ENGAGEMENT: Luzerner Ärztin leistet Hilfe im Kriegsgebiet im Jemen

Sie war täglich mit Menschen konfrontiert, die durch Gewehrkugeln, Bomben und Granatkugeln schwer verletzt wurden. Trotz viel Leid erlebte Franziska Auf der Maur (41) bei ihrem freiwilligen Einsatz auch viele schöne Momente.

Hugo Bischof
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Franziska auf der Maur mit der zwölfjährigen Samar, die mit einer Schussverletzung am Bein ins Spital eingeliefert wurde. (Bild: Pd)

Franziska auf der Maur mit der zwölfjährigen Samar, die mit einer Schussverletzung am Bein ins Spital eingeliefert wurde. (Bild: Pd)

Dass eine Luzerner Ärztin in einem Kriegsgebiet arbeitet, kommt nicht alle Tage vor. Die 41-jährige Franziska Auf der Maur hat genau dies getan. Vor kurzem ist sie aus dem Jemen zurückgekehrt, wo seit Jahren ein erbitterter Bürgerkrieg tobt – zwischen den Huthi-Rebellen und der von Saudi-Arabien geführten Koalition. Auf der Maur leistete in einem Spital im Süden des Landes einen siebenwöchigen freiwilligen Einsatz für die Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF).

Es war nicht der erste kriegschirurgische Einsatz der gebürtigen Stadtluzernerin. Vorher war sie für das Rote Kreuz (IKRK) in Südsudan, Zentralafrika und Somalia tätig. Die ausgebildete Fachärztin Anästhesie und Intensivmedizin war auch ein Jahr lang Notärztin bei der Rega und arbeitete mehrere Jahre beim Rettungsdienst Luzern. Zurzeit ist sie Oberärztin auf der Intensivstation des Unispitals Zürich. «Mein Ziel ist, jedes Jahr einen zweimonatigen Einsatz für eine internationale Hilfsorganisation zu leisten», sagt sie. Es sind unbezahlte Urlaube, für die sie die Erlaubnis ihres Institutsleiters in Zürich braucht. «Ich verdiene nur wenig damit», sagt sie, «manchmal muss ich sogar draufzahlen, um beispielsweise meine Wohnung in Luzern weiterbezahlen zu können.» Dass sie mit ihren Einsätzen in Kriegsgebieten ein Risiko auf sich nimmt, weiss sie. «Die positiven Erfahrungen, die ich dabei mache, wiegen das aber auf», sagt Franziska Auf der Maur.

«Jede Nacht hörten wir Bomber fliegen»

Das Angebot von MSF für den Einsatz im Jemen, einem der ärmsten Länder auf der arabischen Halbinsel, erhielt sie im vergangenen August. «Am gleichen Tag kam im Radio die Meldung, dass in der Nacht zuvor eine Klinik der Organisation im Jemen bombardiert wurde», erzählt sie. «Da war ich schon etwas geschockt.» Dass sie schliesslich dennoch zusagte, habe sie keinen Moment bereut. Und das, obwohl sie im Jemen viel Leid sah und auch persönlich an ihre Grenzen kam.

Stationiert war Franziska Auf der Maur in einem Spital in einer kleinen Ortschaft im Süden Jemens. Aus Sicherheitsgründen dürfen sich die Mitarbeiter von MSF nur beschränkt und nur im Auto von einem Ort zum anderen bewegen. Im Spital arbeitete die Luzernerin als Anästhesistin in einem Team mit etwa zehn weiteren ausländischen und einheimischen Mitarbeitern, darunter Chirurgen und Notfallärzte.

Kaum war sie an ihrem Einsatzort angelangt, flammten die kriegerischen Auseinandersetzungen in unmittelbarer Nähe voll auf: «Jede Nacht hörten wir Bomber fliegen.» Es gab viele Tote und Verletzte. «Wir hatten sehr viele Verwundete mit teils multiplen Schussverletzungen, auch viele offene Bauch- und Brustverletzungen», erzählt die Luzernerin. Extremitätenverletzungen durch Bomben und Granatensplitter waren an der Tagesordnung. «Viele der bei uns eingelieferten Patienten waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort», sagt Franziska Auf der Maur mit jener professionellen Distanz, die es für die Bewältigung solch tragischer Ereignisse braucht. Auch Kinder sind vom Krieg betroffen: «Da gabs den Jungen, der auf dem Schulweg immer an einer Landmine vorbeilief. Eines Tages öffnete er diese. Er verlor einen Unterschenkel und eine Hand und hatte nach der Operation eine grosse Narbe im Bauch, da er wegen der Splitter auch mehrere Löcher im Darm hatte.» Ein 13-jähriges Mädchen wurde beim Wasser­holen angeschossen und erlitt eine offene Oberschenkelfraktur. «Man hat nur einfache Mittel zur Verfügung und muss daraus das Beste machen», sagt Franziska Auf der Maur.

Oft sei das Team angesichts der Vielzahl von Verletzten kapazitätsmässig an seine Grenzen gelangt: «Häufig arbeiteten wir bis spät abends, manchmal gings bis 2 Uhr am Morgen.» In ihrer ersten Nacht habe sie nur 2 Stunden geschlafen: «Eine schwer verletzte Patientin war instabil, deshalb haben mich die lokalen Mitarbeiter immer wieder angerufen. Am frühen Morgen ist sie dann trotzdem gestorben.» 14 Stunden Arbeit pro Tag, und das während 7 Tagen pro Woche, sei der Normalfall gewesen: «In der extremsten Zeit habe ich in 60 Stunden nur 6 Stunden geschlafen.» Auch bei ihrer Arbeit in Zürich gebe es 24-Stunden-Tage, doch nicht in dieser Dichte.

Hinzu kam die Sprachbarriere. Franziska Auf der Maur hat für ihren Einsatz im Jemen ein paar Brocken Arabisch gelernt; für die Kommunikation ohne Übersetzung reichte dies aber nicht. Auch die Wohnumstände waren nicht luxuriös. Dass sie wie alle Frauen angemessene Kleidung und ein Kopftuch tragen musste, trug sie mit Fassung. Aus Sicherheitsgründen durfte sie das Spitalareal nicht verlassen.

Viel Wärme und Hilfsbereitschaft

Trotz allem menschlichen Elend, das sie erlebte – für die Luzernerin brachte der Einsatz im Jemen auch viele schöne Momente: «Es kommt einem von diesen Menschen unglaublich viel Wärme und Hilfsbereitschaft entgegen, wenn man sie anständig behandelt.» Auch Freundschaften entwickelten sich, etwa mit der 12-jährigen Samar, die auf dem Schulweg angeschossen wurde und zum Glück nur Weichteilverletzungen am Unterschenkel erlitt. «Sie wurde eine gute Freundin, auch wenn wir nicht miteinander sprechen konnten», erzählt Franziska Auf der Maur, die selber keine Kinder hat. «Sie war von Anfang an sehr tapfer und gar nicht auf den Mund gefallen. Als sie erfuhr, dass ich den Jemen verlasse, hat sie ganz fest geweint.»

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Franziska Auf der Maur (Mitte hinten) bei der Arbeit im Spital im Jemen. (Bild: PD (Jemen, Dezember 2016))

Franziska Auf der Maur (Mitte hinten) bei der Arbeit im Spital im Jemen. (Bild: PD (Jemen, Dezember 2016))