: Beide sind erst vor rund einem halben Jahr ins Parlament nachgerückt. Und bei der FDP wurden auch Stefan Rüegsegger und Beat Niederberger abgewählt, die beide sehr schweizerische Namen haben. Afrim Mulaj kann denn auch keinen Zusammenhang mit seinen ausländischen Wurzeln herstellen:

«Es gibt auch nicht gewählte Kandidaten und Kandidatinnen ohne Migrationshintergrund. Das ist ein ganz normaler demokratischer Vorgang.»

In manchen Fällen hat die Nicht-Wahl wohl tatsächlich mit dem mangelnden Bekanntheitsgrad der Kandidaten zu tun. Dieser dürfte auch der Grund sein, warum bei der FDP drei neue anstelle der bisherigen Kandidaten gewählt wurden, wie auch FDP-Präsident Martin Birrer vermutet: «Die drei Neugewählten, Michael Kümin, Raphael Bühlmann und Oliver Blaser, sind in Emmen bekannt und beliebt. Das erklärt auch ihre starken Resultate.» Birrer bedauert jedoch gleichzeitig, dass die Bisherigen abgewählt wurden. «Sie sind sehr gut in die Fraktion integriert und eine Bereicherung für die Partei.»

Studie bestätigt Diskriminierung

Und doch: An den Haaren herbeigezogen ist die These nicht, dass Kandidaten mit Migrationshintergrund bei Wahlen diskriminiert werden. Eine Studie der Uni Luzern kam 2018 zu diesem Schluss. Die Verfasserinnen analysierten dafür die Kommunalwahlen von 2014 im Kanton Zürich. Sie stellten fest: Kandidaten mit fremd klingenden Namen werden öfter von Wahllisten gestrichen als solche mit schweizerischen Namen. Dies wurde in einer weiteren Untersuchung zu den Nationalratswahlen von 2015 bestätigt. Dabei stellte sich zudem heraus: Weniger als 6 Prozent der Gewählten hatten einen ausländischen Namen – obwohl 35 Prozent der Schweizer Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben.