Ruedi Lustenberger: «Es ist nicht mein Naturell, zu schweigen»

Ruedi Lustenberger (63) ist erster Vizepräsident des Nationalrats. In der nächsten Wintersession wird der Luzerner CVP-Nationalrat zum Nationalratspräsidenten gekürt. Schon jetzt muss sich der debattierfreudige Schreinermeister in Zurückhaltung üben.

Interview Kari Kälin
Drucken
Teilen
Ruedi Lustenberger, erster Vizepräsident des Nationalrates.

Ruedi Lustenberger, erster Vizepräsident des Nationalrates.

Ruedi Lustenberger, nehmen wir an, Nationalratspräsidentin Maya Graf (Grüne, Baselland) fällt aus, und Sie müssen die Sitzung der Grossen Kammer leiten. Sind Sie parat, oder bräuchten Sie zuerst eine Schnellbleiche?

Ruedi Lustenberger: Es braucht keinen Kurs. 1999 war ich bekanntlich bereits Präsident des Luzerner Kantonsrats. Zudem habe ich schon einige Praxiserfahrung in Bern gesammelt. Wir haben eine gute Arbeitsteilung. In der abgelaufenen Wintersession löste ich die Präsidentin bereits etwa zehn Mal ab.

Als Vizepräsident absolvieren Sie ein Lehrjahr. Ist Maya Graf eine gute Instruktorin?

Lustenberger: Ja, und eine freundliche dazu. Ich mache nicht nur ein, sondern zwei Lehrjahre. Bevor man Nationalratspräsident wird, ist man zunächst zweiter und dann erster Vizepräsident. Das Spezielle daran: Meine zwei kollegialen Lehrmeister, Hansjörg Walter (SVP, Thurgau) und Maya Graf, sind beide Bauern. Wir diskutieren im privaten Rahmen viel über Agrarpolitik. Ich stamme ja selber aus einer bäuerlichen Region.

Sie äussern gerne Ihre Meinung zum politischen Tagesgeschehen, sollten sich aber wegen Ihrer Funktion diskret verhalten. Fällt es nicht gerade Ihnen besonders schwer, aufs Maul zu sitzen?

Lustenberger: Manchmal schon. Der Nationalratspräsident organisiert, moderiert und leitet die Sitzungen. Er vertritt den ganzen Rat, also die Mitglieder aller Parteien. Es gilt deshalb das ungeschriebene Gesetz, dass man sich nicht in politische Auseinandersetzungen einmischt. In einem reduzierten Mass trifft dies auch schon auf den ersten und den zweiten Vizepräsidenten zu.

Wir haben nicht zwingend den Eindruck, dass sich Ruedi Lustenberger schon jetzt über Gebühr aus der politischen Tagesdebatte ausgeklinkt hätte. Im aktuellen «Sonntagsblick» geisseln Sie den Kauf von Online-Kommentaren gegen die Abzockerinitiative als «Verluderung» der Abstimmungspropaganda.

Lustenberger: Es entspricht nicht meinem Naturell, einfach zu schweigen. Bei staatspolitischen Fragen, die mir am Herzen liegen, äussere ich mich auch jetzt pointiert. Ansonsten bemühe ich mich um Zurückhaltung. Bis jetzt hat mich übrigens noch niemand kritisiert, ich hätte mich als Vizepräsident zu weit aus dem Fenster gelehnt.

Wie kommt das?

Lustenberger: Am Bundespräsidentsfest für Ueli Maurer in Hinwil habe ich mit einigen Politikern über dieses Thema diskutiert. Dabei hat mir die St. Galler SP-Nationalrätin Hildegard Fässler gesagt: «Du musst keinen Maulkorb anziehen. Wir wissen ja, wie du tickst.» Bereits als Vizepräsident des Luzerner Kantonsrats hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Der Rat diskutierte über eine staatspolitische Frage. Eine FDP-Kantonsrätin meinte, ich solle mich doch auch äussern. Ich verwies auf die Zurückhaltung, die mein Amt erfordert. Sie entgegnete: «Wir kennen dich ja.» Beide hatten also das Gefühl, ich sei eher zu vorsichtig.

Hat Sie CVP-Präsident Christophe Darbellay schon einmal zurückgepfiffen?

Lustenberger: Nein, und wenn dies der Fall wäre, würde ich es zur Kenntnis nehmen. Er hält mit seiner Meinung ja auch nicht hinter dem Berg. Vielleicht sind die Walliser und die Entlebucher in dieser Hinsicht politisch genverwandt. Die CVP-Rennleitung hat mich noch nie gemassregelt, auch wenn ich nicht immer eins zu eins die Haltung der Partei vertrete. Ich lasse mich in erster Linie von meinem Politverstand und meiner politischen Gesinnung leiten. Diese Freiheit habe ich mir bewahrt.

Als Nationalratspräsident werden Sie Auftritte in der Westschweiz wahrnehmen müssen. Üben Sie fleissig Französisch?

Lustenberger: Ich bin seit geraumer Zeit daran, meine Französischkenntnisse aufzubessern. Im letzten Sommer weilte ich während drei Wochen in einem Sprachkurs in Strassburg.

Könnten Sie einen Westschweizer Parlamentarier auf Französisch zur Raison bringen, falls er sich danebenbenimmt?

Lustenberger: Ja, das könnte ich.

Die Wahl zum Nationalratspräsidenten in der nächsten Wintersession ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Was bedeutet dies für Ihre Heimatgemeinde Romoos?

Lustenberger: Romoos ist eine Gemeinde mit 750 Einwohnern und mit ihren 37 Quadratkilometern flächenmässig gleich gross wie der Kanton Basel-Stadt mit rund 180 000 Einwohnern. Romoos braucht Basel-Stadt, und Basel-Stadt braucht Gemeinden wie Romoos. Romoos stellt Erholungsraum und gepflegte Landschaften zur Verfügung, Basel-Stadt seine Finanzkraft. Dieses gegenseitige Verstehen ist Teil des Erfolgsrezepts der Eidgenossenschaft.

Werden Sie auf der Strasse häufig auf Ihr bevorstehendes Nationalratspräsidium angesprochen?

Lustenberger: Ja, im ganzen Kanton Luzern, natürlich besonders häufig in meiner Heimatgemeinde Romoos und im Entlebuch.

Würden Sie als Nationalratspräsident gerne eine Bundesratswahl leiten?

Lustenberger: Ich hoffe, dass es während meines Präsidialjahres nicht zu einem unvorhergesehenen Rücktritt kommt. Falls dies passiert, wäre es sicher ein spezieller Moment und auch die leise Genugtuung, eine Bundesratswahl sauber und korrekt zu leiten.

Sie sind Schreinermeister. Fabrizieren Sie heute noch selber Tische, Stühle, Schränke?

Lustenberger: Nein. Es ist länger her, dass ich manuell gearbeitet habe und mit der Schlagbohrmaschine Latten an die Decke eines Betonbaus montiert habe.