«Etwas ist damals schiefgelaufen»

War es eine Zigarette, die den Brand verursachte? Wurde die Feuerwehr zu spät alarmiert? An den Versionen der Behörden gibt es Zweifel.

Christian Hodel
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Am Tag danach wurde das ganze Ausmass des Brandes sichtbar. (KEYSTONE/Str)

Am Tag danach wurde das ganze Ausmass des Brandes sichtbar. (KEYSTONE/Str)

Das Tanklöschfahrzeug der Stadtpolizei saust durch die Luzerner Strassen. Vier Kilometer sind es bis zur Kapellbrücke, die in der Sommernacht auf den 18. August 1993 in Flammen steht. Um sieben Minuten vor eins trifft das Polizeilöschpikett beim Stadttheater ein; so steht es im Protokoll – unterzeichnet vom damaligen Gruppenchef. Er meldet der Zentrale, was er sieht: «Brand auf der Kapellbrücke auf einer Länge von 10 Metern», sagt er per Funk und versucht von der Bahnhofstrasse her den Brand mit vier Männern zu bekämpfen.

Von der Bahnhofseite her weht ein leichter Wind. Er treibt das Feuer rasend schnell vorwärts. Innert Minuten steht die Brücke auf gut 30 Metern in Vollbrand. Die Zentrale fordert Unterstützung an. Im Minutentakt fahren Feuerwehrmänner vor. Sie verteilen sich auf das linke und rechte Reussufer, rollen Schläuche aus, legen Rohre. Wasserwerfer werden hingefahren, während der Atemschutz versucht, Meter um Meter in die Brücke vorzudringen. Vom Dach knirschen und fallen die Balken.

Gefährliche Löscharbeiten

Der damalige Feuerwehrkommandant Peter Frey erinnert sich: «Nur mühsam konnten wir auf der Brücke vorrücken.» Den Männer brennt der Boden unter den Füssen weg. Sie tragen schwere Ausrüstung. Würde einer von ihnen in die Reuss fallen, er ginge unter. Boote stehen bereit, um die Männer zu retten – ein gut ausgerüstetes, reusstaugliches Löschboot gibt es keines. Bis heute nicht.

In dieser Nacht kämpfen 150 Männer gegen die Flammen. Nach drei Stunden haben sie den Brand gelöscht – zwei Drittel der gut 200 Meter langen Brücke sind zerstört. Die Brückenköpfe und der Wasserturm können gehalten werden. Aufatmen. «Wir haben das Bestmögliche getan», wird Frey den Medien sagen.

Zeugin widerspricht den Behörden

Aufatmen auch bei den Bewohnern der umliegenden Häuser. Susanna Bertschmann wohnt in der Altstadt, direkt gegenüber dem Wasserturm, mit Blick auf die gesamte Länge der Kapellbrücke. Als sie in der Brandnacht durch den Fensterflügel einen hellen Schein sieht, tritt sie auf den Balkon. Auf einem der unter der Kapellbrücke vertäuten Boote brennt ein Feuer. «Ich wählte die Notrufnummer 118 und gelangte zur Einsatzzentrale der Stadtpolizei, wo ich den Brand meldete», sagt sie heute.

Es ist die erste Brandmeldung in dieser Nacht. Laut den Mitarbeitern der Einsatzzentrale der Stadtpolizei – die bei einem Feuer zuerst alarmiert wird – wurde dieser erste Notruf um 00.50 Uhr abgegeben. Also genau zweieinhalb Minuten bevor das erste Tanklöschfahrzeug am Brandort eintrifft. Doch Bertschmann ist sicher, den Brand 20 bis 30 Minuten vor Eintreffen des ersten Löschfahrzeugs gemeldet zu haben. «Viele weitere Anrufe von mir und meiner Familie folgten. Ich durfte nach dem Brand die Tonaufzeichnungen meiner Notrufe auf der Stadtpolizei anhören und stellte dabei fest, dass die Aufzeichnungen meiner ersten Anrufe fehlten.»

