ETTISWIL: Morbid und feurig

Das Fasnachtsvirus breitete sich am Sonntag traditionell auf dem Land aus. Auch Ettiswil liess sich anstecken – an einem riesigen Umzug mit viel Lärm, Rauch und einer gehörigen Portion Satire.

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Der Umzug in Ettiswil. (Bild: Nadia Schärli)

Der Umzug in Ettiswil. (Bild: Nadia Schärli)

Niels Jost

Ein Meer aus Regenschirmen säumte den Strassenzug in Ettiswil. Dazwischen ragten Perücken, Hörner oder Tierohren empor. Quasi mit dem Urknall, der den Beginn des Fasnachtsumzugs einläutete, öffnete der Himmel seine Schleusen. Schnell waren aber die Pelerinen umgeworfen und die Schirme aufgeklappt. So gabs trotz des Regens regen Andrang: Rund 9500 Fasnachtsbegeisterte zählten die Organisatoren der Ettiswiler Mugge-Zunft. Alleine 1600 Personen nahmen am Umzug teil, darunter zwölf Guuggenmusigen und vier Zünfte. Im Dreijahresturnus findet der grosse Umzug in den Gemeinden Ettiswil, Ruswil und Grosswangen statt. Dies ist besonders für die Zünftler das Highlight der Fasnacht, wie etwa Zunftmeister Herbert «Hebu» Lütolf betonte (siehe unten).

Guggichacheler Ettiswil -
Mer gönd wöud
Hobby Chöch. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
41 Bilder
Postkreisel 
Bünten. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Schweizer Töfflibuebe in Östreich 
Töff Team MCM. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Schweizer Töfflibuebe in Östreich 
Töff Team MCM. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Handy-Empfang auch in Ebersecken. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Nr. 60: Abgasskandal bei VW
Brestegg City. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Uelis beste Armee der Welt. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
A Gabalier Volks Rock 'n -Roll
Volleyballclub VBC Ettiswil. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
A Gabalier Volks Rock 'n -Roll
Volleyballclub VBC Ettiswil. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Schelle Ursil -
Kindergarten Ettiswil. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Schelle Ursil -
Kindergarten Ettiswil. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Nr. 20: Wakeboard-Anlage Ettiswil. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Guggichacheler Ettiswil -
Mer gönd wöud
Hobby Chöch. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Nr. 20: Wakeboard-Anlage Ettiswil. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Nr. 60: Abgasskandal bei VW
Brestegg City. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Bild: PD
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Eine Mischung aus Affe und Kapitän. (Bild: PD)
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Guggichacheler Ettiswil - Mer gönd wöud Hobby Chöch. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Zunftmeister heizt als DJ ein

Höhepunkte für die Menge am Strassenrand gab es zahlreiche. Etwa die sogenannten Einkaufstouristen, die wie wild mit ihren prall gefüllten Einkaufswagen aus einem ausländischen Billigladen in die Menge stürmten. Natürlich durfte da das Verteilen der «dreifach gespritzten, aber kostengünstigen» Äpfel nicht fehlen. Eher trist sah der dahinter fahrende Dorfladen aus: Für die mit Spinnennetzen überwucherten Regale mit heimischen Produkten interessierte sich niemand.

Laut zu und her ging es hoch oben auf dem Wagen der «Albertswiler Streetparade», nicht zuletzt dank DJ Hebu, der neben seiner Funktion als Zunftmeister der Mugge-Zunft notabene auch mit seinem Hobby am Mischpult begeistern konnte. Bei der «Wakeboard-Anlage Ettiswil» flitzten mit einem riesigen Tempo drei Muskelprotze auf ihren Wakeboards die gut einen Meter hohe Rampe empor – das sorgte für viele «Ooh» oder «Uui!» aus der Menge. Ruhig, dafür mit einem umso grösseren Jöh-Effekt, gingen die Primarschüler aus Ettiswil durch die Menschenmenge – als Heidi oder Geissenpeter verkleidet.

Zombies bei der Post

Natürlich bekam auch die Lokalpolitik ihr Fett ab – und das gleich mehrfach. Originell umgesetzt wurde etwa das Seilziehen um die Handyantenne in Ebersecken. Kurzerhand konnte die Antenne auf dem Dach des Umzugswagens umgekippt und wieder aufgestellt werden. Ebenso für viele Lacher sorgten die Todesanzeige und der Sarg der Ettiswiler Post. Das Poststerben hatten die als Postsack-Zombies verkleideten Fasnächtler mit einer nachgebauten Postfiliale und dem Dorfladen Volg dargestellt, in dem die Poststelle demnächst integriert sein wird.

Auch die kantonale Politik wurde auf die Schippe genommen: «Hauptfach Sparen» nannte sich der Wagen, auf dem Schüler und Lehrer unter dem Sonnenschirm umhertanzten. Darüber ein weiterer Schriftzug mit der Aufschrift «Vier Millionen sparen mit Zwangsferien».

Fünf Meter hohe Feuerfontäne

Gut zwei Stunden dauerte der Umzug mit seinen 60 Nummern. Dabei lohnte es sich, bis zum Ende zu warten. Denn auch die letzten der insgesamt 22 Wagen brachten nochmals Feuer unter die Menge – und das wortwörtlich. Mit einer rund fünf Meter hohen Feuerfontäne machte die letzte Gruppe auf sich aufmerksam – und auf ihr Sujet, den VW-Abgasskandal. Dabei schaffte sie es, den ganzen Strassenabschnitt in dichten Rauch zu hüllen.

Wie halten Sies mit der Fasnacht?

Matthias Koller (Umzugsteilnehmer)

Bild: Nadia Schärli

Bild: Nadia Schärli

Wir hatten die Wakeboard-Anlage von Ettiswil bereits gebaut. Dafür arbeitete gut ein Dutzend Kollegen an fünf Abenden am Wagen. Das ging zügig vorwärts, weil wir in der Schreinerei Koller in Ebersecken Materialien und Arbeitsgeräte benutzen konnten. Glück im Unglück hatten wir, dass unser Wagen dabei nicht dem Brand von letzter Woche zum Opfer fiel. Umso schöner, dass wir uns für kurze Zeit vom Schicksalsschlag ablenken konnten. Am Umzug waren wir das erste Mal dabei.

Franz Wüest (Speaker und Kantonsratspräsident)

Bild: Nadia Schärli

Bild: Nadia Schärli

Ich bin schon seit eh und je in der MuggeZunft, das Fasnachtsgen hat mir mein Vater in die Wiege gelegt. Fasnacht bedeutet für mich Kultur! Sie bringt die Leute zusammen. Als Speaker unterhalte ich die Besucher schon seit Jahren mit vorgegebenen, aber auch selbst erdachten Sprüchen zu den Umzugsnummern. Die Leute erkennen mich auch in dieser Rolle als Fasnächtler und nicht als Kantonsrat.

Herbert Lütolf (Zunftmeister Mugge-Zunft, Ettiswil)

Bild: Nadia Schärli

Bild: Nadia Schärli

Zunftmeister zu sein ist eine grosse Ehre für mich, besonders weil der Umzug dieses Jahr in unserer Gemeinde stattfindet. Dieser ist das Pünktchen auf dem i. Vom Fasnachtsvirus infiziert wurde ich spätestens vor rund 15 Jahren, als ich der Zunft beigetreten bin. Gemeinsam eine solch wahnsinnige Zeit erleben – das macht für mich die fünfte Jahreszeit aus.