ENTLEBUCH: Hunde vom Aussterben bedroht

Der Zuchtbestand des Entlebucher Sennenhunds wird immer kleiner. Ein Hauptgrund: Viele Tiere landen zu früh im Ausland.

Stephan Santschi
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Maria Unternährer mit den Entlebucher Sennenhunden Riva (links) und Freia in Marbach. (Bild: Remo Nägeli)

Maria Unternährer mit den Entlebucher Sennenhunden Riva (links) und Freia in Marbach. (Bild: Remo Nägeli)

«Es ist ein Tiefstand der Zuchttiere erreicht.» Das vermeldete der Schweizerische Klub für Entlebucher Sennenhunde (SKES) jüngst an seiner Generalversammlung. Konkret zähle man noch 22 Rüden und 24 Hündinnen, die für die reinrassige Fortpflanzung verwendet werden könnten. Demgegenüber steht das grosse Interesse an der kleinsten der vier Sennenhund-Gattungen (siehe Box). «Wir führen eine Warteliste von rund 60 Personen», sagt SKES-Präsident Peter Hunziker aus Mühlethal AG. Viele potenzielle Abnehmer befänden sich dabei im Ausland, beispielsweise in Amerika, Russland, Deutschland, England, Frankreich und Holland.

1500 bis 1600 Franken pro Hund

Grosse Nachfrage, kleines Angebot. Wo liegen die Ursachen? Eine, die es wissen muss, ist Maria Unternährer aus Marbach. Die 63-jährige Bäuerin züchtet seit 26 Jahren Entlebucher Sennenhunde. In dieser Zeit hat sie 21 Würfe und die Geburt von 82 Welpen miterlebt. Sie weiss um die Qualitäten dieses relativ klein gewachsenen Tieres (Schulterhöhe: 45 bis 50 cm). «Der Entlebucher Sennenhund ist ein treuer Familienhund und ein guter Wachhund. Manchmal wirkt es, als ob er die Gedanken der Menschen lesen könnte», sagt Unternährer. Bei ihr zu Hause leben mit der 10-jährigen Freia und der acht Monate alten Riva zwei von insgesamt sechzehn im Entlebuch beheimateten Tieren mit Stammbaum. Von diesen stehen zurzeit zehn in der Zucht. Der marktübliche Preis für ein Tier bewege sich zwischen 1500 und 1600 Franken. «Ein Geschäft macht damit keiner. Die Haltung und das Züchten von Entlebucher Sennenhunden ist ein Hobby, das Freude bereitet. Bleibt etwas Geld übrig, investiert man es beispielsweise in die Infrastruktur der Zuchtstätte», erklärt sie.

Die Ursache für den Rückgang der Zuchttiere sieht Unternährer einerseits im fehlenden Züchternachwuchs und andererseits als Folge früherer einseitiger Paarungen.

Sorgen um die Zukunft des Entlebucher Sennenhunds macht sich auch Paul H. Boss. Der Tierarzt aus Frutigen amtet als Präsident der Kör- und Zuchtkommission des Schweizerischen Klubs für Entlebucher Sennenhunde. Er sagt: «In der Tat ist die Zahl der Welpen sinkend. Das liegt am Menschen. So wie immer, wenn die Natur Probleme macht.» Oft werde ein Hund schon vor oder unmittelbar nach seiner Geburt einem Käufer versprochen, häufig im Ausland. Das sei viel zu früh. Erst mit 18 Monaten wird ein Entlebucher Sennenhund nämlich zur Körung zugelassen – also beurteilt, ob er tauglich für die Zucht ist. «Zu diesem Zeitpunkt befindet sich ein Hund aber vielleicht bereits bei einer Familie in Deutschland und ist kastriert. Ein guter Hund kann so am falschen Ort landen. Damit geht wertvolles Zuchtmaterial verloren», erklärt Paul H. Boss.

«Jeder will einen perfekten Hund»

Der zweite Problempunkt sei kleinliches Denken vieler Züchter. «Jeder will einen perfekten Hund. Einen Audi A4 mit Garantie. Anstatt über den Hund redet man deshalb vor allem über Krankheiten.» Eigentlich verzeichne der Entlebucher Sennenhund relativ wenig genbedingte Krankheiten.

«Trotzdem: Sobald der Besitzer eine vererbbare Krankheit vermutet – und tritt sie auch noch so selten auf –, wird der Hund aus der Zucht genommen. Unwesentliche Erkrankungen erhalten so eine zu grosse Bedeutung», führt Boss aus. Auf diese Weise verkleinere sich die Population und die Verwandtschaft eines Hundes. Das wiederum vergrössere die Probleme der Inzucht. «Das ärgert mich. Dagegen kämpfe ich an», sagt Tierarzt Paul H. Boss.

Für ihn und die Marbacherin Maria Unternährer steht fest, dass Züchter von Entlebucher Sennenhunden Augen und Ohren offen halten müssen, um die Rasse wieder breiter abzustützen. Um zu verhindern, dass zu viele Hunde ins Ausland verkauft werden und damit für die Schweizer Zucht verloren gehen.