ENERGIE: Mit Seewasser und Abwärme heizen

Die Stadt will den Energieverbrauch für die Wärmeerzeugung bis 2035 um 30 Prozent senken. Dafür hat sie einen Energierichtplan erstellt. Doch ist das ambitionierte Ziel realistisch?

Dominik Weingartner
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Im Energierichtplan wird das grösste Potenzial beim Seewasser ausgemacht. (Archivbild Philipp Schmidli)

Im Energierichtplan wird das grösste Potenzial beim Seewasser ausgemacht. (Archivbild Philipp Schmidli)

Die Zahl ist beachtlich: Der jährliche Wärmebedarf der Stadt Luzern beträgt rund 980 Gigawattstunden. Das will der Stadtrat ändern. Bis 2035 will er den Energieverbrauch für Raumwärme und Warmwasser um 30 Prozent auf 690 Gigawattstunden senken. Der Anteil fossiler Energieträger (Gas und Öl) soll von heute 87 auf 50 Prozent sinken. Ein sehr ambitioniertes Ziel. «Es ist eine riesige Aufgabe, aber notwendig», sagt der zuständige Stadtrat Adrian Borgula (Grüne). Aus Klimaschutzgründen und zur Förderung der regionalen Wirtschaft gebe es keine Alternative.

Seewasser: Potenzial 54-mal höher

Im Bericht zum Energierichtplan zeigt der Stadtrat auf, wie er diese Ziele erreichen will. Das grösste Potenzial wird beim Seewasser ausgemacht. Heute werden hier 5,2 Gigawattstunden pro Jahr genutzt. Das Potenzial ist laut Stadt aber rund 54-mal höher. In der untiefen Geothermie (Erdwärmesonden) geht man von einer möglichen Verelffachung der produzierten Energie aus.

Der Energierichtplan teilt die städtischen Gebiete in 20 verschiedene Energie- und Wärmeverbunde auf. Für jeden Verbund wird die favorisierte Energiequelle genannt. So soll das Gebiet rund um das Seebecken mit der Wärme des Vierwaldstättersees beheizt werden. In vielen anderen Gebieten, wie etwa im Maihof, im Littauerboden oder in Reussbühl soll Abwärme genutzt werden.

Wärme nicht mehr «entsorgen»

Als Quelle für Abwärme werden im Energiebericht verschiedene Gebäude genannt, etwa das neue Rechenzentrum der CKW: «Server produzieren sehr viel Wärme. Bislang wird diese Wärme oftmals einfach ‹entsorgt›, anstatt dass man sie in einen anderen Kreislauf aufnimmt und zum Heizen verwendet», sagt Gregor Schmid, Leiter Umweltschutz der Stadt Luzern. Aber auch kleinere Nummern als das Rechenzentrum gelten als potenzielle Abwärme-Lieferanten. So wird im Bericht auch des LZ-Medienzentrum an der Maihofstrasse, wo die «Neue Luzerner Zeitung» produziert wird, aufgeführt. Dieses könne für die Wärmeversorgung für die angrenzende ABL-Wohnüberbauung verwendet werden.

Ein spezieller Fall ist das Kantonsspital. Heute wird es über die Fernwärme Luzern AG geheizt. Doch das Kantonsspital will sich künftig vermehrt durch die eigene Abwärme heizen. Durch energetische Sanierungen am Gebäude und die Nutzung der eigenen Abwärme werde der Bedarf an Energie aus dem Fernwärmenetz darum erheblich sinken. Davon könnten die umliegenden Wohnquartiere profitieren, die dann von der Fernwärme Luzern AG versorgt werden können.

Stadt will Sanierungen begleiten

Die Stadt könne die Energieziele nicht alleine erreichen, so Schmid. Es brauche Hauseigentümer, die mitziehen. Für die energetische Sanierung von Gebäuden gebe es als finanziellen Anreiz das Gebäudeprogramm des Bundes. Und auch die Stadt will wieder aktiver werden: Die fachmännische Beratung und Begleitung der Bauherrschaft bei einer wärmetechnischen Gebäudeerneuerung wird laut Schmid einen wichtigen Stellenwert erhalten. «Man darf nicht vergessen: Die Hochkonjunkturbauten der 60er-, 70er- und 80er-Jahre kommen in die Erneuerungsphase. Viele private Hauseigentümer haben hier nur wenig Erfahrung, und diese wollen wir professionell begleiten.» Dass die Stadt für die Erreichung der Ziele noch viele Hürden zu meistern hat, zeigt die Tatsache, dass der absolute Energieverbrauch für die Erzeugung von Wärme in der Stadt Luzern noch nicht rückläufig ist.

Verpflichtung ist möglich

Die Stadt Luzern hat die Möglichkeit, im Rahmen eines Baubewilligungsverfahrens die Hauseigentümer zu verpflichten, ihre Neubauten an einen Wärmeverbund anzuschliessen. Voraussetzung ist allerdings, dass keine Mehrkosten gegenüber einer herkömmlichen Anlage entstehen. Im Gebiet der «alten» Stadt Luzern, also ohne Littau, besteht sogar die Möglichkeit einer Anschlussverpflichtung bei bestehenden Bauten.

Gregor Schmid präzisiert: Man versuche, die Eigentümer beim Ersatz einer Heizung davon zu überzeugen, auf die im Richtplan vorgesehene Energiequelle umzusteigen. «Wir wollen niemanden zwingen, aber der Artikel ist ein Hebel im Hintergrund, den man im äussersten Notfall einsetzen könnte.» Der Anschluss an einen Wärmeverbund habe für die Eigentümer auch Vorteile. Zum Beispiel bräuchten sie keinen Raum mehr, der für einen Heizöltank gebraucht wird, keinen Kaminfeger und kein Serviceabo für den Brenner, so Schmid. «Die meisten Hauseigentümer ziehen mit, wenn der Preis für die Variante mit erneuerbaren Energien vertretbar ist.»

Der neue Energierichtplan wird am 17. Dezember im Grossen Stadtrat behandelt werden. Er muss auch vom Regierungsrat genehmigt werden.

Pumpen und Strom

dlw. Abwärme aus der Industrie oder einer Kehrichtverbrennungsanlage kann direkt in einem Wärmenetz genutzt werden. Anders ist es bei der Nutzung von Seewasser, Erdwärme oder Wärme aus einem Rechenzentrum. Diese erfolgt mit Wärmepumpen, welche Strom benötigen. Zum Einsatz kommt dabei eine spezielle Trägerflüssigkeit, die beispielsweise dem Abwasser Wärme entzieht. Dieses Mittel hat einen tiefen Siedepunkt, sodass schnell Dampf entsteht. Dieser wird komprimiert und erwärmt sich dadurch. Diese Wärme kann zum Heizen genutzt werden. «Beim Hirschmattkanal wird das zum Beispiel schon gemacht», sagt Gregor Schmid, Leiter Umweltschutz der Stadt Luzern. Das gleiche Prinzip gelte auch beim Seewasser, das man im grossen Stil nutzen wolle.