ERLEBNIS: In Luzern gibt es viele Höhlen, aber kaum Touristen

Das jüngste Ereignis hat das Hölloch bei Muotathal wieder prominent in die Schlagzeilen gebracht. Höhlen gibt es auch im Kanton Luzern, doch meist sehen nur Forscher diese von innen.
Raphael Zemp
Exkursionsleiter Pius Schnider schaufelt den Zugang zu einer Höhle unterhalb der Schrattenfluh frei. (Bild: Nadia Schärli (4. Februar 2018))

Exkursionsleiter Pius Schnider schaufelt den Zugang zu einer Höhle unterhalb der Schrattenfluh frei. (Bild: Nadia Schärli (4. Februar 2018))

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Das Hölloch im Muotathal ist ein über 200 Kilometer langes Höhlensystem und somit das grösste seiner Art in der Schweiz. Sogar eines der grössten weltweit. Vor rund zwei Wochen war es zudem Schauplatz eines weitum beachteten Vorfalls: Ein unerwarteter Wassereinbruch hatte acht Männer im Hölloch eingeschlossen. Befreien konnten sich diese erst nach fast fünf Tagen.

Ausgedehnte Höhlensysteme gibt es auch im Kanton Luzern, besonders im südlichsten Kantonszipfel, im Gebiet Schrattenfluh. Das hat einen einfachen Grund: Die Luzerner Höhlen liegen wie auch das Hölloch im Karstgebiet. Hier hat sich während Hunderttausenden von Jahren sauerstoffhaltiges Wasser ins Kalkgestein eingefressen, hat ihm Hallen abgerungen, wo ganze Häuser Platz finden würden. Gegen 300 Höhlen haben Forscher hier vermessen, die zusammen eine Länge von über 40 Kilometer erreichen. Zusammen sind sie somit rund ein Fünftel so lang wie das Hölloch.

Auswärtige entdeckten die grösste Höhle

Die grösste unter ihnen ist die Neuenburgerhöhle, mit etwas über 14 Kilometern immerhin die zehntlängste Höhle der Schweiz. Diesen Namen verliehen haben ihr die ersten Höhlenforscher, die aus dem Kanton Neuenburg kamen. Ab 1959 begannen diese, die Höhle systematisch zu vermessen. Aber auch fast 60 Jahre später hält die grösste Höhle des Kantons noch Überraschungen bereit. Davon überzeugt ist der Zürcher Höhlenforscher Beat Heeb, der zusammen mit einer Handvoll weiterer Forscher aus der Deutschschweiz seit nunmehr 20 Jahren regelmässig ins Höhlensystem steigt – und dabei schon etliche Kilometer Neuland betreten hat. Alleine in den letzten sieben Jahren ist die Neuenburgerhöhle so um über zwei Kilometer «gewachsen». Aber auch die acht bis zehn Höhlenforscher aus dem Welschland, welche die übrigen Höhlen der Schrattenfluh erkunden, machen laufend neue Entdeckungen.

So faszinierend diese auch sein mögen – Touristen werden diese kaum je mit eigenen Augen betrachten können. Denn so ähnlich Schrattenfluh-Höhlen und Hölloch sind, aus touristischer Sicht hat letzteres einige Vorzüge. Der Einstieg ins Hölloch liegt unten im Tal, ist gut erreichbar. Auch deshalb hat die touristische Erschliessung schon früh eingesetzt (siehe Kasten). Etliche Höhlengänge sind zudem problemlos begehbar.

Anders sieht die Situation an der Schrattenfluh aus. Die Einstiege in die Höhlen sind oftmals am Berg, im steilen Gelände – und müssen erst einmal erwandert werden. Um über den Haupteingang in die Neuenburgerhöhle zu gelangen, muss man auf über 1700 Metern über Meer hochmarschieren. Dabei muss praktisch immer die Kletterausrüstung mitgetragen werden, denn ohne sie kommt man im Untergrund der Schrattenfluh nicht weit. Als «anspruchsvolle, technische Höhlenexpedition» pries denn auch die Outdoor-Firma Trekking Team ihre Tour in die Neuenburgerhöhle an, die sich explizit an «Teilnehmer mit Höhlenerfahrung und Kletterkenntnissen» richtete. Wohl auch wegen dieser Anforderungen wurde die Tour kaum gebucht und deshalb bereits vor über zehn Jahren wieder aus dem Angebot gestrichen. Ähnlich wie dies ein weiterer Anbieter von Outdoor-Erlebnissen machte. «Die Bedürfnisse haben sich geändert – und auch die Anforderungen an die Sicherheit», kommentiert Anton Draganits, Geschäftsführer von Trekking Team, diesen Schritt. «Zudem konnten wir so unsere Kräfte weiter konzentrieren.»

