Endlich! Sommerferien! Fünf Jugendliche erzählen, wie es nach der Sek weitergeht

Heute ist für mehr als 3000 Sekschüler im Kanton Luzern definitiv der letzte Schultag, bevor es dann an einem anderen Ort weitergeht. Fünf Jugendliche reden über den Druck bei der Lehrstellensuche. Dabei erlebten sie Enttäuschungen, aber auch Erfolge.

Pascal Studer
Drucken
Teilen
Der letzte Schultag: In Ebikon flogen die Fetzen. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Der letzte Schultag: In Ebikon flogen die Fetzen. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

An der Schule Wydenhof in Ebikon steht die Stimmung auf Aufbruch: Die Turnhalle wird bestuhlt für die abendliche Schulschlussfeier, die Jugendlichen beschenken ihre Lehrer mit Abschiedsgeschenken. Es ist laut, wahrscheinlich lauter als sonst, doch der Lärmpegel stört nicht – immerhin geht man gerade dem Ende der letzten Schulwoche entgegen.

Auch in der Klasse von Igor Horvat scheint heute eine Art Ausnahmezustand vorzuherrschen. Seit zwei Jahren unterrichtet der 47-Jährige die Sek-Klasse A3a im Eckzimmer des zweiten Stocks. Die Schülerinnen und Schüler sind gelöst, und man merkt, dass in diesem Eckzimmer etwas zusammengewachsen ist, das eigentlich mehr ist als nur eine Schulklasse.

Gemäss Angaben der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern beenden am Freitag 3085 Jugendliche die Sekundarschule im ganzen Kanton. Ein Bruchteil davon kommen aus Ebikon und der Klasse von Igor Horvat. Zu seinen Schützlingen sagt er: «Man merkt bei meinen Schülern, dass sie Lust auf Leben haben.»

Natalia träumte von einer Karriere als Tänzerin

Wollte einmal Tänzerin werden, nun geht sie an die WML: Natalia Lovric. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Wollte einmal Tänzerin werden, nun geht sie an die WML: Natalia Lovric. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Lebensfreude versprüht auch Natalia Lovric. Die 15-Jährige ist Klassenbeste und unter ihrem braunem Pony blitzen wache Augen hervor. Eigentlich wollte die gebürtige Kroatin Tänzerin werden, doch für die nächsten paar Jahre hat sie sich für die Wirtschaftsmittelschule (WML) entschieden. Man ist wenig überrascht, wenn sie sagt, dass sie sehr vielseitig interessiert ist. Doch viele Talente bedeuten auch, dass einem viele Türe offen stehen. Natalia sagt, dass dies nicht immer einfach war:

«Ich tue mich manchmal schwer damit, mich auf etwas festzulegen. In den letzten Monaten schwankte ich oft zwischen dem Gymnasium und der Wirtschaftsmittelschule. Klar ist aber, dass ich studieren will.»

Natalias Augen sind wach und sie lächelt häufig. Doch wenn ihr Blick manchmal etwas in die Ferne gleitet, kommt erstmals ein Gefühl von Nostalgie auf. «Alles wird anders», sagt sie dann, und meint die Zeit nach den Sommerferien. «Die Schule wird schwieriger, die Klasse ist neu und der Stundenplan anders.» Für sie ist klar:

«Ich werde meine Klassenkameraden sehr vermissen.»

Bojan will jetzt Geld verdienen

«Vermissen wirst du vor allem mich», ist eine gedämpfte Stimme von Nahem vernehmbar. Natalia lächelt, denn geräuspert hat ihr Klassenkamerad Bojan Dimitrijevic. Sein Schalk scheint in der Schule Wydenhof Alltag zu sein und sein Lachen auf den Stockzähnen verrät: Er ist der Typ Mensch, der durch seine Unverblümtheit Leute zum Lachen bringen kann.

