ENTLEBUCH: Bauern-Region wird zum Dienstleister

Das Entlebuch verliert Arbeitsplätze. In der Landwirtschaft ist der Rückgang besonders dramatisch. Die Region befindet sich mitten im Strukturwandel – hin zur Dienstleistungsgesellschaft.

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Die Biosphäre im Entlebuch. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Die Biosphäre im Entlebuch. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Das Entlebuch stagniert. Anders als im Rest des Kantons wächst die Bevölkerung kaum – und die Region verliert zunehmend Arbeitsplätze, wie die neuesten Zahlen von Lustat zeigen. Zwischen 2008 und 2012 gingen 6,8 Prozent der Stellen im Entlebuch verloren – während der Gesamtkanton um 5,7 Prozent zulegte (Ausgabe vom 5. September). Das Phänomen ist keineswegs neu. «Bereits seit 20 Jahren verzeichnet das Entlebuch ein stagnierendes Einwohnerwachstum und einen Rückgang der Arbeitsplätze», sagt Regierungsrat Robert Küng und fügt gleichzeitig hinzu: «Das beunruhigt uns sehr.» Genauso sieht es Fritz Lötscher, Gemeindepräsident von Escholzmatt-Marbach: «Diese Entwicklung ist beunruhigend.»

«Das Entlebuch hat Zukunft»

Doch ist ein Turnaround überhaupt realistisch? Ja, sagt Fritz Lötscher mit Bestimmtheit: «Das Entlebuch hat Zukunft.» Hoffen lassen ihn Firmen wie die B. Braun Medical AG in Escholzmatt – mit aktuell 220 Beschäftigten einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region. Man setze auf den Standort Entlebuch, sagt Hans Kunz, CEO des Unternehmens. Die Braun Medical hat in Escholzmatt kräftig investiert. Der Grossteil der Mitarbeiter kommt aus dem Entlebuch – sie seien besonders treu und zuverlässig, sagt Kunz. Immerhin 39 Prozent der Angestellten kommen von auswärts und pendeln täglich – gegen den Trend – nach Escholzmatt. Die Lage zwischen Bern und Luzern sei ein Vorteil, sagt Kunz: So habe man gleich zwei grosse Einzugsgebiete. Einige Mitarbeiter werden sogar im Ausland rekrutiert. «Bei den Stelleninseraten wird der Standort jeweils bekannt gegeben. Bisher haben wir noch keine negativen Feedbacks erhalten», sagt Kunz. Viele Bewerber seien vom Arbeitsort Escholzmatt begeistert. Das Entlebuch sei «eine Randregion im Kanton, die es verdiene, berücksichtigt zu werden».

Fast keine Grossfirmen

Grossfirmen wie die Braun Medical sind allerdings rar im Entlebuch. Nur 0,5 Prozent der Firmen haben mehr als 50 Mitarbeiter. Wer ans Entlebuch denkt, denkt vor allem an die Landwirtschaft. Doch in diesem Sektor ist der Wandel besonders dramatisch: So gingen zwischen 2008 und 2012 gemäss Lustat 19,1 Prozent der Arbeitsplätze in der Entlebucher Landwirtschaft verloren. Dabei gehöre die Landwirtschaft doch zum Entlebuch wie das Amen in die Kirche, sagt Fredy Lötscher, Mitglied des Zentralvorstands des Kantonalen Gewerbeverbandes und Präsident des Gewerbevereins Escholzmatt-Marbach. «Ob man diese Region auf die Schnelle in eine Dienstleistungsmetropole umwandeln kann, bezweifle ich.»

Das Verhältnis kehrt sich um

Eine «Metropole» in Sachen Dienstleistungsbetriebe ist das Entlebuch zwar tatsächlich nicht. Dennoch geht der Trend auch im Entlebuch ganz deutlich in diese Richtung: Noch vor wenigen Jahren waren deutlich mehr Entlebucher in der Landwirtschaft als im Dienstleistungssektor beschäftigt. Heute ist es umgekehrt: Im Jahr 2012 standen 2400 Beschäftigte in der Landwirtschaft 4000 im Dienstleistungsbereich gegenüber. Und der Unterschied dürfte sich seither nochmals deutlich verstärkt haben. Auch der «2. Sektor», also die Industrie, hat im Entlebuch zugelegt, nämlich auf 2100 Beschäftigte.

