ETTISWIL: Er schätzt das Ländliche, Unkomplizierte

Franz Wüest wird am Dienstag zum höchsten Luzerner gewählt. Für den Unternehmer hat Politik nur wenig mit Effizienz zu tun.

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Der designierte Kantonsratspräsident Franz Wüest (60) beim «Platz des Dialogs», wo die Wigger und die Rot an der Gemeindegrenze von Ettiswil und Schötz zusammenfliessen. (Bild Nadia Schärli)

Der designierte Kantonsratspräsident Franz Wüest (60) beim «Platz des Dialogs», wo die Wigger und die Rot an der Gemeindegrenze von Ettiswil und Schötz zusammenfliessen. (Bild Nadia Schärli)

Vormittags in Ettiswil, Restaurant Schwert. Franz Wüest (60), der am Dienstag zum Kantonsratspräsident gewählt werden soll, hat den Ort als Treffpunkt vorgeschlagen. Viel ist nicht los in der Beiz, vier Gäste kehren ein im Verlauf einer Stunde. Doch jedes Mal ertönt ein «Hoi Franz» oder ein «Grüezi Herr Wüest». «Ich schätze das, dieses Ländliche, Unkomplizierte», sagt Wüest. «Hier bin ich einfach der Franz Wüest.» Er fühlt sich offensichtlich wohl in der Gemeinde. Hier ist er aufgewachsen, hier amtete er von 1987 bis 1998 als Gemeindepräsident, hier lebt er mit seiner Frau Bernadette.

«Will ich das?»

Im Luzerner Regierungsgebäude wird der CVP-Politiker, der seit 1999 im Kantonsrat sitzt, nun bald der höchste Luzerner sein. «Das ist schon eine Krönung der Karriere. Auch wenn man dieses Amt weder bestellen noch anstreben kann. Es muss sich einfach ergeben.» Trotzdem musste der Unternehmer kurz innehalten, als ihm vor gut einem Jahr die Nomination für das Amt des Vizekantonsratspräsidenten – der ‹Vorstufe› zum Präsidium – angeboten wurde. «Ich musste mich fragen: ‹Will ich das?›», erinnert er sich. «Denn dannzumal habe ich mir durchaus auch überlegt, zu den Wahlen im März 2015 nicht mehr anzutreten.»

Er wollte. Und für sein Präsidialjahr hat er sich natürlich auch ein paar Dinge vorgenommen. Kein Motto («das ist eher was für die Regierungsratspräsidenten»), aber doch einige gute Vorsätze. Natürlich wolle er ein guter Leiter der Kantonsratssitzungen sein. Er sieht das Amt aber auch als Verpflichtung: «Durch den Kantonsratspräsidenten bekommt die Politik bei der Bevölkerung ein Gesicht. Das hilft dabei, den Leuten zu zeigen, dass die Politik ein Teil unserer Gesellschaft ist und nicht irgendwo abseits steht. Wenn ich das so gut hinbekomme, wie beispielsweise meine Vorgängerin Irene Keller, ist schon viel erreicht.»

Politik braucht Zeit

Wüest ist überzeugt, dass Effizienz keine Kernaufgabe der Politik ist: «Es geht nicht darum, möglichst viele Traktanden schnellstmöglich abzuhandeln. Man soll Ideen so lange diskutieren und weiterverfolgen, bis man sicher ist, ob sie funktionieren oder nicht.» Dies mache die Qualität der Politik aus. «Auch für gute Ideen kann die Zeit noch nicht reif sein. Das zu akzeptieren, mag für einige frustrierend sein. Aber ich stelle fest, dass ich dieses Wesen der Politik sogar je länger je mehr schätze.»

Diskutieren, vermitteln, verhandeln – auch in den Statements der Parlamentskollegen kommen diese Stichworte öfters vor (siehe Kasten). «Vermutlich haben mich die zwölf Jahre als Gemeindepräsident von Ettiswil geprägt. In der Exekutive sucht man nach Lösungen», sagt Wüest dazu. «Ich bin aber wohl auch nicht der Typ, der sich den Stahlhelm aufsetzt und sich in ideologische Grabenkämpfe stürzt. Parteien und Politiker brauchen Ideen. Aber das Ziel muss doch immer die Lösung sein – das ist in meiner Tätigkeit als Unternehmer genauso.» Es ist wohl nicht nur Zufall, dass Franz Wüest für das Foto aus vielen schönen Plätzen in Ettiswil den «Platz des Dialogs» beim Zusammenfluss der Wigger und der Rot ausgesucht hat.

