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ESCHOLZMATT: «Image des Entlebuchs störte mich sehr»

Das gibt es heute kaum noch: 28 Jahre lang war Gody Studer Gemeindepräsident. Die Zeit veränderte seine Gemeinde stark – aber auch ihn selbst.
Ismail Osman
Gody Studer in seinem ehemaligen Büro im Gemeindehaus Escholzmatt. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Gody Studer in seinem ehemaligen Büro im Gemeindehaus Escholzmatt. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Das Schild über dem Eingang der Gemeindekanzlei in Escholzmatt verkündet bereits die Zukunft: «Escholzmatt-Marbach» steht dort in grossen Lettern geschrieben. Offiziell werden die Fusions-Gemeinden erst ab morgen eins werden. Gleichzeitig endet auch die Ära Gody Studer: Nach 28 Jahren als Gemeindepräsident von Escholzmatt tritt der 62-Jährige ab. Egal, wie man zum umtriebigen Studer steht, aus der jüngeren Geschichte des Entlebuchs ist er nicht wegzudenken.

Lange bevor er zu einem Urgestein der kommunalen Politik wurde, war er ein etwas hitzköpfiger 20-Jähriger, der sich gegen den Standort und Baustil des Gemeindehauses auflehnte – also just jenes Gebäude, aus dem er danach selbst über 30 Jahre lang politisieren würde.

Mit 29 Jahren im Gemeinderat

Es ist Anfang der 70er-Jahre, als die Pläne für eine neue Gemeindekanzlei an zentraler Stelle im Dorf aufkommen. Eine Gruppe Junger lehnt sich dagegen auf – will das Gemeindehaus in einem Altbau neben dem Gasthaus Krone integrieren und den Platz eines alten Schulhauses, das vor dem Abbruch steht, frei halten. Mit dabei ist der 20-jährige Gody Studer. «Es war das erste Mal, dass ich mich politisch betätigte», erinnert sich Studer. Das neue Gemeindehaus wurde dann trotzdem am Standort des alten Schulhauses gebaut.

Der Appetit für Politik wurde aber eindeutig geweckt. Und es geht schnell voran: 1979 wird er für die CVP in den Gemeinderat gewählt. 1984 ist er – mit gerade mal 34 Jahren – bereits Gemeindepräsident. Man kann es nicht anders sagen: Es waren andere Zeiten, als Studer die Arbeit im Gemeinderat aufnimmt: «Damals wusste man jeweils nicht, was für Traktanden anstanden», erklärt Studer mit einem Lächeln. «Man sass einfach im Sitzungszimmer, der Gemeindepräsident öffnete Briefe, verlas sie und meinte: ‹Hierzu müssen wir auch noch etwas sagen.› Man sass also da und wartete auf das, was da noch kommen möge – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.»

Dass Studer überhaupt zum Gemeindepräsidenten gewählt wird, ist zunächst eine kleine Sensation – bis dahin stellte stets die FDP den obersten Posten der Gemeinde. Dass er es knapp 30 Jahre später immer noch ist, sieht er damals nicht voraus. Doch wie erklärt er sich diesen Umstand? «Mitentscheidend war sicherlich der Schritt in die Kantonspolitik», sagt Studer rückblickend. Von 1991 bis 2003 nimmt er Einsitz im Grossrat (heute Kantonsrat). «Es zeigte sich, dass es einer Gemeinde viel bringt, mit einem Gemeinderat im Luzerner Parlament vertreten zu sein.» Zudem hätten die jeweiligen Wiederwahlresultate ihm signalisiert, dass er weiterhin auf dem richtigen Weg sei.

Neben seiner politischen Tätigkeit bleibt Studer seinem gelernten Beruf bis im Jahre 2001 treu: Er bleibt Lehrer und unterrichtet an verschiedenen Schulen im Tal. Zu Gunsten der politischen Karriere reduziert er sein Lehrerpensum aber zusehends.

