Er ist der jüngste Postauto-Chauffeur der Schweiz – unterwegs auf einer der schönsten Postautolinien Luzerns

Die Arbeit am Steuer eines Postautos ist Flavio Beelers Traumjob. Dass er darum oft früh aus dem Träumen gerissen wird, nimmt er in Kauf.

Roger Rüegger
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Flavio Beeler kann seinen Traumberuf ausüben.

Flavio Beeler kann seinen Traumberuf ausüben.

Bilder: Dominik Wunderli, Luzern, 15. Januar 2020

Frühschicht ist um 6 Uhr. Flavio Beeler überprüft sein Dienstfahrzeug, einen MAN Lion’s City A36. Er kontrolliert Radmuttern, Reifenprofile, checkt Licht und Blinker. Alles okay – ab geht die Post. An diesem Morgen wird er zuerst vom Bahnhof Luzern nach Udligenswil eingesetzt. Der 21-Jährige fährt seit drei Monaten bei der Bucheli Busbetriebe AG Kriens. Für den jüngsten Postauto-Chauffeur der Schweiz wurde am 1. November 2019 ein Traum Wirklichkeit. Wenn früher Mitschüler im Aufsatz Polizist, Pilot oder Lokführer schrieben, wusste Flavio Beeler, dass er Busfahrer wird. «Seit ich denken kann, ist das mein Wunsch. Mit meiner Grossmutter unternahm ich viel Ausflüge mit dem Bus. Auch alleine fuhr ich oft», sagt er.

Dass er dank des Traumjobs öfters aus den Träumen gerissen wird, macht Flavio Beeler nichts aus. Tagwache bei Frühschicht ist um 4.30 Uhr. Von seinem Wohnort Ebikon fährt er meist mit dem 1er-Bus der Verkehrsbetriebe Luzern ins Depot in Kriens. «Ich bin immer eine halbe Stunde früher am Arbeitsplatz. Es gehört zum Dienst, die Busse zu kontrollieren. Viele Fahrer kommen früher, um zusammen Kaffee zu trinken und stressfrei zu starten.»

Keine Touristen auf der Linie 73 – wenn die wüssten

Nach den frühen Fahrten geht’s um 8.07 Uhr vom Bahnhof Luzern nach Rotkreuz. Fahrzeit: 35 Minuten. Eine Handvoll Gäste an Bord. Keiner redet. Eine junge Frau hört mit drahtlosen In-Ear-Kopfhörern Musik. Dazu geniesst sie das Panorama zwischen Adligenswil und Udligenswil. Die Sonne steht tief über dem Pilatus. Der Blick schweift zur Rigi und hinunter zum See. Die Bilder erwärmen das Herz. Touristen hat’s keine auf der Linie. Wenn die wüssten.

Beeler hat seine Sonnenbrille aufgesetzt. In den Kreiseln holt er mit dem 15 Meter langen Bus weit aus. Die schmale Kantonstrasse Richtung Meierskappel hat es in sich. Nicht selten bleibt ein Rückspiegel auf der Strecke liegen, wenn sich zwei Fahrzeuge kreuzen, deren Fahrer nicht abschätzen konnten, wie breit ihre Autos sind. Beelers Spiegel sind intakt.

Er erzählt gerne von seinem Job: «Man kann argumentieren, wir Chauffeure mit dem Postauto würden immer dieselben Strecken fahren. Stimmt, aber langweilig ist es trotzdem nicht. Die Tour von Luzern nach Rotkreuz ist lang und die Aussicht umwerfend. Die Zeit fliegt nur so dahin. Das war im Bürojob ganz anders», weiss der gelernte Kaufmann.

Sein Chef Robert Bucheli (63) sieht es genauso. Der Inhaber der Bucheli Busbetriebe ist 1979 mit 21 nach der Lehre als Lastwagenmechaniker in die Firma eingetreten, die sein Vater Robert Senior 1957 gründete. «Jeder Tag bringt Abwechslung. Viele fahren zur Arbeit. Wer weiss, ob diese Berufsleute mit demselben Stolz erfüllt sind, wie wir Chauffeure. Mechaniker an der Drehbank oder Elektriker am Tableau haben nicht mehr Abwechslung als wir.» Bucheli fährt praktisch jeden Tag auch selber. Seine Lieblingslinie ist die 71 ins Eigental: Am Morgen sei die anspruchsvoll, weil es oft stockdunkel sei.

