Er bringt den Starsänger Plácido Domingo ins KKL

In Mexiko sang Joel Montero in der Strassenbahn. Jetzt steht der Wahl-Krienser zusammen mit dem Tenor der Tenöre auf der Bühne. Ein privater Schicksalsschlag hatte ihn zuvor schwer getroffen.

Roman Kühne
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Joel Montero im KKL Luzern, wo er am 30. März zusammen mit dem berühmten spanischen  Sänger Plácido Domino auftreten wird.

Joel Montero im KKL Luzern, wo er am 30. März zusammen mit dem berühmten spanischen  Sänger Plácido Domino auftreten wird.

Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 20. Januar 2020) 

Es ist brutal, wie schnell es passieren kann. Eben noch ist alles hell und klar. Ein Schalter wird gedrückt, und mitten im prallen Leben geht einfach das Licht aus. Nichts ist mehr wie vorher. Die Fundamente wanken. Eine schwarze Wand. Diese Erfahrung musste vor nicht einmal zwei Jahren der Tenor Joel Montero (43) machen. Heute kann der Opernsänger offen darüber sprechen: «Als meine Frau María an Krebs starb, war dies brutal. Vor allem auch für meine Tochter. Mit erst 15 seine Mutter zu verlieren, ist sehr schwierig. Gerade für einen Teenager ist die Mutter extrem wichtig.» Kennen gelernt hatte er seine Partnerin während seines Studiums am Mozarteum in Salzburg. Als sie eine Stelle im Berufschor des Luzerner Theaters erhielt, zog die ganze Familie nach Kriens. Joel Montero und seine Tochter Marienne leben immer noch dort. Er zieht sie jetzt allein auf.

Bei der Verarbeitung dieser Tragödie hilft Joel Montero seine mexikanische Tradition. Der «Día de Muertos», der Tag der Toten, ist in Mexiko die Brücke zwischen den Lebenden und den Dahingeschiedenen. Ein farbenfrohes Fest mit viel Tanz und Fröhlichkeit. Auch die Monteros stellen jeweils am 2. November einen Altar auf, gedenken auf diese Weise in Kriens den verlorenen Menschen. Eigentlich führte Joel Montero ein künstlerisch erfolgreiches Leben. Aber: «Wenn so etwas Entscheidendes passiert, ist es schwierig einfach weiterzumachen wie bisher.»

Schon 2015 gründete Montero die Stiftung Maya Classics. «Mit dieser unterstütze ich die Filarmónica de Quintana Roo auf der Halbinsel Cancún», sagt er. «Von dort kommt die ursprüngliche Kultur der Maya. Der Regierung der Region ist die Klassik egal.»  Montero betont: «Als meine Frau ging, habe ich mich gefragt: Wars das jetzt mit meiner Sängerkarriere? Wie kann ich meine Tochter weiterhin in ihrem Leben unterstützen und dennoch aktiv bleiben? So begann ich, die Möglichkeit von Konzerten in Luzern zu sondieren.» Dabei startet Joel Montero gleich mit einer Riesenkiste. Zuerst spielt und singt er am 23. März im KKL mit zahlreichen Opernstars und den Zürcher Sinfonikern den ganzen «Otello». Dies ist gleichzeitig sein 20-jähriges Bühnenjubiläum, hier zwei Ausschnitte aus Deutschland und Mexiko:

Für den zweiten Auftritt eine Woche später am 30. März hält er dann die Sensation bereit. Plácido Domingo, der Übervater aller heute lebenden Tenöre, stimmbedingt inzwischen im Baritonfach, kommt zum ersten Mal ins KKL nach Luzern, hier die drei Tenöre mit Plácido Domingo:

Wie kam es dazu? «Ich habe auf der Opernbühne oft mit Sängerinnen und Sängern gesungen, die auch mit Plácido Domingo arbeiten, darunter die Sopranistin Nadine Sierra oder die Mezzosopranistin Elina Garanca; als ich bei Domingos Managerin anrief, kannte man mich also schon», erklärt Montero schmunzelnd.

«Plácido Domingo hatte für den gleichen Tag auch ein Angebot für London. Doch er meinte, er kenne Luzern nicht und würde gerne im KKL singen, von dem er schon so viel gehört hatte. Wir haben uns dann getroffen, und Domingo war völlig unkompliziert und offen.»

Im gleichen Konzert singt auch Nadine Sierra mit. Die 31-jährige Sopranistin ist auf dem besten Weg an die Spitze der Karriereleiter. Gerade hat sie den mit 50 000 Franken dotierten Preis der Metropolitan Opera gewonnen.

Mit dem Konzert geht Joel Montero ein grosses finanzielles Risiko ein. «Dies ist wohl die mexikanische Mentalität», erklärt Montero in fliessendem Deutsch. «Die Menschen meiner Heimat sind viel stärker im Hier und Jetzt. Man lebt mit einer grossen Risikobereitschaft. Da gibt es keine 3. Säule. Ein Sparbuch können sich die meisten nicht leisten.» Joel Montero weiss, wovon er spricht. Der Vater war Friseur. Viele Extras gab es nicht. Eine höhere Ausbildung lag ausser Reichweite. Er musste alles selbst finanzieren. Um sich Geld zu verdienen, arbeitete er in Restaurants und sang in der Strassenbahn. Geld, das ihm sein Dirigierstudium finanzieren sollte.

Durch Zufall zur Opernkarriere

Ja, eigentlich wollte er Dirigent werden. Doch dann kam alles anders. An einer Prüfung sollte er einen Ausschnitt aus Giacomo Puccinis Oper «Tosca» dirigieren. Der Tenor war jedoch krank, und Montero sang selbst. Nicht irgendetwas, sondern die berühmte Arie des Cavaradossi (E lucevan le stelle). Sein Lehrer war begeistert. Allerdings nicht vom Dirigieren, sondern von der klingenden Stimme seines Schülers. Seine Risikobereitschaft half Montero auch beim Sprung nach Europa. Ans Mozarteum in Salzburg zum Vorsingen eingeladen, reichte das Geld nur für einen Weg. Wieder setzte er auf den Gesang. Restaurants, Plätze oder auch Kirchenfeiern bereicherte er mit seiner Stimme.

Nach einem Jahr dann das erste Engagement am Salzburger Landestheater. Er ist der «Italienische Sänger» in Richard Strauss’ «Rosenkavalier». Hoch und schwierig. Dann geht es Schlag auf Schlag. Der russische Dirigent Kirill Petrenko fördert ihn. Vor allem an den Staatstheater Meiningen und Darmstadt hat er bis heute über 20 grosse Partien gesungen: Alfredo in «La Traviata», Fenton in «Falstaff». Gar den Otello, ein schwergewichtiger Höhepunkt für jeden lyrischen Tenor. Das Konzert in Luzern ist der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere: «Plötzlich stehe ich mit dem Idol meiner Kindheit auf der Bühne. Es ist wahrscheinlich das erste und letzte Mal, dass wir diesen Sänger im KKL hören können». Eine Sensation für Luzern und hoffentlich ein voller Saal für den Organisator. 

KKL Luzern, Montag, 23. März, 19.30: «Otello» (Giuseppe Verdi) mit Joel Montero. Montag, 30. März, 19.30 Uhr: Plácido Domingo. Tickets: www.kkl-luzern.ch