ENTWICKLUNGSHILFE: Heimkommen fällt ihr schwerer, als zu gehen

Seit knapp 20 Jahren reist die Luzernerin Andrea Isenegger in Krisengebiete. Das erfordert grosse Anpassungsfähigkeit.

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Die Luzernerin Andrea Isenegger (links) in einer Unterkunft im Tschad. (Bild: PD)

Die Luzernerin Andrea Isenegger (links) in einer Unterkunft im Tschad. (Bild: PD)

Natalie Ehrenzweig

Koffer packen: Manchmal wissen sie es eine Woche vorher, manchmal nur zwei Tage. Die Rede ist von den Menschen, die für Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Krisen-, Katastrophen- oder Epidemiegebiete reisen, um vor Ort zu arbeiten. Auch die Luzernerin Andrea Isenegger gehört zu ihnen.

Kürzlich kam die 50-Jährige aus dem Tschad zurück. Dort hat sie für MSF zwei Monate in Massakory ein Spital geleitet und 180 Mitarbeiter geführt. «Davon waren sieben internationale Mitarbeiter, die anderen waren lokale Angestellte», sagt Andrea Isenegger. Ihre Aufgaben waren vielseitig: «Der Arbeitstag dauerte meist etwa 12 Stunden. Viel Zeit wendete ich für Patientenbesuche auf. Auch Diskussionen mit den Ärzten über weitere Behandlungen oder das Spielen mit den Kindern gehörten dazu. Dazu kam natürlich Mails beantworten, Rapporte schreiben und viele Sitzungen», erzählt die gelernte Apothekerin.

Sicherheit ist oberstes Gebot

Sicherheit ist für MSF das oberste Gebot, wenn Leute in solche Gebiete geschickt werden. Deshalb ist die tägliche Sicherheitssitzung wohl die wichtigste. «Ich hatte einen lokalen Assistenten, einen Politologen, der täglich die Situation einschätzte.» Nötig war dies. Denn Andrea Isen­egger kam genau zu der Zeit in den Tschad, als Boko Haram im benachbarten Nigeria wütete. Tausende Menschen sind über die Grenze in den Tschad geflohen.

Andrea Isenegger hat denn auch ein Notfallteam geleitet, das in die Region um den Tschadsee aufgebrochen ist, um die humanitären Bedürfnisse der Flüchtlinge abzuklären. «Als weisse Frau konnte ich selber leider nicht mit. Das wäre viel zu gefährlich gewesen», bedauert sie. Das Team hat dokumentiert, dass im Flüchtlingslager grosser Bedarf an psychologischer und medizinischer Hilfe, aber auch Infrastruktur wie Duschen oder WCs besteht.

Anpassen an die Kultur

Die zierliche Frau hat bei ihren vielen Einsätzen, etwa in Usbekistan, im Südsudan, in Kirgistan, in Palästina, in Mosambik oder Madagaskar, nie Probleme gehabt, dass sie als Frau nicht respektiert worden wäre. «Sogar in Afghanistan und Somalia war das kein Problem. Das liegt auch an meinem eigenen Verhalten. Dort schlüpfe ich in eine Rolle, distanziere mich und widme mich auch der regionalen Kultur. Das heisst, ich trage wo nötig ein Kopftuch, keine Shorts, keine kurzen Röcke. Beobachten, anpassen, tolerieren und handeln. Ausserhalb der Arbeit lebe ich ja oft in den Compounds», erzählt sie. Compounds nennt man die Häuser, in denen die ausländischen Entwicklungshelfer untergebracht sind. Das Leben in diesen Compounds gefällt Andrea Isenegger nicht immer: «An den Sonntagen würde ich manchmal lieber ins Dorf und mich mit den Einheimischen unterhalten. Aber an vielen Orten geht das aus Sicherheitsgründen leider nicht. Dann skype ich oft den ganzen Tag oder lese ein Buch. Je nach Zusammensetzung der internationalen Mitarbeiter in den Häusern sitzt man auch mal zusammen und diskutiert.» Die modernen Kommunikationsmöglichkeiten erleichtern Andrea Isenegger ihre Aufenthalte sehr. «Dank ihnen fällt der Abschied jeweils nicht so schwer. Im Gegenteil. Ich freue mich immer sehr, denn es steht eine neue Erfahrung bevor. Das Heimkommen fällt mir schwerer.»

Einsätze können traumatisieren

Nicht dass es sich nicht lohnen würde heimzukommen. «Ich habe einen grossen Freundeskreis, in Luzern, Zürich und Genf. Aber wenn du von so einem Einsatz zurückkommst, dann versteht dich hier niemand. Es ist schwierig, nachzuvollziehen, was man vor Ort erlebt. Wir müssen damit umgehen, dass nicht alle Patienten, die an schwerer Mangelernährung leiden, überleben, und auch mit der eigenen Hilflosigkeit. Manche kommen traumatisiert zurück, zum Beispiel von den Ebola-Einsätzen. Hier bin ich stolz, dass wir bei MSF eine systematische Unterstützung entwickelt haben, bei der die Mitarbeiter im Feld, aber auch daheim begleitet werden.»

Wenn Andrea Isenegger einen Einsatz in schwierigen Ländern hat, fehlt ihr vor allem die Bewegung. «Im Tschad durften wir zum Beispiel nirgendwohin zu Fuss gehen. Ich bin ein Bewegungsmensch. In der Schweiz gehe ich schwimmen, Ski fahren, wandern. Das fehlt mir dann schon sehr.»

Seit drei Jahren arbeitet Andrea Isen­egger im Hauptsitz für den Präsidenten und den Vorstand von MSF. Sie macht nur noch sogenanntes Gap Filling, springt also ein, wenn ein Projektkoordinator ausfällt. Trotzdem weiss sie schon, dass sie voraussichtlich im Mai das nächste Mal die Koffer packen wird. Wohin es geht, weiss sie noch nicht. «Da ich Russisch spreche: vielleicht in die Ukraine. Ich bin da offen», freut sie sich lachend.