Zum Zeitpunkt ihrer ersten Meldung habe lediglich ein überschaubares Feuer auf einem der Boote unter der Brücke gebrannt. Nach einiger Zeit sei das benachbarte Boot ebenfalls in Flammen geraten, später ein drittes, schliesslich ein viertes. «Nachdem die vier Boote in Vollbrand standen, vermochte die Brücke der Hitze irgendwann nicht mehr standzuhalten. Mit lautem Getose ging das Feuer auf deren Gebälk über.»

Unmittelbar nach der Brandnacht hat Bertschmann ihre Version den Medien berichtet. Diese wurde von Zeugen bestätigt, von ihrem damaligen Ehemann, ihrem Vater und ihrer Mutter. «Meine ersten Anrufe müssen verloren gegangen sein», sagt Bertschmann. Ob an den Tonbandaufnahmen herummanipuliert worden sei, wisse sie nicht. «Ich werfe niemandem bösen Willen vor. Aber etwas ist damals schiefgelaufen.»

«Vorwürfe sind nicht haltbar»

Stimmt Bertschmanns Version, hätte die Kapellbrücke mit grösster Wahrscheinlichkeit gerettet werden können. Doch Beweise fehlen. Und heute wollen die meisten der ehemaligen Mitarbeiter der Polizeikorps nicht mehr über den Brand reden. «Das Ereignis ist zu lange her», sagt etwa der damalige Kommandant der Kantonspolizei, Anton Widmer. Auskunft gibt dafür der damalige Feuerwehrkommandant Frey: «Die Feuerwehr hat sachgerecht gehandelt», sagt er. «Wir können nur reagieren, wenn ein Alarm kommt.» Und dieser sei beim Feuerwehrpikettoffizier nachweislich um 00.50.58 Uhr eingegangen (siehe unten).

Markus Tschabold, damals SP-Grossstadtrat und Präsident der Geschäftsprüfungskommission, wurde noch am Brandtag von Stadtpräsident Franz Kurzmeyer beauftragt, die Vorwürfe zu prüfen. Im November, nach 36 Stunden Arbeit, 23 Befragungen und 9 Stunden Tonbandabhören, kam er zum Schluss: «Die Vorwürfe gegen die Stadtpolizei und die Feuerwehr sind nicht haltbar.»

Auch 20 Jahre später sagt er: «Es spricht kein Faktum dafür, dass das Löschpikett der Polizei zu spät kam.» Zwar habe es zu diesem Zeitpunkt bei der Polizei Probleme gegeben. Bei einem Laufwerk, das die Anrufe aufgezeichnet habe, sei die elektronische Zeiterfassung defekt gewesen. «Die Anlage war aber nachweislich schon einige Tage vor dem Brand ausgestiegen», sagt Tschabold. Und auch eine Manipulation der Bänder hätten Experten ausschliessen können.

Die Zweifel blieben. Mitglieder des Parlaments warfen Tschabold mangelndes Fachwissen und Überforderung vor. Das Parlament ordnete eine zweite Untersuchung an. Alt Oberrichter Paul Kopp und ein Ingenieur der ETH nahmen sich der Sache an. Auch ihr Schluss: Der Vorwurf der Tonbänder-Manipulation durch die Stadtpolizei sei «mit grösster Wahrscheinlichkeit auszuschliessen». Die letzte Gewissheit fehlt aber bis heute; Gerüchte halten sich. So wird etwa behauptet, die Bänder seien auf Anordnung höchster Instanz entfernt worden. Unsinn sei dies, sagen ehemalige Politiker, Mitarbeiter der Polizei und der Feuerwehr. Was also stimmt wirklich?

War es doch Brandstiftung?

