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«Es braucht einen herrschaftsfreien Raum»: Das plant der Verein Räzel im alten Stellwerk in Luzern

Keine Hierarchie, kein Kommerz: Der Verein Räzel gibt erstmals Einblick in seine Pläne für die Zwischennutzung des ehemaligen Stellwerks am Freigleis – und erklärt, weshalb das Angebot der Stadt keinen Tag zu früh kommt.
Raphael Zemp
In dieses alte Stellwerk-Gebäude am Freigleis kehrt ab Anfang 2019 Leben ein. Die Stadt Luzern gibt es zur Zwischennutzung für den Verein Räzel frei. (Bild: Corinne Glanzmann, 15. Oktober 2018)

In dieses alte Stellwerk-Gebäude am Freigleis kehrt ab Anfang 2019 Leben ein. Die Stadt Luzern gibt es zur Zwischennutzung für den Verein Räzel frei. (Bild: Corinne Glanzmann, 15. Oktober 2018)

Der Verein Räzel darf das ehemalige Stellwerk der Zentralbahn an der Horwerstrasse 14 vorerst für ein Jahr zwischennutzen. Das hat die Stadt Luzern entschieden (Artikel vom 15. Oktober) – und damit das Versprechen gegenüber der Aktivistengruppe Pulpa eingelöst. Diese hatte im vergangenen April während 30 Tagen die Remise Auf Musegg 1 besetzt. Abgezogen sind die Besetzer erst nach der Zusicherung der Stadt, neue Räumlichkeiten für ein Begegnungszentrum zu suchen.

Bei bürgerlichen Politikern sorgte der Entscheid der Stadt allerdings für Ärger. Während die Zwischennutzung grundsätzlich zwar als «sehr sinnvoll» erachtet wird, stösst man sich von Mitte bis Rechts an den Umständen, wie sie zustande kam. Die Stadt sei der Gruppe Pulpa willfährig und sende ein verheerendes Signal: Wer illegal Häuser besetzt, kann seinen Willen am Ende durchsetzen. Zudem seien die Hausbesetzer bevorzugt behandelt worden, monieren Kritiker weiter. Tatsächlich gibt es für Zwischennutzungen in der Stadt Luzern eine Warteliste, da die Nachfrage viel grösser ist als das Angebot. Um eine weitere Eskalation zu verhindern, wurde für die Hausbesetzer besonders rasch eine Lösung gesucht.

Der Nachname bleibt geheim

Nun meldet sich erstmals der Verein Räzel selber zu Wort. Die Kontaktaufnahme durch unsere Zeitung gestaltete sich anfänglich sehr schwierig (siehe Kasten unten). Inzwischen ist eine Vertreterin bereit, Auskunft zu geben. Sie heisst Caroline, will ihren Nachnamen aber nicht in der Zeitung lesen. Nicht um sich in der Anonymität zu verstecken, sondern vielmehr, um dem Grundgedanke einer hierarchiefreien, autonomen Organisation Rechnung zu tragen, wie sie sagt: «Es geht um die Sache, nicht um die Person.»

Caroline, wer seid ihr?

Wir sind Leute von der Autonomen Schule Luzern, aus der Kulturszene, Geflüchtete und Studierende. Wir sind Jung und Alt, mit Job oder arbeitslos, mit und ohne Aufenthaltsbewilligung, viel und wenig «gebildet». Was uns eint: Die kritische Reflexion über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, das Interesse am Austausch jenseits des starren Konsumangebots sowie das Ziel eines selbstverwalteten Raums in Luzern. Was wir nicht sind: Eine fix definierte Gruppe. Es dürfen alle mitgestalten, die unsere Grundüberzeugung teilen.

«Wir glauben, es braucht einen offenen, herrschaftsfreien Raum ohne hierarchische Strukturen.»

Wie viel von «Pulpa» steckt in dieser Zwischennutzung?

Pulpa ist weder mit der Autonomen Schule Luzern gleichzusetzen, noch mit «Räzel». Pulpa war vielmehr die Bezeichnung eines Projektes, das es somit nicht mehr gibt. Übernommen hat Räzel allerdings die Ideen, die der Pulpa-Besetzung zu Grunde lagen. Auch wir glauben, es braucht einen offenen, herrschaftsfreien Raum ohne hierarchische Strukturen, wo das geltende kapitalistische Prinzip von «Angebot und Nachfrage» hinterfragt, eine Bildung jenseits der Institutionen vermittelt und Austausch auf Augenhöhe praktiziert wird.

Etliche Gruppen warten ebenfalls auf Räume zur Zwischennutzung, ihr aber habt die Warteliste der Stadt umgangen. Das ist ungerecht.

