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Er kommt, wenn kein anderer will

Familienstreit, Vereinsamung, Suizid: Pirmin Süess räumt bei Todesfällen Wohnungen, mit denen kein Angehöriger mehr etwas zu tun haben will. Eine Arbeit, bei der Süess nie weiss, was ihn erwartet.
Kilian Küttel
Eine Hausräumung im Auftrag des Stadtluzerner Teilungsamts: Zügelunternehmer Pirmin Süess belädt den Warenlift. | Bild: Corinne Glanzmann (19. April 2018)

Eine Hausräumung im Auftrag des Stadtluzerner Teilungsamts: Zügelunternehmer Pirmin Süess belädt den Warenlift. | Bild: Corinne Glanzmann (19. April 2018)

Ein Gartenrestaurant mitten in der Stadt Luzern, ein warmer Frühlingstag im April. Fast alle Tische sind belegt, die Gäste trinken, lachen und plaudern. Die Stimmung ist so gelassen und gut, wie sie an einem Tag wie diesem nur sein kann.

Wenige Meter entfernt sollte getrauert werden: In einem Mehrfamilienhaus auf der anderen Strassenseite hielt vor Kurzem der Tod Einzug. Nur ist von Trauer und Ergriffenheit nichts zu spüren. Die Angehörigen der verstorbenen Person haben das Erbe ausgeschlagen, wollen mit dem Vermächtnis nichts zu tun haben. Verlassen ist sie nun, die Dreizimmerwohnung in einem der oberen Stockwerke.

Auf der Strasse vor dem Haus kommt ein sonderbares Fahrzeug mit einem Lift auf dem Anhänger um die Kurve angefahren, gefolgt von einem orangen Lieferwagen mit zwei Anhängern. Beide parkieren vor dem Gebäude. Die Tür öffnet sich, drei Männer steigen aus. Einer davon ist Pirmin Süess, 43 Jahre alt, mittelgross, schwarz-graue Haare, strahlend blaue Augen. Süess ist mit seinem Team gekommen, um die verlassene Wohnung zu räumen. Er wird gerufen, wenn eine Arbeit ansteht, die niemand machen will.

Für Hausverwaltungen und verschiedene Ämter führt der Luzerner Zügelunternehmer solche Räumungsaktionen durch. «Sali, ich bi de Pirmin», sagt er mit breitem Grinsen, eilt dann zu seinem Mitarbeiter und hilft ihm, den Lift aufzustellen. «Wir sind immer im Schuss. Hier geht etwas», sagt Süess. Wahrlich, kaum kommt Süess mit seiner Mannschaft angefahren, ist es vorbei mit der gemütlichen Stimmung.

Brauchbare Sachen werden weitergegeben

In der Wohnung sieht es aus wie bei einem normalen Umzug. Nur bedeutet ein Umzug in der Regel den Beginn eines neuen Lebensabschnitts an einem anderen Wohnort. Hier aber zeugen die Zügelgeräusche vom Ende.

Es ist ein widersprüchliches Bild: Auf der einen Seite sind die Gegenstände und Habseligkeiten, die von einem bewegten, bodenständigen und bescheidenen Leben zeugen. Auf der anderen Seite die Männer, welche die Sachen schnell und speditiv ausräumen, sortieren und verpacken als ob jemand mit einer Stoppuhr in der Hand daneben stünde.

Pirmin Süess bewegt sich wie ein Gummiball, der in einen viel zu kleinen Raum geworfen wurde. Er eilt von Zimmer zu Zimmer, von Schrank zu Schrank, inspiziert Gabeln, Messer, Kleider und Küchengeräte. Was sich nicht mehr verwerten lässt, wird entsorgt. «Brauchbare Sachen sammeln wir. Diese werden dann für wohltätige Zwecke gespendet», erklärt Süess. Er hat ein altes Teeservice in der Hand.

Wie ist es für ihn, der schon seinem Vater bei Räumungen geholfen hat, regelmässig vom Tod umgeben zu sein? Süess überlegt eine Weile, sagt dann: «Ich bin in einem Umzugsunternehmen aufgewachsen, da mache ich mir nicht mehr zu viele Gedanken. Aber klar fragt man sich manchmal, wer hier gewohnt und wie die Person wohl gelebt hat.»

Am meisten schätze er die Abwechslung an seinem Beruf. «Wir wissen nie, was uns erwartet.» Die Wohnung, die er heute ausräumt, sei ein einfacher, ein guter Auftrag. Es ist aufgeräumt, nicht verwahrlost. In der Tat hätte hier jedermanns Grosi leben können. An den Wänden hängen Familienfotos. Auf den Kommoden und der Wohnwand sind sorgfältig Figuren von Engeln und Elefanten aufgereiht.

Seit 20 Jahren übernimmt Pirmin Süess Wohnungsräumungen auf Auftragsbasis, etwa einmal alle zwei Wochen. Zu tun hat er genug, besonders jetzt, wenn die Jahreszeit wechselt. «Ältere Menschen haben meiner Meinung nach mehr Mühe damit, deshalb kommt es in dieser Zeit gefühlt zu mehr Todesfällen.» Noch mehr als im Frühling spüre er das im Herbst, wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden. Und wenn die Dunkelheit aufs Gemüt schlägt.

Pirmin Süess ist ein Mann mit viel Berufserfahrung, er hat in den letzten Jahren manches gesehen. «Man bekommt auch Dinge mit, die man nicht sehen möchte.» Wohnungen, die seit Jahren nicht mehr geputzt worden sind; in denen sich der Abfall so hoch türmt, dass man kaum mehr durchkommt.

«Besonders schwierig ist es nach einem Suizid.» Häufig ist Süess einer der Ersten, die dann eine Wohnung betreten. «So etwas geht einem schon nahe. Aber Räumungen sind unser Job, die Bilder darf man nicht zu sehr an sich ranlassen.» Deshalb erzähle er seinen Mitarbeitern auch nicht, was sich in einer Wohnung zugetragen hat, wenn sie zum Auftrag anrücken. Hier zeigt sie sich wieder – die eigenartige Verbindung zwischen traurigen Schicksalen und einer Routine, die trocken und glanzlos ist wie die Kartonboxen, in die Süess die Hab und Gut der Verstorbenen packt, um es zu entsorgen. Todesfall ist Todesfall, Arbeit ist Arbeit.

Das Geld liegt nie im Tresor

Bei ihren Einsätzen machen Süess und sein Team immer wieder kuriose Entdeckungen. Einmal habe er eine antike Geige gefunden, die wertvoll gewesen sei. Häufig stossen die Zügelmänner auf Bargeld oder Wertgegenstände, die sie Auftraggebern und Ämtern übergeben.

Und wo liegen die spannendsten Dinge? «Meist im Schlafzimmer, die Leute bewahren ihre Waffen gerne im Nachtisch auf.» Geld suche man vergebens im Tresor, viel eher sei es im Kleiderschrank versteckt: «Ich habe auch schon Schränke gesehen, in die eine zweite Rückwand für ein Versteck eingebaut war.»

In dieser Wohnung machen Süess und seine beiden Mitarbeiter keine bemerkenswerte Entdeckung. Die Arbeit ist schweisstreibend und anstrengend, Zeit für Pausen bleibt keine. Die Uhr tickt. Deshalb packen die Zügelmänner Fuhre um Fuhre auf den Umzugslift, befördern das Hab und Gut der verstorbenen Person zuerst auf die Strasse, danach in den Lieferwagen. Nebenan sitzen die Gäste im Garten des Restaurants, trinken, schwatzen und lachen. Von Trauer keine Spur.

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