ENTLEBUCH: Urgestein der Bergretter tritt ab

40 Jahre stand Ernst Bieri im Dienste der Bergrettung. Als Hundeführer hat er angefangen, als gute Seele des Trupps verabschiedet er sich.

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Ernst Bieri (66) war 40 Jahre lang Bergretter bei der SAC-Rettungsstation Sörenberg-Entlebuch. (Bild: Pius Amrein)

Ernst Bieri (66) war 40 Jahre lang Bergretter bei der SAC-Rettungsstation Sörenberg-Entlebuch. (Bild: Pius Amrein)

Evelyne Fischer

Seil, Helm, Erste-Hilfe-Kasten, Klettergurt und Karabiner. Der Rettungsrucksack im Treppenhaus ist griffbereit. Ein letztes Mal wird ihn Ernst Bieri später zum Fototermin überstreifen. Den Pager der SAC-Rettungsstation hat der 66-Jährige bereits abgegeben.

Der Entlebucher sitzt am Küchentisch. An der Wand zu seiner Rechten ein Familienfoto, links der Blick ins Grüne. Ernst Bieri ist ein sportlicher Neo-Pensionär, trägt Berglerhemd, Jeans und Trekkingschuhe. Das gekräuselte Haar und der Bart gehörten während der vergangenen 40 Jahre Bergrettung zu seinen Markenzeichen. Nebenberuflich zwar unterwegs, aber trotzdem sofort zur Stelle, wenns nötig war.

Schuld war ein papierloser Hund

Zwei Vorlieben machten Bieri zum Bergretter: Er mag Hunde und Herausforderungen. Mit seinem Deutschen Schäfer wollte er als Mittzwanziger nicht nur Gassi gehen. Doch Bosco fehlte für die Zulassung zur Hundesportprüfung der Stammbaum. «Keine Papiere? Vergiss es», hiess es beim kynologischen Verein. «Versuchs mit einem Lawinenhundeführerkurs beim Schweizer Alpen-Club.» Das war 1975. Der SAC besitzt im Entlebuch noch keine Station, Einsätze im Gebirge sind Sache der Kantonspolizei. Erst 1978 baut Sörenberg eine eigene Sektion auf, 1997 folgt Entlebuch. Heute bilden die beiden Regionen gemeinsam die SAC-Rettungsstation Sörenberg-Entlebuch und zählen rund 30 Einsatzkräfte.

Vier Hunde begleiteten Bieri während seiner Laufbahn. Der letzte war Erox, ein Gebirgsflächensuchhund. Mit ihm suchte Bieri im Napfgebiet in Schluchten, in denen sich Menschen in den Tod gestürzt hatten. Mit ihm durchforstete er Gestrüpp am Fusse der Stächeleggfluh, um im Frühjahr einen Engländer zu finden, der im Herbst beim Pilzlen verunglückt war. «Nicht jedem ist es gegeben, Vermisste tot zu bergen», sagt Bieri. Er habe sich damit arrangiert, habe funktioniert. «Ging der Pager los, stellte ich mich auf das Schlimmste ein und hoffte auf ein Wunder.» Schwer gefallen seien ihm Einsätze mit Kindern. «Als Familienvater lässt einen das nicht kalt.» Glück im Unglück hatten jene Eltern, die nach einer Wanderung auf die Rigi ihren Bub vermissten. «Unbemerkt war der Schlingel ins Tal zurückgekehrt, wir fanden ihn beim Kollegen vor dem Fernseher.»

Nach rund 30 Ernstfällen haben sich in Bieris Gedächtnis nur wenige schöne Erinnerungen eingenistet. Sein tragischster Einsatz: ein abgestürzter Kollege. «Wir fanden ihn unterhalb unserer Clubhütte beim Pilatus, tot.» Er habe seine Gefühle meist gut im Griff, sagt Bieri. «Aber denn hets jede glüpft.» Ans Aufhören dachte er dennoch nie. «Die Arbeit macht Sinn. Und das war meine Motivation.»

Jede Minute zählt

Bevor sich Bieri in der Gebirgsrettung engagierte, hatte er in Lawinen nach Verschütteten gesucht. Nie vergessen wird er die nächtliche Suche nach einem Schneebrett-Opfer im First-Gebiet. Erst im Morgengrauen fanden die Retter einen Skistock, später erspähte Bieri im Tobel einen Handschuh. Als er danach griff, spürte er etwas Hartes die Leiche. Skisportler, abseits der markierten Piste, lassen ihn noch heute den Kopf schütteln. «Dass ihnen das Leben nicht mehr wert ist, regt mich auf.» Ernsteinsätze im Schnee habe es «zum Glück» selten gegeben. «In Sörenberg kam es kaum zu Lawinenunfällen, für andere Regionen war ich zu weit weg. Wird jemand verschüttet, zählt jede Minute.»

Gefragt waren Bieri und sein tierischer Trupp trotzdem in Kursen. «Er kannte das Hundewesen in- und auswendig», sagt der Einsiedler Marcel Meier, Fachleiter Hunde bei Alpine Rettung Schweiz. Über 20 Jahre trafen sich Meier und Bieri für Übungen. «Mit seinem Abschied geht nicht nur ein besonnener und routinierter Retter verloren», sagt Meier. «Uns wird auch der gesellige Entlebucher fehlen, dessen Schalk manches Training auflockerte.»

Offenes Ohr für die Kameraden

Mit 40 Einsatzjahren erlebte Bieri den ganzen Wandel des Rettungswesens mit. Nicht nur musste dieses lange ohne Handy auskommen. Auch mutete man den Rettern psychisch einiges zu. Stellt heute ein Arzt vor Ort den Tod eines Verunfallten fest, waren es in den Anfängen noch die Bergretter selbst. «Wir waren auf uns allein gestellt.» Als Urgestein hatte der Entlebucher immer ein offenes Ohr für seine Kameraden. «Sass einer nach einem Einsatz still am Tisch, griff ich am nächsten Tag zum Hörer», sagt Bieri. «Geits?», wollte er wissen. Meist musste er «d Froue fräge», sie wussten Bescheid. Auch Bieris Gattin Margrit hat viele Male zu Hause «gebibbert», wie sie sagt. «Aber zurückhalten liess er sich nie.» Das dürfte auch in Zukunft so sein. Seil, Helm, Klettergurt: Sie werden Ernst Bieri weiterhin begleiten. Allerdings rein privat und ohne Pager im Hosensack.