ENERGYDRINKS: Energydrinks: «Mit dem Verbot ist es nicht getan»

In Hitzkirch dürfen die Schüler keine Süssgetränke mehr konsumieren. Der Fachmann erklärt, dass das Sinn macht. Doch wie weit darf die Schule mit Verboten gehen?

Interview Aleksandra Mladenovic
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Ein Jugendlicher kauft eine Dose Energy-Drink. (Symbolbild) (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Ein Jugendlicher kauft eine Dose Energy-Drink. (Symbolbild) (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Charles Vincent, Präsident der Volksschulämter-Konferenz Zentralschweiz (Bild: pd)

Charles Vincent, Präsident der Volksschulämter-Konferenz Zentralschweiz (Bild: pd)

Wasser und ungesüsster Tee: Das ist das Einzige, was die Hitzkircher Schüler auf dem Schulhausareal künftig trinken dürfen. Energy- und Softdrinks wie etwa Coca-Cola dürfen nämlich nicht mehr konsumiert werden (Ausgabe von gestern). Die Begründung der Schulleitung: Vielen Schülern sei einerseits nicht klar, wie ungesund diese Getränke seien und was sie alles enthalten (siehe Grafik). Andererseits seien die Schüler wegen der aufputschenden Wirkung solcher Getränke überdreht und würden den Schulunterricht stören.

Erst sehr wenige Schulen kennen so ein Verbot – etwa jene in Gerzensee im Kanton Bern oder im zürcherischen Rümlang. Charles Vincent, Leiter der Luzerner Dienststelle Volksschulbildung und Präsident der Volksschulämter-Konferenz Zentralschweiz, erklärt im Interview, wo die Chancen und Gefahren eines derartigen Verbots liegen.

Charles Vincent, kann man mit dem Energydrink-Verbot tatsächlich ein Umdenken bei den Schülern bewirken?

Charles Vincent: Mit dem Verbot alleine ist es nicht getan. Ein Verbot als einzige Massnahme würde nicht einfach so gesunde Schüler hervorrufen, sondern nur dazu führen, dass die Schüler weiterhin heimlich solche Getränke konsumieren und sich dazu vielleicht sogar in der Pause vom Schulhausareal wegschleichen. Wenn man Regeln aufstellt, muss man auch deren Einhaltung kontrollieren.

Kann man Schüler überhaupt davon abhalten, Energydrinks zu sich zu nehmen? Schliesslich droht ihnen bei einem Verstoss gegen das Verbot im Fall von Hitzkirch keine Strafe ...

Vincent: Die Schule kann verlangen, dass die Schüler während der Pause auf dem Schulareal bleiben. Die Aufsichtsverantwortung der Schule beginnt nicht erst, wenn die Glocke klingelt und die Schulzimmertüren zugehen. Sie umfasst auch die Pausen. Meistens übernehmen die Lehrer im Turnus die Pausenaufsicht und haben dann auch die Aufgabe, auf die Einhaltung der Vorgaben zu achten. Dass sie die Schüler nun beim Konsum von Energy- und Softdrinks ermahnen sollen, stellt eine pädagogische Herausforderung dar. Genau deshalb scheint mir das Vorgehen in Hitzkirch aber ganz geschickt.

Wie meinen Sie das?

Vincent: Es scheint nicht das Ziel der Schule zu sein, einfach ein Verbot auszusprechen, das zu Sanktionen führt. Wenn ein solches Verbot in einer Art Aufklärungskampagne eingebettet wird, kann das durchaus zu einem Umdenken bewegen. Beim Rauchen hat das vor rund zehn Jahren funktioniert. Ziel der Schule ist es nicht, den Schülern bis 16 Uhr alles zu verbieten, damit sie es danach trotzdem machen. Ziel ist es, dass solche erzieherischen Massnahmen auch über den Schulbetrieb hinaus Beachtung finden.

Wie stellen Sie sich eine geeignete Aufklärungskampagne denn vor?