Touren ins Hölloch werden rund ums Jahr angeboten

Höhlentouren führt Draganits’ Firma inzwischen fast ausschliesslich im Hölloch durch, für die das «Trekking Team» Mitte der 90er-Jahre die Nutzungsrechte gekauft hat. Denn zu den bereits genannten Vorteilen gesellt sich noch ein weiterer: Während im Bauch der Schrattenfluh nur im Sommer rumgekraxelt wird – die Einstiege sind oft in Lawinenhängen –, kann die Unterwelt Hölloch das ganze Jahr über erkundet werden. Mehrtagestouren sind sogar ausschliesslich im Winter möglich: Sie führen an Stellen vorbei, die im Sommer aufgrund des höheren Wasserstandes nicht passierbar sind. Auch im Winter kann bei extremen Wetterereignissen das Wasser unerwartet schnell ansteigen – und Höhlentouristen einschliessen, wie jüngst passiert.

Auf geführten Touren besuchen so jährlich rund 8000 Personen das grösste Höhlensystem der Schweiz. Und trotzdem ist das Hölloch eher eine kleine Nummer, zumindest touristisch gesehen: Alleine die Höllgrotten in Baar bestaunen jedes Jahr rund 50000 Besucher. Das sind mehr als das Sechsfache – obschon die Grotten von Anfang November bis Ende März fast ein halbes Jahr geschlossen sind. Von Massentourismus im Hölloch könne deshalb keine Rede sein, findet Draganits, Geschäftsführer des Höllenloch-Touren-Anbieters Trekking Team. Zudem seien die Besucherzahlen die letzten Jahre über stabil geblieben und würden wohl auch künftig kaum stark ansteigen. «Trotzdem würde ich mich über tausend Besucher mehr pro Jahr nicht beklagen.» Immerhin sei sein Unternehmen gewinnorientiert.

Eine Entlebucher Höhle wird immer beliebter

Es gibt also triftige Gründe, warum das Hölloch touristisch besser erschlossen ist als die Schrattenfluh-Höhlen. Und tatsächlich verirrt sich kaum ein Tourist in den Felsgängen unter der Schrattenfluh. Eine Ausnahme bildet lediglich die Höhle unterhalb der Alp Silwängen, in die Pius Schnider aus Flühli schon seit 18 Jahren Touristen führt. Bescheidene 130 Meter lang ist sie. Und trotzdem zieht sie pro Saison gegen tausend Besucher an. Tendenz steigend. Mehrheitlich aus der Schweiz, wie Schnider erklärt. Weil aber Schweiz Tourismus die Höhle mit einem Spot im Ausland bewirbt, dürften sich bald auch Koreaner, Chinesen und Russen über einen Schacht neben dem Alp-Stall acht Meter untertags steigen. Die Höhle ist derzeit – den Winter über – bis anfangs Mai abgeschlossen.

Die übrigen Schrattenfluh-Höhlen werden zumindest für Forscher ihren Reiz so schnell nicht verlieren. Auch weil noch eine grosse Sensationsentdeckung lockt: eine unterirdische Verbindung von der Schrattenfluh zum zweitgrössten Höhlensystem Siebenhengste-Hohgant (rund 157 Kilometer vermessene Gänge). Denn kurioserweise entwässert das Karstgebiet Schrattenfluh nicht in die Waldemme, sondern in den Thunersee, der Luftliniendistanz 20 Kilometer entfernt ist.

Die Silwängen-Höhle von Innen. (Archivbild: Nadia Schärli (23. Juli 2008))

Die Silwängen-Höhle von Innen. (Archivbild: Nadia Schärli (23. Juli 2008))

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