Wüest ist Mitinhaber und Geschäftsleitungsmitglied der Rekag AG in Nebikon, einem Zulieferer der Bauwirtschaft. 1999 hat er die Firma mit damals rund zehn Mitarbeitern zusammen mit dem ehemaligen FDP-Kantonsrat Ruedy Scheidegger (Dagmersellen) übernommen. Heute hat das Unternehmen weit über 100 Angestellte. Stolz über diese Entwicklung verspürt Franz Wüest nicht, erklärt er. «Wir wurden mit ungefähr Mitte 40 selbstständig und wollten einfach nur vorwärtsmachen», erinnert er sich. «Für Stolz hatte es da nie Platz, er war auch nicht unser Antrieb. Wir sind mit der Firma einfach organisch mitgewachsen.» Rückblickend verspüre er aber durchaus Genugtuung, weil es ihnen gelungen sei, im schweizerischen Stahlhandelsmarkt ein bedeutender Mitspieler zu werden.

Ebenso pragmatisch geht Wüest mit Niederlagen um. 2003 kandidierte er für den Nationalrat und belegte den zweiten Ersatzplatz. 2007 unterlag er mit seiner Ständeratskandidatur in der parteiinternen Ausmarchung. «Vor der ersten Niederlage weiss man nicht, wie man reagieren wird, ob man bodenlos enttäuscht ist, den Bettel hinwerfen will. Ich habe gemerkt, dass ich es verkraften kann. Wäre ich nach Bern gewählt worden, mein Leben wäre wohl anders verlaufen. Aber es ist gut so, wie es jetzt ist.»

Der ideale Start in den Tag

Gut tut ihm auch die Natur. Mit seiner Ehefrau Bernadette geht er gerne auf Spaziergänge, Wanderungen und Velotouren. Auch alleine spaziert Wüest. Jeden Morgen um 6 Uhr, für 20 Minuten. «Das ist der ideale Start in den Tag. Ich bin überzeugt, dass es mir hilft, nicht gestresst zu sein», sagt er. Angefangen damit hat er, als sich die Wüests einen Hund zugelegt haben. «Damals, 1986, sagten sie zu meiner Frau: ‹Pass auf, in drei Wochen musst du dann mit dem Hund raus. Den Hund gibt es schon lange nicht mehr. Aber der Spaziergang, der ist geblieben.»

Geschätztes Nest

Viel Wert legt er auch auf Familie und Freunde. «Wir haben das Glück, dass wir ein gut funktionierendes Umfeld haben, sich unsere Familien gut verstehen. Wir unternehmen viel gemeinsam. Dieses ‹Nest› schätze ich sehr.» Fast aufgegeben hat er hingegen die Musik. Wüest war bei der Feldmusik Ettiswil bis 1998 Posaunist und von 1985 bis 1991 auch deren Präsident. «Eine Zeit mit hoher Qualität», erinnert er sich. Man habe viel unternommen und gefeiert. Aber irgendwann habe die Zeit nicht mehr gereicht. Heute spielt er noch in einer Kleinformation, die ein paar wenige Auftritte pro Jahr hat. Seit seiner Wahl zum Vizepräsidenten des Kantonsrates sind aber auch diese – vorübergehend – ausgesetzt. Das hat wohl auch mit seiner Einstellung zu tun. Ein Perfektionist sei er zwar nicht, betont er. «Aber wenn ich etwas mache, soll es auch ‹e Schnörre mache›, wie wir hier sagen.»

Cyril Aregger

Das sagen Kantonsräte über Franz Wüest

Ludwig Peyer, CVP, Willisau: «Franz Wüest ist ein humorvoller, in seinem Wirken breit abgestützter Politiker und Finanzfachmann. Er ist nicht nur beim Wandern, sondern auch auf dem politischen Parkett trittsicher.»

Armin Hartmann, SVP, Schlierbach: «Er ist ein sehr verdienter Kantonsratspräsident, wirkt – auch dank seiner Erfahrung – sehr souverän. Sein Beispiel zeigt, dass man auch mit pointierten Meinungen staatsmännisch auftreten kann.»

Rolf Born, FDP, Emmen: «Franz Wüest ist ein Politiker mit hoher Glaubwürdigkeit. Man hört ihm gerne zu, wenn er spricht, er vertritt die Positionen, von denen er überzeugt ist, auch mit einer gewissen Lockerheit. Man merkt, dass er aus der Wirtschaft kommt, gefestigt ist und den politischen Betrieb mag.»

Giorgio Pardini, SP, Luzern: «Franz Wüest ist ein sehr angenehmer Politiker. Er versucht, die Themen sachbezogen – ohne ideologische Brille – anzugehen. Ich gehe davon aus, dass er ein sehr guter Kantonsratspräsident sein wird.»

Katharina Meile, Grüne, Luzern: Franz Wüest ist ein offener, ausgleichender Parlamentarier. Er hört zu, geht auf andere Meinungen ein und versucht diese mit seiner kommunikativen, humorvollen Art auch in die Entscheidungsfindung einzubinden. Auf sein Präsidialjahr bin ich gespannt.»

Michèle Graber, GLP, Udligenswil: «Franz Wüest wurde ja letztes Jahr bereits mit einem überwältigenden Ergebnis zum Vizepräsidenten des Kantonsrats gewählt. Das sagt ja schon fast alles. Ich bin überzeugt, dass er den Kantonsrat mit seiner humorvollen und bedachten Art würdig vertreten wird.»

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