Geht mit Witz durchs Leben: Bojan Dimitrijevic. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Geht mit Witz durchs Leben: Bojan Dimitrijevic. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Doch das Gefühl der Wehmut hält an. «Ich bin schon ein bisschen traurig, dass ich meine Klassenkameraden bald nicht mehr so oft sehe», pflichtet er Natalia bei. Dann lehnt er sich auf dem Stuhl zurück und sagt: «Aber was soll ich machen? Das Leben geht weiter.» Es ist die Rolle des Pragmatikers, die dann bei Bojan in den Vordergrund tritt. Diese schwingt auch mit, wenn er über seine KV-Lehre bei der Krankenkasse Concordia spricht, die er diesen Spätsommer beginnt.

«Mich hat die Versicherungsbranche schon immer interessiert. Ausserdem kann man dort viel Geld verdienen. Ich freue mich sehr darauf, endlich zu arbeiten.»

Nur aufs Arbeiten kann sich Bojan jedoch nicht beschränken, denn parallel zur Lehre macht er die Berufsmaturität. «Die muss noch sein, denn danach will ich zuerst zwei Jahre arbeiten und ein Studium beginnen – voraussichtlich im Bereich Wirtschaft», sagt der 16-Jährige selbstbewusst.

Eva geht zielstrebig Richtung Architektin

Eva Bardenhofer will Architektin werden. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Eva Bardenhofer will Architektin werden. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Ebenfalls studieren will Eva Bardenhofer. Am linken Unterarm trägt sie eine weisse Digitaluhr. Wie ein präzises Uhrwerk waren auch ihre Berufspläne stets sehr genau getaktet. Sie sagt:

«Ich wollte schon immer Architektin werden. Dafür brauchte ich die Matura. Also habe ich mich für das Kurzzeitgymnasium Musegg entschieden.»

Obersatz, Untersatz, Konklusion: Eine perfekt ausgeführte Argumentation – und das aus dem Mund einer 15-Jährigen. Die Gradlinigkeit von Evas Antworten verblüfft und fasziniert zugleich. Auch an eigenen Ideen mangelt es ihr nicht – Kreativität sei ihr sowieso sehr wichtig. Dann spricht Eva plötzlich leiser, fast so, als ob sie gleich etwas Verbotenes sagen würde:

«Ich würde die Schule Wydenhof ein bisschen renovieren. Das Schulgebäude finde ich nicht sehr schön mit all diesem Beton und dieser Einrichtung.»

Das könne sie doch als baldige Architektin in einigen Jahren gleich selber in die Hand nehmen? «Das schauen wir mal», meint sie lächelnd.

Bei Jenin lief nicht alles nach Plan

Gradlinigkeit ist jedoch nicht immer Trumpf bei der Berufswahl. Dies hat Jenin Jagathalakumar selbst erfahren. Auf seinem T-Shirt steht in grossen orangen Lettern «No Limits». Seine angenehm weiche Stimme steht jedoch etwas im Widerspruch zu diesem draufgängerischen Schriftzug.

Jenin Jagathalakumar wird bald eine Lehre als Konstrukteur bei Thermoplan beginnen. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Jenin Jagathalakumar wird bald eine Lehre als Konstrukteur bei Thermoplan beginnen. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Eigentlich wollte der 15-Jährige eine Lehrstelle als Laborant ergattern. Aufgrund der wenigen Lehrstellen und der hohen Anforderungen der Betriebe wie Roche und MSD sei dies aber ein schwieriges Unterfangen gewesen. Wie er selbst sagt, kam er «ein bisschen vom Weg ab». Den dramatischen Tonfall wählt Jenin bewusst: «Der Bewerbungsprozess war schon etwas krass.»

