«Es war unerträglich»: Holocaust-Überlebender spricht an der Kanti Seetal

Ivan Lefkovits hat den Nazi-Terror und zwei Konzentrationslager überlebt. Am Mittwoch hat er an der Kantonsschule Seetal gesprochen – mit einer klaren Botschaft.

Niels Jost
Hören
Drucken
Teilen
Hat den Holocaust überlebt: Ivan Lefkovits (83).

Hat den Holocaust überlebt: Ivan Lefkovits (83). 

Bild: Jakob Ineichen (Baldegg, 12. Februar 2020)

«Ich erinnere mich an fast alles, was damals geschehen ist. Klar gab es Generationen, die noch mehr hätten erzählen können, aber nur wenige konnten Zeugnis ablegen. Entweder weil sie sich schämten oder weil sich niemand für den Holocaust interessierte.»

Der Saal in der Kanti Seetal in Baldegg ist voll, und doch ist es mucksmäuschenstill. 350 Schüler, Lehrer und geladene Gäste folgen den Worten von Ivan Lefkovits, 83-jährig, geboren in Presov in der damaligen Tschechoslowakei und seit bald 50 Jahren in Basel wohnhaft. Lefkovits ist einer von wenigen noch lebenden Menschen in der Schweiz, die den Holocaust überlebt haben – und darüber sprechen.

Über sie hat die Gamaraal Foundation die internationale Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» gemacht. Bis am Freitag, 14. Februar ist sie noch an der Kanti zu sehen. Auch das Porträt von Ivan Lefkovits. Im Herbst 1944 wurde er als Siebenjähriger mit seiner Mutter und seinem 15 Jahre alten Bruder ins KZ Ravensbrück bei Berlin deportiert.

Schicksal seines Bruders erst nach 50 Jahren erfahren

«Wir wurden mit etwa 1000 Menschen ‹einwagoniert› und fuhren ins Unbekannte. Die Reise dauerte ein paar Tage – wie lange genau, das weiss ich nicht. Denn man fiel in Apathie. Man wusste auf Dauer nicht mehr, wie um einen geschieht. Es war unerträglich.»

Lefkovits konnte bei seiner Mutter bleiben, von seinem älteren Bruder wurde er getrennt.

«Als Kind habe ich nicht alles begriffen. Nur, dass mein Bruder Paul ins Männerlager musste. Seither habe ich ihn nie wieder gesehen. Erst Jahrzehnte später, 1995, habe ich dank eines Historikers erfahren, was ihm widerfahren war: Er starb eines qualvollen Todes in der Gaskammer.»

Ivan Lefkovits am Podium der Kanti Seetal. Im Bild auf der Leinwand ist Lefkovits (mit Brille) 1995 mit einem englischen Soldaten (ganz rechts) zu sehen, der das KZ Belsen-Bergen befreit hat.

Ivan Lefkovits am Podium der Kanti Seetal. Im Bild auf der Leinwand ist Lefkovits (mit Brille) 1995 mit einem englischen Soldaten (ganz rechts) zu sehen, der das KZ Belsen-Bergen befreit hat.

Bild: Jakob Ineichen (Baldegg, 12. Februar 2020)

Lefkovits spricht im Namen der sechs Millionen Getöteten

Geschichten wie diese zeigten, wie wichtig ein solcher Gedenkanlass sei, sagte Anita Winter, Präsidentin der Gamaraal Foundation, am Mittwoch an der Kanti Seetal. «Gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus und Rassismus wieder aufflammen, ist es unsere Pflicht, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten.»

Winter betonte zudem, dass alle porträtierten Schweizer Holocaust-Überlebenden im Namen der rund sechs Millionen Juden sprechen, die von den Nazis während des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden. Welch Leid dies bedeutete, konnte nicht mal Ivan Lefkovits fassbar machen, als er von seiner Verlagerung ins KZ Bergen-Belsen bei Hannover im Jahr 1945 erzählte:

«Die Bedingungen in Ravensbrück waren ja schon sehr schlecht, aber das war nicht vergleichbar mit Bergen-Belsen. Dort gab es keine Appelle, weil die Menschen zu schwach waren, um zu stehen. Die Leichenberge mussten nach der Befreiung gar mit einem Bulldozer weggeräumt werden, um Seuchen zu verhindern. Es gibt viele Erinnerungen, die wirken so unwahrscheinlich, dass man es manchmal selber kaum glauben kann.»

Juden in der Schweiz noch stets ausgegrenzt

Wieso die Juden überhaupt verfolgt wurden, zeigte Simon Erlanger auf. Der Lehr- und Forschungsbeauftragte für Judaistik und Theologie an der Universität Luzern betonte, dass die Juden schon seit je her Teil der Schweizer Bevölkerung sind – und dennoch wurden sie auch hierzulande unterdrückt und noch stets ausgegrenzt. Aus diesem Grund appellierte Anita Winter: «Es ist die Verantwortung unserer Generation, den Ruf des ‹Nie wieder!› weiter zu tragen.»

Nie wieder – das wünsche sich auch Ivan Lefkovits. 1945 wurden er und seine Mutter befreit. Das Erlebte hat den promovierten Immunologen, Vater eines Sohnes und zweifachen Grossvater geprägt. Der 83-Jährige sagte zum Schluss: «Die Deutschen haben den Holocaust verursacht. Doch Hass verspüre ich nicht. Vielmehr versuche ich, nicht zwischen den Ethnien zu unterscheiden und nach dem zu suchen, was uns als Menschen eint.»

Hinweis: Infos und Kontakt für die Wanderausstellung «The Last Swiss Holocaust Survirors» der Gamaraal Foundation mit Sitz in Zürich mit Referaten von Holocaust-Überlebenden unter www.last-swiss-holocaust-survivors.ch oder www.gamaraal.org.

Mehr zum Thema