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Er hat das Image der Sonderschule in Malters poliert

22 Jahre war Paul Longoni (65) Geschäftsführer der Sonderschule in Malters. Er spricht über die schwierige Anfangszeit und darüber, dass die totale Integration an Regelschulen eine Illusion sei.
Yasmin Kunz
Nach 22 Jahren ist Schluss: Paul Longoni, Geschäftsführer des Schul- und Wohnzentrums in Malters, wurde dieser Tage pensioniert. (Bild: Philipp Schmidli, Malters, 11. April 2019)

Nach 22 Jahren ist Schluss: Paul Longoni, Geschäftsführer des Schul- und Wohnzentrums in Malters, wurde dieser Tage pensioniert. (Bild: Philipp Schmidli, Malters, 11. April 2019)

Ein Schiff ist im Hafen sicher, dafür sind Schiffe aber nicht gebaut. Dieses Zitat könnte für Paul Longoni besser nicht passen. Demnächst wird er mit seinem 14 Meter langen und 4,5 Meter breiten Motorschiff den Hafen verlassen und neue Ufer ansteuern. Das Kapitän sein liegt ihm im Blut. 22 Jahre war er Kapitän – so formulieren es seine Mitarbeiter im Abschiedsbrief – respektive Geschäftsführer des Schul- und Wohnzentrums in Malters. Die Sonderschule richtet sich an Primarschulkinder sowie Sekundarschüler, für welche die Regelklasse aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten keine Option ist.

Derzeit besuchen rund 60 Kinder und Jugendliche die Sonderschule in Malters, rund 20 Prozent davon sind Mädchen. Die Schule hat zusätzlich noch Aussenstandorte in Emmenbrücke und Ebikon mit total etwas mehr als 30 Schülern und betreut ausserdem aktuell fünf weitere Kinder mit Autismus, an einem anderen Standort in Schachen. Zudem begleitet ein Team seiner Heil- und Sozialpädagogen zirka 90 Schüler in Regelschulen im Kanton Luzern.

Angefangen hat alles mit finanziellen Problemen

Paul Longoni (65) räumt bei unserem Besuch sein Büro – «mit Wehmut», wie er sagt. «Ich habe das halbe Arbeitsleben hier verbracht und diese Schule ist sozusagen mein Kind.» Er habe viel Arbeit und noch mehr Herzblut in die Sonderschule gesteckt.

Als er vor 22 Jahren die Geschäftsführung übernommen hatte, litt die Schule unter einem schlechten Image, wie er sagt. Das lag unter anderem daran, dass über Jahre hinweg nichts in die Infrastruktur investiert worden war. Und genau das hat Longoni, der vor seinem Wechsel in die sozialen Einrichtungen als Betriebswirtschaftler in der Industrie tätig war, gereizt: Die Sonderschule wieder aufbauen, das Image verbessern. Eine grosse Herausforderung.

Longoni drückt es so aus:

«Die Schule stand am Abgrund, da konnte es eigentlich fast nur besser kommen.»

Schwierig war etwa die Finanzierung, weil die Gelder des Bundes, der bis Ende 2007 massgeblich für Finanzierung der Sonderschulen zuständig war, nicht flossen. Dies wegen Fehlern in der Buchhaltung der Schule. Darum blockierte der Luzerner Regierungsrat damals die dringend nötigen Sanierungen bis zur Lösung der finanziellen Probleme und der tiefen Belegung.

Er setzte sich seit Beginn für die Mädchen ein

So übernahm Longoni, der mit 30 Jahren noch das Studium zum Sozialarbeiter absolviert hat, eine Schule mit grossem Investitionsbedarf und betriebswirtschaftlichen Defiziten. Mit einem Studium in der Betriebswirtschaft im Rucksack, einigen Jahren Erfahrung in grossen Konzernen sowie sozialen Einrichtungen und viel Geduld hat er die Schule umgestaltet und das Image auf Vordermann gebracht. Er glaubt zumindest, dass die Schule heute einen guten Ruf habe. «Es kommt natürlich auch immer darauf an, wen sie fragen», fügt er schmunzelnd an.

Erst kürzlich habe ihn eine ehemalige Schülerin kontaktiert und sich rund 15 Jahre nach ihrer Schulzeit bedankt. «Das sind die schönen Momente, die einem in Erinnerung bleiben.» Gerade die Mädchen waren Paul Longoni wichtig, «weil sie immer eine Minderheit unter den vielen Buben waren und sich dadurch teils etwas unwohl fühlten.» So habe er kurz nach Stellenantritt separate Klassen eingeführt und die Zahl der Schülerinnen sei danach gestiegen. Das System funktioniere auch heute noch.

Seine innovativen Ideen sind gefragt

Reformiert hat Longoni ausserdem die zentralen pädagogischen Konzepte mit der Einführung des lösungsorientierten Ansatzes, den Aufgabenbereich der Lehrpersonen und Heilpädagogen mit der Einführung der transdisziplinären Förderteams und die Form der Mitarbeiterförderung.

Seine innovativen Ideen sind auch jetzt noch gefragt. Paul Longoni schult aktuell 150 Führungskräfte einer Industriegruppe in einer neuen Form der Mitarbeiterentwicklung.

