Serie

Früher bestieg er fast jeden Gipfel, jetzt blickt er auf seine schönsten Sommererlebnisse in den Bergen zurück: Ein 87-Jähriger erzählt von den Wundern der Natur

In der Sommer-Serie «Der schönste Sommer meines Lebens» gehen wir von Altersheim zu Altersheim und besuchen Seniorinnen und Senioren. Statt sie mit Fragen zu löchern, lassen wir sie einfach mal in Ruhe erzählen. Wir hören zu und schreiben auf.

Livia Fischer
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«Das ist ein Mäusebussard», erklärt Josef Hermann und zeigt mit dem Finger auf einen Vogel, der am Himmel kreist. Wie fast immer bei schönem Wetter, sitzt der 87-Jährige auf seinem Balkon im Wohn- und Pflegezentrum Berghof in Wolhusen. «Eine prächtige Aussicht habe ich da», sagt er zufrieden. Auf dem kleinen Tischchen vor ihm liegen ein Feldstecher und zwei Bücher – ein eher neuerer Vogelführer und ein alter Tier- und Pflanzenführer. Letzterer ist schon etwas vergilbt, «Mit 587 Farbfotos» steht darauf.

Die Natur habe ihn schon immer interessiert, meint er. Und als begeisterter Wanderer sei er früher vielen Tieren und Pflanzen begegnet. Er schwelgt gerne in Erinnerungen. Sobald er anfängt, davon zu erzählen, wechselt er von Schweizer- auf Hochdeutsch.

Josef Hermann geniesst die Aussicht von seinem Balkon.

Josef Hermann geniesst die Aussicht von seinem Balkon.


Bild: Boris Bürgisser (Wolhusen, 27. Juli 2020)

Gute Ausdauer und schlechtes Gedächtnis

Schon als kleiner Junge hatte ich grosse Freude an der Bergwelt. Als ich in der zweiten Klasse war, ging ich mit meinem Vater zum ersten Mal aufs Mittaggüpfi. Von da an wanderten wir regelmässig. In der vierten Primar erzählte ich einem Schulkollegen, es war der Nachbarsbube, von unseren Erlebnissen in der Natur. Er hat fast geweint, so fasziniert war er und fragte mich, ob er mit uns mitkommen dürfe. Wir warnten ihn, dass es schon viel Ausdauer brauche, nahmen ihn aber gerne mit.

Ich weiss gerade gar nicht mehr, wohin wir wanderten, aber eins weiss ich noch genau: Oben angekommen assen wir zu Mittag, dann machten wir uns wieder auf den Nachhauseweg. Der Nachbarsbube vergass seinen Rucksack auf dem Gipfel – wir merkten es, sagten zunächst aber nichts, sondern nahmen den Rucksack heimlich mit. Selbst als wir unten angekommen waren, fiel es ihm nicht auf. Aus Spass fragten wir ihn erstaunt: «Wo hast du denn deinen Rucksack?» Er war geschockt und dachte schon, dass er jetzt alles wieder hinaufwandern müsse. Als wir seinen Rucksack hervorholten, war mein Freund so froh, er «verküsste» uns (lacht). Das war ein lustiges und tolles Erlebnis. Vor allem aber, weil er am Ende des Tages so glücklich war.

Seltene Edelweisse und hungrige Adlerbabys

Eine andere Wanderung, die ihm im Gedächtnis blieb, ist jene zum Rosenlauigletscher. Dort habe er viele Alpenrosen gesehen. Und sogar Edelweisse. «Das war schon immer mein Wunsch. Man muss Glück haben, diese schönen Blumen zu finden», sagt Hermann. Obwohl auch er das am liebsten gemacht hätte, wusste er: Edelweisse darf man nicht abreissen. Das sei auch richtig so, sonst würden die Blümchen bald verschwinden, meint er – und befürwortet auch die damit verbundenen Kontrollen.

Von wegen aussergewöhnliche Entdeckungen: Ich mag mich auch noch an einen Sommer erinnern, da kam ein befreundetes Ehepaar aus Deutschland zu uns in die Schweiz in die Ferien. Um ihnen die wunderschöne Bergwelt zu zeigen, machten wir mit ihnen eine Wanderung. Das Ziel: die Schrattenfluh. Wir hatten eine prima Zeit zusammen und während wir wanderten, sahen wir einen Adler. Er flog zu seinem Nest, da waren Junge drin. Wir sahen, dass er irgendwas im Schnabel hatte. Mit dem Feldstecher konnten wir schliesslich sehen, dass es ein wilder Hase war. Das war wirklich ein ganz besonderes Erlebnis, so etwas Eindrückliches bleibt einem lebenslänglich im Kopf.

Majestätischer Gemsbock und feuerrote Berggipfel

Die allerschönste Wanderung – und gleichzeitig sein schönstes Sommererlebnis – geht allerdings viele Jahre zurück. Als 19-Jähriger wollte er zusammen mit zwei Freunden das Wetterhorn, einen 3692 Meter hohen Berg im Berner Oberland, besteigen.

Wir planten eine zweitägige Tour, am ersten Abend übernachteten wir in einer SAC-Hütte auf einem anderen, nahe gelegenen Berg. Von der Hütte aus sahen wir einen Gemsbock. Die Abendsonne strahlte auf ihn, liess ihn so richtig majestätisch aussehen. Ich wollte ihn unbedingt von Nahem sehen, probierte also, mich vorsichtig heranzuschleichen. Irgendwie hat er das aber gewittert und ist davongesprungen. Ich ging weiter, wollte ihn nochmals sehen. Dann plötzlich sah ich, wie er mir von weiter oben entgegengesprungen kam. Zuerst erschrak ich, aber ich wusste, dass die Tiere nicht bösartig sind, und hatte keine Angst. Etwa 20 Meter von mir entfernt sprang er an mir vorbei – das war unglaublich.

Anschliessend kletterte ich alleine bis zum Berggipfel hinauf, genoss die Ruhe und schaute von da den Sonnenuntergang. Die Abendsonne war so rot, dass die Berggipfel ringsum wie Feuerflammen leuchteten. Gottlob, dass ich so etwas erleben durfte. Dieser Anblick hat sich direkt in mein Herz gebrannt.

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