Vincent: Bei Primarschülern braucht es neben Informationen eher auch klare Vorgaben. Jugendliche hingegen können besser verstehen, welche Konsequenzen der Konsum von Süssgetränken haben kann. Es kann etwas bewirken, wenn man das im Unterricht thematisiert. Zum Beispiel, indem man aufzeigt, was eigentlich alles in so einer Büchse drin ist, und erklärt, wie lange man Sport machen muss, um die Kalorien einer Dose Energydrink wieder abzubauen.

Sie sagen, beim Tabakkonsum habe man bereits Erfolge verbucht. Dort gibt es aber auch klare gesetzliche Vorgaben, bei Energydrinks nicht. Geht die Schule da mit einem Verbot nicht etwas zu weit?

Vincent: Die Schule darf solche Regelungen in ihren Schulordnungen erlassen, sofern sie verhältnismässig sind.

Könnte die Schule etwa Schokolade verbieten? Wo sind der Schule rechtlich die Grenzen gesetzt?

Vincent: Man kann nicht alles verbieten, nur weil man es nicht gut findet. Schokolade zu verbieten, würde die Verhältnismässigkeit sprengen. Klare Grenzen gibt es zwar nicht. Verbote sind aber dann zulässig, wenn der Schulbetrieb betroffen oder die Gesundheit bedroht ist. Beide Aspekte sind im Fall von Energydrinks betroffen, womit sich ein solches Verbot auch begründen lässt. Die Schule hat den Auftrag, in gewissen lebenskundlichen Bereichen zu wirken. Ich denke nicht, dass man das Energydrink-Verbot nun an allen Schulen durchsetzen muss. Aber wenn eine Schule sich der Gesundheitsförderung verschreibt, dann ist das doch nur zu befürworten.

Was, wenn einzelnen Eltern solche Regeln nicht passen? Können sie sich dagegen wehren?

Vincent: Auf dem Schulareal darf die Schule ihre eigenen Vorschriften machen. Sind diese verhältnismässig, dann nein.

Hier wird aber doch ziemlich stark in die Erziehungsgewalt der Eltern eingegriffen ...

Vincent: Das stimmt schon. Man nimmt den Eltern die Erziehungsgewalt ein Stück weit weg. Es gehört aber immer dazu, dass man die Eltern in solche Entscheidungen mit einbezieht.

Es gibt aber immer mehr Verbote an den Schulen. Nehmen die Störfaktoren denn derart zu?

Vincent: Natürlich hat sich die Gesellschaft enorm gewandelt. Als ich zur Schule ging, gab es kaum Telefone, geschweige denn Handys. Heute ist die Welt vielfältiger und bietet immer mehr Möglichkeiten. Das heisst, dass man die eine oder andere Regel neu schaffen muss. Als es im Kanton Luzern noch 1000 Autos gab, brauchte es weniger Verbote als heute mit rund 250 000 Autos. Auch die Schule stellt einen kleinen Kosmos innerhalb der Gesellschaft dar, in dem das Zusammenleben funktionieren muss. Und dazu braucht es nun einmal Regeln. Zudem sind die Drinks leicht verfügbar.

Machen Sie die Wirtschaft und die Werbung verantwortlich?

Vincent: Natürlich zielt die Werbung auch auf Jugendliche, weil sie beeinflussbar sind. Aber darauf hat die Schule längst reagiert – in der Lebenskunde behandeln die Schüler Werbung und ihre Wirkung. Zwar muss der Jugendliche lernen, über seinen Konsum selber zu entscheiden, andrerseits müssen die Betriebe ihre Produkte verkaufen. Die Regelanpassungen an den Schulen haben viel damit zu tun, dass man heute mehr weiss. Die Erkenntnis, dass es Sinn macht, während des Unterrichts oder der Arbeit Flüssigkeit zu sich zu nehmen, ist noch nicht so alt. Und nun hat man erkannt, dass es weniger Sinn macht, in der Schule Energydrinks zu trinken.

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