Das sehen wir anders. Auch wir warten schon lange. Die Autonome Schule Luzern etwa fordert schon seit Ihrer Gründung im Jahr 2014 Raum für ein Begegnungszentrum. Zudem verstehen wir uns nicht als Konkurrenz zu anderen Projekten, Personen oder Gruppen. Im besten Fall kann das zwischengenutzte Stellwerk auch den Bedürfnissen anderer gerecht werden. Überdies zielt die Frage am Punkt vorbei.

Warum?

Viel entscheidender ist: Warum gibt es in Luzern nicht mehr Raum für nicht-wirtschaftliches Arbeiten? Die verschiedenen Häuserbesetzungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass hierfür das Bedürfnis besteht. Wir sehen es als sehr positive Entwicklung, dass die Stadt dies mit ihrem Entscheid, das Stellwerk von uns zwischennutzen zu lassen, erkannt hat.

«Wichtige Entscheidungen werden in regelmässig abgehaltenen Vollversammlungen des Kollektivs getroffen.»

Das Stellwerk wollt ihr ohne Hierarchien, basisdemokratisch zwischennutzen. Wie soll das konkret gehen?

Die Organisation des Raumes übernehmen Freiwillige. Ihre Arbeit wird nicht entlöhnt. Wichtige Entscheidungen werden in regelmässig abgehaltenen Vollversammlungen des Kollektivs getroffen. Zudem gibt es Arbeitsgruppen, die sich um bestimmte Veranstaltungen kümmern. Instandhaltung und Pflege der Räume sowie der Umgebung wird durch das Kollektiv getragen.

Trotzdem: Ihr seid als ordentlicher Verein organisiert, mit entsprechender Struktur – um nicht zu sagen Hierarchie.

Das stimmt. Das war eine zentrale Forderung der Stadt. Für uns aber war es ein Kompromiss, den wir eingegangen sind, um unser Ziel eines offenen, hierarchiefreien Begegnungszentrums zu realisieren. Der Verein strukturiert dabei einzig die Kommunikation gegen aussen. Stadt und Medien können sich so an einzelne Personen wenden, die als Sprachrohre funktionieren. Auf die Organisationsstruktur des Raumes hingegen hat der Verein keinen Einfluss.

Das Stellwerk soll ein Begegnungsraum werden. Was heisst das? Wie genau wollt ihr diesen Raum nutzen?

Der Raum wird regelmässig als Schul- und Sitzungszimmer genutzt. Die Autonome Schule Luzern wird beispielsweise gratis Deutschkurse sowie andere Sprachkurse und Workshops organisieren. Hier soll Wissensaustausch gelebt werden – auf gleicher Augenhöhe, gratis, antirassistisch und mit niederschwelligem Zugang. Möglich sind einmalige Vorträge, Filmvorführungen, Diskussionsabende ebenso wie regelmässige Treffen zu unterschiedlichsten Themen. Jemand kocht gerne und möchte sein Wissen mit anderen teilen? Gerne, dann entsteht ein Kochkurs – sofern das Kollektiv dieser Idee zustimmt. Vieles ist noch nicht fix und wird sich erst noch im Austausch ergeben.

«Wer an einem Austausch auf Augenhöhe interessiert ist, der ist herzlich willkommen.»

Bietet der Raum auch Platz für Kritiker?

Ein kritischer Blick ist stets willkommen. Auch weil wir uns bewusst sind, dass es kein Rezept für Selbstorganisation gibt. Allerdings soll dieser Raum keine Plattform für diskriminierende Inhalte sein. Wer an einem Austausch auf Augenhöhe interessiert ist, der ist herzlich willkommen, wenn es dann voraussichtlich ab Anfang Jahr losgeht.

Aber ohne Silvesterparty…

Genau. Denn es gelten die Nutzungsvereinbarungen: Der Raum darf nicht kommerziell oder als Wohnraum genutzt werden und um 22 Uhr ist Nachtruhe. Räzel hat nicht das Ziel, Partys zu veranstalten. Vielmehr soll ein Raum für Austausch und Diskussion entstehen.

So kam dieses Interview zustande

«Räzel» ist kein x-beliebiger Verein. Das bestätigt dieses Interview (siehe Haupttext), aber auch seine Entstehungsgeschichte. «Räzel» hat zwar prompt auf unsere Kontaktversuche reagiert, dabei aber zwei unübliche Bedingungen gestellt: Die kontaktierte Person solle bloss mit Vornamen in der Zeitung erscheinen und zudem werde das Kollektiv abschliessend über das Geschriebene befinden. Der Austausch fand telefonisch und per Mail statt – und dauerte: Von der ersten Kontaktaufnahme bis zum druckreifen Interview sind rund zwei Wochen verstrichen. (zar)

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