Viele Gegenstände bleiben im Postauto liegen

Zurück zur Linie 73. Am Bahnhof Rotkreuz verlassen die Fahrgäste das Postauto, ohne Worte. Dort wo die junge Frau sass, findet Beeler eine Ladebox für drahtlose Kopfhörer. «Die Leute lassen oft Gegenstände liegen. Letzthin fand ich ein Portemonnaie mit einem Ausweis. Am selben Tag fragte eine Frau danach. Ich erkannte, dass sie die Besitzerin war», sagt er. Während der Pause spricht ihn ein Mann an. Dieser traf mit einem Zug verspätet aus Zürich ein. «Das Postauto war weg. Ich musste eine Stunde auf Anschluss warten», erklärte er. Beeler versichert ihm, dass die Chauffeure wenn möglich warten, nach fünf Minuten jedoch weiterfahren müssten, damit der Busfahrplan eingehalten werde. Er rät dem Fahrgast, sich beim Kundendienst zu melden.

Auf der Rückfahrt parkt eine Frau einen Kinderwagen in der Mitte des Busses und setzt sich mit einem kleinen Mädchen auf den Sitz hinter Beeler. Dieser beobachtet sie im Rückspiegel. «Kinderwagen müssen mit der Bremse gesichert werden. Sie dürfen nicht wegrollen», so der Chauffeur. Nach vier Stationen bittet die Frau um Geduld: «Ich brauche Zeit beim Aussteigen, weil ich es nicht gewohnt bin, mit Grosskind und Kinderwagen Bus zu fahren.» Beeler hat die Situation längst erkannt. Er nickt und wartet, bis die Frau mit Wagen und Kind auf sicherem Terrain ist, eher er losfährt.

Beeler kennt die Fahrgäste. In Adligenswil rennen Schüler zur Busstation. «Die steigen nicht ein. Sie rennen, wenn sie einen Bus sehen. Vor dem Einsteigen merken sie, dass der 73er nicht ihrer ist.» Bingo. Beeler erklärt: «Wer einem Bus nachrennt, ist meist kein Stammgast, sondern einer, der zufällig in der Nähe der Haltestelle ist. Wer regelmässig fährt, kennt den Fahrplan und wartet pünktlich, oder nimmt den nächsten Bus.» In der Stadt sei es nicht tragisch, einen Bus zu verpassen, weil nach wenigen Minuten der nächste fahre. Nicht alle Leute begreifen jedoch, dass Busse nicht warten können: «Alle Welt erwartet von uns Pünktlichkeit. Warten geht deshalb nicht.»

Auch Beelers Götti André Bühlmann fährt Postauto: «Für mich gibt es keinen besseren Job. Der Betrieb ist übersichtlich und ausgestattet mit einer top Fahrzeugflotte. Und die Einsatzpläne sind abwechslungsreich.» Weil Robert Bucheli weiss, wie die Herzen der Fahrer schlagen, gestaltet er die Pläne entsprechend. Jeder Chauffeur fährt jede Schicht. Flavio Beeler schätzt dies. Wie auch den kollegialen Umgang im Familienbetrieb. Die Autos werden von den Söhnen von Robert und Monika Bucheli gewartet. Es sei grossartig, wie sich alle helfen und gegenseitig unterstützen.

Ceneri-Basistunnel bringt neue Jobs

3700 Fahrer arbeiten schweizweit bei Postauto, neun Prozent davon sind Frauen. Das Durchschnittsalter beträgt 50 Jahre. Dass sich junge Leute für den Beruf interessieren, sei erfreulich, sagt Postauto-Mediensprecherin Katharina Merkle.

Grund: Postauto stellt auf die Eröffnung des Ceneri-Basistunnels 150 Fahrer ein. «Der ÖV wird auf den Fahrplanwechsel am 13. Dezember ausgebaut. Busbetriebe im Tessin suchen 250 neue Fahrer», so Merkle. Es seien bereits mehrere hundert Bewerbungen eingegangen.