Doch nicht nur Longoni hat Veränderungen herbeigeführt. Während 22 Jahren hat sich das Schulwesen fortlaufend entwickelt. Ein Beispiel ist etwa die Abschaffung der Kleinklassen und die Einführung der integrativen Förderung an Regelschulen. Zudem haben sich auch die Ansichten der Eltern verändert, wie Longoni aus Erfahrung weiss:

«Früher konnten die Eltern die Sonderschule für ihr Kind eher als Chance wahrnehmen, heute sieht man in einer Zuweisung einen unzulässigen Eingriff des Staates gegen den man sich, notfalls mit juristischer Unterstützung, wehren muss.»

Eltern hätten heute viel mehr das Gefühl, sie müssten sich rechtfertigen, wenn ihr Kind in der normalen Schule mit all den Förderangeboten, die es da gebe, nicht zurechtkommt. Letztlich solle jedoch das Wohl des Kindes im Zentrum stehen. «Wenn das Kind in der Regelschule stets überfordert ist und sich darum auffällig verhält, dann kann die Sonderschule der richtige Ort sein.»

In der Tendenz erfolgt die Überweisung spät

In Emmenbrücke etwa, wo die Sonderschule Kinder ab der Basisstufe unter-richtet, könnten nach gut zwei Jahren zwei Drittel der Kinder zurück an die normale Schule. Dass Schüler in der Tendenz spät in die Sonderschule überwiesen würden, habe mit dem umfangreichen Massnahmenkatalog zu tun, der vorher abgeklärt werden muss. Die Sonderschule ist sozusagen die letzte und zugleich stärkste Massnahme. «Ich würde mir wünschen, dass man bezüglich Abklärung mehr aufs Individuum eingeht und allenfalls mal zwei Massnahmen überspringt.»

Dass trotz der integrativen Förderung an Regelschulen nach wie vor Sonderschulen existieren, mag erstaunen. Longoni: «Integration von allen Kindern und Jugendlichen in die Regelschule ist eine Illusion.» Es gebe Kinder, die seien nicht tragbar in einer Regelklasse, weil sie sich so auffällig verhalten. Es diene weder den Lehrpersonen noch den Klassenkameraden und schon gar nicht dem Kind, wenn man sie in der regulären Schule unterrichtet.

Nächster Plan: Mit dem Motorschiff in die Ostsee

Am glücklichsten war Longoni, der mit seiner Frau in Malters wohnt, wenn er die Nachricht über eine erfolgreiche Integration in die Regelschule oder in die Berufslehre bekommen hat. «Das ist ein sehr schönes Gefühl.» Longoni hat das Schiff «Schul- und Wohnzentrum Malters» auf Kurs gebracht. Das Steuer hat er an Lukas Baeschlin übergeben, der seit mehreren Jahren für diese Schule arbeitet. Künftig nimmt Longoni das Steuer seines Motorschiffes in die Hand, welches nun in einem holländischen Hafen steht. Im Juni verlassen er, seine Frau und seine Tochter für ein paar Wochen den Hafen. Die Reise geht in die Ostsee – schliesslich sind Schiffe dafür gebaut.

Weniger Schüler am Internat

An den Sonderschulen Mariazell in Sursee und im Schul- und Wohnzentrum Malters können Kinder auch ins Wocheninternat. Da die Zahl der Schüler, die von diesem Angebot Gebrauch machen, rückläufig ist, wird das Internat ab dem Schuljahr 2020/21 nur noch im Mariazell in Sursee geführt. Donald Locher, Präsident der Kommission für soziale Einrichtungen, sagt: «Das ist ein Trend, der sich in den letzten Jahren abgezeichnet hat.» Dem Rückgang liegen verschiedenen Faktoren zu Grunde. Locher nennt den gesellschaftlichen Wandel und die Ausbau ambulanter Angebote. Diesem wolle man Rechnung tragen, indem man das Internat nur noch an einem Standort – und zwar im Mariazell in Sursee – anbiete. «Da Sursee aus kantonaler Sicht zentraler liegt, haben wir uns für diesen Standort entschieden.» Die Konzentration auf einen Standort sei keine Folge kantonaler Sparmassnahmen, betont Donald Locher.

Nur 34 von 52 Plätzen sind besetzt

Insgesamt zählen die beiden Sonderschulen aktuell 52 Internatsplätze für Primar- sowie Sekundarschüler. Am Standort in Sursee sind es 28 und in Malters 24. Im laufenden Schuljahr besuchen allerdings nur noch 34 Schülerinnen und Schüler das Wocheninternat. «Wir registrieren insbesondere einen Rückgang von Internatsschülern auf der Primarstufe», sagt Locher. Im Schuljahr 2020/21 werden lediglich drei Schüler vom Standort Malters nach Sursee umziehen. Gleichwohl wird das externe Angebot in Malters ausgebaut. «Stellen müssen darum vorläufig keine gestrichen werden, weil das externe Angebot erweitert wird», sagt Locher auf Anfrage. Er geht davon aus, dass der Zuwachs für das sogenannte Externat – also Schülerinnen und Schüler, welche die Tagesschule besuchen und Zuhause übernachten – sich im Umfang des Abbaus bewegen wird. Die Rede ist demnach von etwa 24 Schülern mehr.

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