Biosphäre brachte Imagewandel

1999 verpasst Studer den Sprung in den Nationalrat nur knapp. Eine Niederlage, die damals schmerzte, ihn heute aber scheinbar nicht mehr gross beschäftigt. Viel eher beschäftigte ihn das Image des Entlebuchs. «Dass man das Entlebuch als ‹Armenhaus der Schweiz› betitelte, störte mich schon immer sehr, und ich empfand es als äusserst ungerecht.» Diesbezüglich gelang der Befreiungsschlag mit der Anerkennung des Entlebuchs durch die Unesco als besonders schützenswerte Biosphäre im Jahr 2001. Dieses Label hat sich mittlerweile etabliert, und die Region Entlebuch hat sich zunehmend zum gut besuchten Naherholungsgebiet gemausert. «Dieser Imagewandel ist noch nicht abgeschlossen, aber ich glaube, dass wir auf dem richtigen Weg sind.» Ein Beweis dafür aus jüngerer Vergangenheit sei etwa das Gastspiel der beliebten Fernsehsendung «SF bi de Lüt», welche im Juli 2010 in Escholzmatt drehte.

Gewandelt hat sich aber nicht nur die Region, sondern auch Gody Studer selbst: «Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als ich es zu persönlich nahm, wenn jemand nicht der gleichen Meinung war wie ich», sagt Studer. «Später habe ich eine gewisse Distanz oder Gelassenheit gegenüber anderen Meinungen entwickelt.»

Die Schattenseiten der Macht

Sei es alleine deshalb, weil er schon so lange im Amt ist – oder weil er die Öffentlichkeit nicht grundsätzlich scheut: Hinter vorgehaltener Hand wurde Gody Studer auch schon als «Dorfkönig» tituliert. Dagegen wehrt er sich jedoch vehement. «Das wäre eine total falsche Einschätzung. Vielleicht gabs das früher, aber seit ich in der Politik bin, ist so etwas wie ein Dorfkönig gar nicht mehr möglich – man kann kein Projekt alleine durchzwängen», argumentiert Studer. «Es ging mir auch nie darum, mir selbst mit irgendwelchen Projekten ein Denkmal zu setzen.»

Was aber durchaus zutrifft, ist, dass die langjährige Tätigkeit als Gemeindepräsident auch Schattenseiten hat. Die Interessen der Gemeinde zu jeder Zeit über alles setzen zu müssen, das hat seinen Preis: Freundschaften können in die Brüche gehen, wenn man Nein zu Anliegen von Freunden oder Bekannten sagen muss: «Das gab es», sagt Studer nachdenklich. «Es liegt in der Natur der Sache, dass man als Exponent der Gemeinde manches vertreten musste, welches gegen persönliche Sympathien ging – ich wurde deshalb auch schon als Kirchenturmpolitiker abgestempelt.»

Im März 2004 erlebt Studer die dunkelsten Tage seiner Amtszeit: Damals erschiesst ein 43-Jähriger Landwirt seine Ehefrau, den Bruder und die Schwägerin. Der damalige Sozialvorsteher der Gemeinde wird ebenfalls angeschossen und erliegt später seinen Verletzungen. Nach der Tat richtet sich der Landwirt selbst. Darüber sprechen mag Studer heute nicht mehr. Das Familiendrama von damals bleibt aber der einzig wirkliche Tiefschlag in seinen 28 Präsidentschaftsjahren.

Bereit, den Chefsessel abzugeben?

Nach all den bewegten Jahren ist es heute Abend also so weit: Der Fusionsapéro wird zum letzten offiziellen Termin des Gemeindepräsidenten Gody Studer. Die Fusion der beiden Gemeinden gehörte zu den Zielen, für die sich Studer über viele Jahre hinweg einsetzte. Ist er nun aber wirklich bereit, den Chefsessel zu räumen? Just in dem Moment, als dieser Traum Realität wird? «Absolut. Der Gody Studer wird nicht mehr aktiv ins politische Geschehen eingreifen.» Der frühzeitige Entschluss, die Demission bekannt zu geben, habe ihn befreit, sich voll und ganz in die Umsetzung zu hängen: «So konnte auch niemand behaupten, dass ich in dieser Sache einen persönlichen Hintergedanken habe. Und überhaupt: Dass ich zu früh abtrete, wird mir nach all diesen Jahren wohl niemand ernsthaft vorwerfen, oder?»

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