Doch wie kann das Entlebuch die Vorteile, die es hat, besser ausspielen? Für die Ansiedlung von Firmen und Arbeitsplätzen fehle es unter anderem «an gut erschlossenen Strassen», sagt Guido Roos, Geschäftsführer des regionalen Entwicklungsträgers Region Luzern West. «Auch darum setzen wir uns unermüdlich für den Bau der Umfahrung Wolhusen Süd ein.» Doch diese hat für den Kanton aktuell nicht Priorität. «Die Süd-Umfahrung Wolhusen ist ein langfristiges, kostspieliges Projekt», sagt Robert Küng. Kommt hinzu: Laut Roos hat die Bedeutung der Bahnlinie durchs Entlebuch in den vergangenen zehn Jahren deutlich abgenommen. «Zwar ist das Entlebuch mit dem ÖV relativ gut erschlossen, doch die Hauptverbindung nach Bern führt seit einigen Jahren über Sursee und Zofingen.» Für Roos ist klar: «Wir brauchen einen besseren Anschluss an die Zentren im und ausserhalb des Kantons.»

Viele «Büezer», wenig Spezialisten

Neben fehlenden Verbindungen mangelt es dem Entlebuch aber auch an hoch qualifizierten Fachkräften. «Es gibt viele Handwerker, aber wenig Spezialisten», so Roos. Margrit Thalmann-Theiler, Gemeindepräsidentin von Schüpfheim, sagt: «Tatsache ist, Neuansiedlungen von Grossfirmen erfolgen eher entlang der Autobahnen.» Die Unesco-Biosphäre Entlebuch verfüge aber über viel ungenutztes Potenzial. So könne man den Tourismus weiter ausbauen und einheimische Produkte und Angebote noch besser vermarkten.

Den Tourismus weiter fördern – das läge ganz im Trend hin zur Dienstleistungsgesellschaft, gehört doch die Tourismusbranche ebenfalls zum «3. Sektor». «Dafür muss der Entlebucher aber noch näher zusammenrücken und sich vernetzen», sagt Thalmann. Klar sei aber auch: «Die Volkswirtschaft legt die Rahmenbedingungen fest.» Eine noch stärkere Zentralisierung in die Stadt und Agglomerationen sei zu vermeiden.

Tourismus ist die beste Karte

Für die Weiterentwicklung der Region brauche es von Seite Politik die notwendigen raumplanerischen Rahmenbedingungen, sagt Gemeindepräsidentin Thalmann. «Im Fokus der Sparbemühungen ist es schnell passiert, Dinge vorzuschlagen, die das Entlebuch schwächen», sagt auch Guido Roos. Der Kanton müsse darum weiterhin Strassenbauprojekte unterstützen, die die Erschliessung der Region sicherstellen. «Im Entlebuch steht insbesondere der Tourismus im Vordergrund», sagt auch Regierungsrat Robert Küng. Die dadurch generierte Wertschöpfung würde ein Wachstum mit sich bringen, glaubt er. Wobei gleichzeitig zu bedenken sei: «Wir können geografische Nachteile nur bedingt auffangen.»

Rückständiges Entlebuch?

Klar ist: Abgekapselt vom Rest des Kantons ist das Entlebuch nicht. Fritz Lötscher, Gemeindepräsident von Escholzmatt-Marbach: «Seit ich Zug fahre, waren die Verbindungen noch nie so gut wie in den vergangenen Jahren.» Von Luzern nach Escholzmatt haben Pendler mit dem Zug keine 45 Minuten. Und Guido Roos sagt: «Man müsste das Vorurteil, das Entlebuch sei rückständig, abgelegen und habe nichts zu bieten, endlich abbauen.» Wie in der Region künftig mehr Arbeitsplätze geschaffen werden können, kann auch Roos nicht abschliessend sagen. Dazu seien – nebst Rahmenbedingungen, Kanton und Wirtschaftsförderung – schlussendlich unternehmerische Initiativen gefragt.