Doch Jenin machte aus der Not eine Tugend. Er schaute sich nach alternativen Berufsbildern um, bewarb sich als Konstrukteur bei Thermoplan – und erhielt die Stelle. Als Konstrukteur zeichnet er dann die Teile von Kaffeemaschinen, welche dann der Polymechaniker erstellt. Ganz viel Verantwortung für einen so jungen Menschen, auch in Anbetracht dessen, dass Thermoplan unter anderem Starbucks und McDonalds auf der ganzen Welt mit Maschinen beliefert. Jenins Augen funkeln bei diesem Gedanken jedoch voller Begeisterung und eine ansteckende Vorfreude macht sich breit:

«Mir ist bewusst, dass ich eine sehr wichtige Arbeit machen werde. Aber ich übernehme gerne Verantwortung. Ich bin einfach ein Macher.»

Nick ist bereit für seine KV-Lehre – und die Ferien

Braungebrannt, eine tiefe Stimme und sportlich-locker gekleidet: Das ist Nick Bütler. Seine Erscheinung macht sofort deutlich: Dieser junge Mann freut sich auf die Ferien: «Immerhin sind es meine letzten, die ich noch habe – die muss ich schon noch ein bisschen geniessen.»

Nick Bütler ist in der Freizeit ein erfolgreicher Landhockey-Spieler. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Nick Bütler ist in der Freizeit ein erfolgreicher Landhockey-Spieler. (Bild: Maria Schmid, Ebikon, 4. Juli 2019)

Nach den Sommerferien beginnt jedoch auch für Nick ein neuer Lebensabschnitt. Er beginnt eine KV-Lehre beim Pharmakonzern MSD. Nicht ohne Stolz sagt er:

«MSD ist eine wirklich grosse Firma, der europäische Hauptsitz ist ausserdem in Luzern. Die Mitarbeitenden von MSD kommen aus rund 50 Ländern.»

Die Unternehmenssprache bei MSD ist Englisch. Daher hat sich Nick, der in seiner Freizeit leidenschaftlich und sehr erfolgreich Landhockey in einer Junioren-Nationalmannschaft spielt, dafür entschieden, parallel zur KV-Lehre im E-Profil eine Englisch-Förderklasse zu besuchen. «Die Hälfte des Unterrichts findet so auf Englisch statt», erklärt er.

Lehrer Horvat korrigierte die Bewerbungsschreiben

Eigentlich suchte Nick zunächst eine Stelle als Hotelkommunikationsfachmann, doch auch diese Stellen sind rar. Dies bedeutete für Nick eine Umorientierung. Dabei hat ihn sein Klassenlehrer Igor Horvat unterstützt:

«Herr Horvat hat mir bei der Lehrstellensuche sehr geholfen. Ich habe diese mitfühlende und hilfsbereite Haltung sehr geschätzt.»

Dass man als Lehrperson bei diesem richtungsweisenden Schritt ins Berufsleben eine Schlüsselrolle einnimmt, ist auch für Horvat klar. Um den Jugendlichen diese anspruchsvolle Lebensphase zu erleichtern, griffen er und seine Berufskollegen tief in die Trickkiste. Beispielsweise musste eine Schülerin eine «Trockenübung im Telefonieren» absolvieren – sie musste dabei mit Igor Horvats Mutter ein Telefongespräch für den Ernstfall üben. Ausserdem wurde in der Aula einmal ein Bewerbungsgespräch mit einer Kaderperson aus der Wirtschaft simuliert. Auch an emotionaler Unterstützung mangelte es den Schülerinnen und Schülern nicht. Jenin sagt dazu:

«Meine Bewerbungen hat Herr Horvat jeweils korrigiert. Auch vor den Bewerbungsgesprächen hat er mich immer motiviert. Ich fühlte mich hier unterstützt.»

Im Eckzimmer von Igor Horvat läuft mittlerweile ein Video. Zwei Schülerinnen haben es selber gedreht, es zeigt die gemeinsamen, vergangenen Jahren. Es scheinen Jahre gewesen zu sein, welche die Jugendliche im bester Erinnerung behalten. Die Lust auf das Leben dürfte bei dieser Klasse bestimmt nicht so schnell abklingen.