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Ein Ebikoner Unternehmen zeigt Herz – und erhält nun den IV-Award

Mit knapp 19 Jahren erleidet Marco Bollina ein Schädel-Hirn-Trauma. Dass er heute einer geregelten Arbeit nachgehen kann, verdankt er seinem Ehrgeiz – und einem verständnisvollen Arbeitgeber. Dieser wird deshalb am Mittwochabend ausgezeichnet.
Martina Odermatt
Marco Bollina (57) ist für das Archiv der Schmid-Gruppe in Ebikon verantwortlich. (Bild: Boris Bürgisser (Ebikon, 18. Januar 2019))

Marco Bollina (57) ist für das Archiv der Schmid-Gruppe in Ebikon verantwortlich. (Bild: Boris Bürgisser (Ebikon, 18. Januar 2019))

Das Archiv ist sein Reich. Geduldig ordnet Marco Bollina die Akten und Objekte. Das Ordnungssystem dazu hat der 57-jährige selbst erarbeitet. Er legt die Schachteln auf einen Wagen, schiebt diesen zu seinem Arbeitsplatz, um die Dokumente zu archivieren. «Das Archiv habe ich aufgebaut», sagt er, und etwas Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Denn Bollina hat ein paar Defizite.

Mit 18 Jahren wird er von einem betrunkenen Autofahrer angefahren. Bollina wird schwer verletzt, landet im Spital auf der Intensivstation. Drei Wochen lang liegt er dort im Koma: Schädel-Hirn-Trauma. Als er wieder aufwacht, ist seine Welt eine komplett andere. Seine Erinnerungen sind weggeblasen. Eltern, Kollegen und Freundin erkennt er nicht mehr. An seine Kindheit hat er keinerlei Erinnerung. Was an jenem verhängnisvollen Abend passiert ist, kann er nur durch Erzählungen anderer schildern.

Seit dem Unfall hat Bollina auf seinem rechten Auge noch 50 Prozent seiner Sehkraft, sein Kurzzeitgedächtnis ist inexistent, wie er selber sagt. «Nach dem Unfall überkam mich manchmal ein Gefühl der Hilflosigkeit», sagt Bollina. «Ich habe mich oft in der Stadt verlaufen, weil ich nicht mehr wusste, wo ich war.» Auch den Namen der Redaktorin schreibt er sich auf und klebt ihn auf die Innenseite der Handyhülle. Während des Gesprächs schaut er sich die Notiz mit dem Namen immer wieder an.

Erfolgreicher Lehrabschluss

Doch Bollina lässt sich trotz der schwerwiegenden Folgen nicht unterkriegen. Er beginnt die Lehre zum Hochbau-Zeichner nochmals von vorne. Eigentlich wäre er in jenem Jahr fertig geworden. «Das Lernen fiel mir schwer. Ich musste Sachen drei-, vier-, fünfmal lesen, bis ich sie verstanden hatte und sie in mein Langzeitgedächtnis übergelaufen sind.» Die Mühe zahlt sich aus: Bollina schliesst die Lehre 1985 erfolgreich ab. Danach arbeitet er zwei Jahre in Kriens bei einem Architekten. Später folgen vier Monate Sprachaufenthalt in England.

Wieder in der Schweiz, findet er zwar eine Arbeit, sein Vorgesetzter jedoch hat kein Verständnis für seine Einschränkungen: Er verlässt das Unternehmen wieder. Bollina findet so schnell keine Anstellung mehr. Durch ein Programm der IV versucht er sich als Konditor – wenig erfolgreich. Nach zwei Jahren dann ein Lichtblick: Bollina findet Arbeit in einem Architekturbüro in Zug. 18 Jahre bleibt er dort. Der Arbeitgeber ist nett, hat Verständnis für Bollinas Defizite und ihm gefällt die Arbeit. Es geht aufwärts. Auch hier ist er für das Archiv verantwortlich. Als die Firma nach Zürich zieht, geht er mit. Vorerst. Denn wie sich herausstellt, ist der Arbeitsweg für ihn zu lang, er muss die Stelle aufgeben. Kommt erschwerend hinzu, dass Bollina 1999 während seiner Zeit in Zug an Multipler Sklerose erkrankt ist. Seine Frau steht ihm zur Seite.

Durch einen Freund, der bei der Schmid-Gruppe in Ebikon arbeitet, schöpft Bollina erneut Hoffnung. Dieser sagt ihm, er solle sich bei seinem Arbeitgeber bewerben. Bollina verfasst ein Schreiben, schickt es an die Schmid-Gruppe. Was dann folgt, ist eine Erfolgsgeschichte. «So ein Bewerbungsgespräch habe ich noch nie erlebt», erzählt Daniel Bucher, der dieses damals geführt hatte. Er ergänzt:

«Ich war total fasziniert von Marco Bollina, von seiner Lebensfreude, seiner Ausstrahlung.»

Das Bau- und Immobilienunternehmen hat eigentlich keine Stelle ausgeschrieben. Doch: «Wir wollten schon lange jemanden, der sich um das Archiv kümmert und administrative Arbeiten übernimmt», sagt Markus Schmid, CEO der Schmid-Gruppe. Bollinas Einschränkung sei dabei kaum Thema gewesen. «Ich habe keine Berührungsängste mit Menschen mit einer Beeinträchtigung.» Die Chemie stimmt, der Bedarf eines Mitarbeiters ist da. Also wird die Stelle für Bollina geschaffen. Er ist der erste Arbeitnehmer der Schmid-Gruppe mit IV-Rente. Mittlerweile sind noch mehr Mitarbeiter mit Einschränkungen angestellt worden. «Bollina ist aufgestellt, sympathisch und integriert. Dass er Schwächen hat, spielt keine Rolle», sagt Schmid. Die Anstellung Bollinas sei auch ein positives Zeichen für die anderen Mitarbeiter. Es zeigt, dass alle Leute hier einen Platz haben. Auch jene mit einer Einschränkung hätten das Bedürfnis, einer Arbeit nachzugehen. «Die Anstellung wird von allen mitgetragen, das funktioniert einwandfrei», so Schmid. Und das nun schon seit zehn Jahren, so lange beschäftigt das Unternehmen Bollina bereits. Der Finanzchef und kaufmännische Leiter, Daniel Bucher, fügt an: «Marco tut uns soo gut!» Bollina schmunzelt: «Das sagt meine Frau auch.»

Glück ist nur die halbe Miete

Bollina ist der Firma dankbar für die Chance, die er erhalten hat. Man ist versucht zu sagen, dass er Glück hatte. Glück mit dem damaligen Kollegen, der vermittelt hat, Glück mit der Firma und der Stelle. Doch das alleine lässt der 57-jährige Vater von zwei Töchtern nicht gelten. «Sicher hatte ich Glück. Aber ich bin auch gut, in dem was ich mache.» Dem pflichtet auch sein Arbeitgeber bei.

Das Gespräch ist zu Ende. Ein kräftiger Händedruck zum Abschied. «Auf Wiedersehen, Frau Odermatt», sagt Bollina, ohne auf seinen Notizzettel zu schauen.

Hinweis: Für ihr Engagement wird neben der Schmid-Gruppe am Mittwoch Abend auch die Migros mit dem IV-Award ausgezeichnet.

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