Er schlug seinem Nebenbuhler ins Gesicht – darf er die stationäre Therapie verlassen?

Ein 43-jähriger Gewalttäter fühlt sich ungerecht behandelt. Doch der Staatsanwalt will keine vorschnellen Lockerungen der Massnahmen.

Sandra Monika Ziegler
Drucken
Teilen

Das schwerste Delikt des heute 43-jährigen Schweizers war eine einfache Körperverletzung: Er schlug mit der Faust ins Gesicht eines Nebenbuhlers. Dafür wurde er im November 2015 verurteilt. Wegen Schuldunfähigkeit ordnete das Gericht damals eine ambulante Massnahme an. Diese wurde aber im November 2017 wegen Aussichtslosigkeit aufgehoben und in eine stationäre Massnahme umgewandelt. Diese wäre nun Ende März 2020 ausgelaufen.

Der Vollzugs- und Bewährungsdienst gelangte aber schon vorher an das Bezirksgericht Willisau, um die Massnahme um zwei weitere Jahre zu verlängern. Das Gericht bewilligte eine Verlängerung um 18 Monate bis September 2021. Damit werde «die Verhinderung weiterer Straftaten zum Schutz der Allgemeinheit bezweckt», wie das Gericht begründete. Doch damit war der Mann nicht einverstanden, weshalb er am Donnerstag vor Kantonsgericht erschien.

Der 43-Jährige wurde in Handschellen, begleitet von zwei Polizisten und seinem Verteidiger in den Saal geführt. Er erzählte ruhig, wie sich die diversen Straftaten aus seiner Sicht ereignet haben. So habe er den Halt im Leben bereits in frühen Jahren wegen Missbrauchs durch einen zehn Jahre älteren Mann verloren. Seine grosse Liebe habe sein Kind abgetrieben und ihn auch verlassen. Er habe noch jahrelang die Hoffnung gehabt, dass sie wieder zu ihm komme. Doch dem war nicht so. Er verkaufte daraufhin sein Geschäft und reiste nach Australien und Indonesien.

Er glaubte, er sei Gott

Im Frühjahr 2002 kam er wieder in die Schweiz. Da sei er bei einer Hochzeit ausgerastet, er habe geglaubt, er sei Gott und müsse alle bekehren. Es kam die Zeit, in der er zwischen Bett und Bar pendelte. Ein zweiter Versuch, sich in Thailand zu etablieren, misslang auch weil die Medikamente für die Schizophrenie fehlten, es «ging in die Hosen», wie er sagte, deshalb sei er wieder in die Schweiz zurückgekehrt.

Die Ausfälligkeiten und Straftaten bis zum erwähnten Faustschlag 2015 habe er jeweils unter Drogen und Alkohol begangen. Er sei zu dieser Zeit einfach wütend gewesen, wurde von Bekannten als Spinner abgetan. Und immer wieder habe er sich gefragt, was gewesen wäre, wenn ihm seine grosse Liebe nicht ausgespannt worden wäre. Das habe ihn traurig und immer wütender gemacht und zu noch stärkerem Alkohol- und Drogenkonsum getrieben.

«Ich bin zwei Tage ausgerastet und sitze jetzt seit drei Jahren, das steht doch in keinem Verhältnis»

so der Mann vor dem Luzerner Kantonsgericht. Heute habe er keinen Suchtdruck mehr, deshalb wolle er das Leben draussen mit einer ambulanten Massnahme. Ein ambulantes Setting hatte der Mann bereits in den Jahren 2014–2017. Das habe sich bewährt, führte der Verteidiger ins Feld. Eine Verlängerung der stationären Massnahme sei unverhältnismässig. Die Staatsanwaltschaft nennt zwar ebenfalls als Ziel, dass der Mann eines Tages von der Kesb betreut werden kann. Doch: «Es braucht auch Zeit, um das Leben draussen zu organisieren.» Das müsse schrittweise geschehen, um den Mann nicht zu überfordern. Deshalb brauche es vorerst eine Fortführung der stationären Massnahme. Der Entscheid des Kantonsgerichts wird den Parteien zu einem späteren Zeitpunkt zugestellt.

Mehr zum Thema