«Viel Widersprüchliches ist in den letzten zwanzig Jahren an die Oberfläche gekommen», sagt Ueli Habegger, damals städtischer Ressortleiter Kulturgut. «Das ist so lange her», sagt Franz Kurzmeyer. «Ich habe mit meinem Beruf abgeschlossen », sagt Verena Lais. Sie hat als Amtsstatthalterin die Brandursache untersucht. Als «am ehesten mögliche» wird ein Zigarettenstummel genannt, der eines der Boote in Brand gesetzt haben könnte. Auf diese Version haben sich die Behörden bereits wenige Tage nach dem Brand geeinigt – elf Monate bevor die Untersuchungen abgeschlossen wurden. Diese Version gilt bis heute.

Doch glauben tun sie längst nicht alle. «Die Brücke gerät nicht so leicht in Brand, ausser durch Brandbeschleuniger », sagt der damalige Feuerwehrkommandant Frey heute. Beweise für seine Vermutung hat er keine. Zwei Jahre vor dem Brand waren im Stadthaus anonyme Brandstiftungsdrohungen gegen die Kapellbrücke eingegangen. Ueli Habegger: «Ich habe die offizielle Version während Jahren vertreten. Heute hege ich grosse Zweifel daran.»

Chronologie des Brandes: Wann kam die erste Meldung?

  • 00.50.00 Uhr Eine Anwohnerin meldet: «Es brennt ein Schiff unter der Kapellbrücke, und die Kapellbrücke ist bereits entflammt.»
  • 00.50.30 Uhr Der Nachtportier des nahe gelegenen Hotel des Alpes meldet: «Unter der Kapellbrücke brennt ein Boot.»
  • 00.50.58 Uhr Die Stadtpolizei meldet dem Feuerwehrpikettoffizier: Ein Schiff unter der Kapellbrücke sowie die Kapellbrücke brennen.»
  • 00.51.31 Uhr 13 Mann einer Pikettgruppe der Feuerwehr werden alarmiert.
  • 00.52.05 Uhr Eine weitere Pikettgruppe wird alarmiert (30 Mann).
  • 00.52.33 Uhr Das Tanklöschfahrzeug der Stadtpolizei trifft beim Stadttheater ein. Der Alarmgruppenchef meldet: «Brand auf der Kapellbrücke auf einer Länge von 10 Metern.»
  • 00.53.20 Uhr 130 Mann der zweiten Kompanie der Feuerwehr werden alarmiert.
  • 00.54.50 Uhr Der Alarmgruppenchef der Stadtpolizei meldet, das Feuer habe sich 30 Meter auf der Brücke Richtung Wasserturm ausgebreitet.
  • 00.56.30 Uhr Das Feuerwehrboot «Blitz» wird verlangt.
  • 01.00.40 Uhr Ein Feuerwehrfahrzeug mit Autodrehleiter trifft vor Ort ein.
  • 01.03.20 Uhr Auf dem Kapellplatz ist ein Tanklöschfahrzeug der Feuerwehr mit einem Rohr im Einsatz, auf Seite Bahnhofstrasse unter anderem eine Wasserkanone.
  • 01.05.50 Uhr Ein Hauptmann verlangt Schaum, um die Schiffe zu löschen.
  • 01.07.40 Uhr Die Einsatzzentrale bietet weitere Feuerwehrmänner auf.
  • 01.09.30 Uhr Ein Gruppenführer befürchtet einen Übergriff des Feuers auf den Wasserturm.
  • 01.09.30 Uhr Die Feuerwehr Emmen mit einer zweiten Wasserkanone wird verlangt.
  • 01.15.20 Uhr Das Feuerwehrboot «Blitz» ist vor Ort.
  • Ungefähr 4 Uhr Die Hauptlöscharbeiten sind abgeschlossen.
  • Ab 7 Uhr Die Nachlöscharbeiten beginnen.

Erstmals publiziert in der Ausgabe zum 20. Jahrestag des Brandes am 16. August 2013.