Fussballvereine sind verunsichert: Plastikgranulat in Kunstrasen ist in Verruf geraten

Die EU prüft ein Verbot von Plastikgranulat für Kunstrasen. Obwohl die Unterlage ein Auslaufmodell zu sein scheint, sorgen sich Sportvereine um ihre Fussballfelder.

Evelyne Fischer
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Im Krienser Kleinfeld ist letztes Jahr ein mit Plastikgranulat verfüllter Kunstrasen verbaut worden. (Bild: Boris Bürgisser, 10. September 2018)

Im Krienser Kleinfeld ist letztes Jahr ein mit Plastikgranulat verfüllter Kunstrasen verbaut worden. (Bild: Boris Bürgisser, 10. September 2018)

Kostenpflichtige Raschelsäckchen sind erst der Anfang: In den EU-Mitgliedstaaten soll eine Reihe von Einwegprodukten ab dem Jahr 2021 endgültig verschwinden. Was beim Röhrli und beim Plastikteller beschlossene Sache ist, könnte dereinst auch dem Plastikgranulat im Kunstrasen drohen: ein Verbot. Wie die «Neue Zürcher Zeitung» kürzlich berichtet hat, will die Europäische Chemikalienagentur bis nächsten Sommer prüfen, ob es Handlungsbedarf gibt.

Ökologisch ist Kunstrasen umstritten – vor allem eines der beiden Modelle (siehe Kasten am Ende des Textes). Das sogenannt «verfüllte» Exemplar besteht aus künstlichen Plastik-Grashalmen und einer Füllung aus Quarzsand oder Granulat. Die Plastikkügelchen sorgen für die stützende Wirkung. Durch die Witterung, das Reinigen und Benutzen des Platzes gelangen die Plastikteilchen jedoch in die Umwelt. Die NZZ zitiert eine Studie, wonach alleine in Deutschland pro Jahr rund 8000 Tonnen solcher Plastikteilchen abgetragen werden. «Kunstrasen sei damit einer der Top Five der Mikroplastikemittenten in der Bundesrepublik.»

45 Kunstrasenplätze in der Zentralschweiz

Die Pläne der Europäischen Union haben hiesige Sportvereine verunsichert. «Ich erhielt einige Anfragen», bestätigt Guido Röösli, Präsident der Sportplatzkommission beim Innerschweizerischen Fussballverband (IFV). Als Dienstleistung des IFV berät Röösli Vereine und Gemeinden seit sechs Jahren beim Bau von Sportplätzen. «In sieben von zehn Fällen setzen die Verantwortlichen heute auf Kunstrasen», sagt Röösli.

«In unserem Verbandsgebiet gibt es inzwischen 45 Kunstrasenplätze, rund die Hälfte davon im Kanton Luzern.»

Die Vorteile gegenüber dem herkömmlichen Grün lägen auf der Hand: Kunstrasen ist das ganze Jahr über bespielbar. «In Zeiten von ausgelasteten Sporthallen ist dies ein gewichtiges Argument.» Mit Blick auf die EU-Pläne gibt sich Röösli gelassen: «Im Breitensportbereich ist der Einsatz von Kunstrasen fast unverzichtbar. Sollte es dereinst zum Verbot des Plastikgranulats kommen, werden Alternativen nötig sein.»

Mehrheit setzt auf Unterlage ohne Granulat

Allerdings setzt man in der Zentralschweiz laut Röösli schon heute bei Dreiviertel aller Kunstrasen auf das unverfüllte Modell, also auf einen dichten Faserteppich ohne Granulat. Diese Unterlage ist in der Schweiz für Spiele bis und mit 1. Liga zugelassen. «Die Anschaffungskosten für einen unverfüllten Kunstrasen sind zwar etwas höher, dafür hat man das Granulat weder in der Waschmaschine noch in der Kabine», sagt Röösli. Ein verfüllter Rasen kostet rund 1,2 Millionen Franken, ein vergleichbarer unverfüllter etwa 1,4 bis 1,5 Millionen. Zum Vergleich: Ein Naturrasen beläuft sich auf rund 500'000 Franken.

Ein Kunstrasen hat eine Lebensdauer von 12 bis 15 Jahren, ein Naturrasen muss nach rund 35 Jahren umfangreich saniert werden. Ein klarer Pluspunkt für den Kunstrasen sei der «kleinere und einfachere Unterhalt», sagt Röösli. Alle vier Jahre müssen Vereine dem Verband ein Feldtestprotokoll zustellen.

Dass in der Zentralschweiz granulatlose Spielunterlagen hoch im Kurs sind, bestätigt auch Pascal Beerli von der XL Turf Int. AG in Cham:

«In den letzten Jahren wurde in der Deutschschweiz in schätzungsweise vier von fünf Fällen auf unverfüllten Kunstrasen gesetzt.»

Diese Zahl dürfte weiter zunehmen. «In Deutschland wurden inzwischen bereits in fünf Bundesländern die Zuschüsse für verfüllte Plätze gestrichen.»

Zunächst belächelt, heute stark gefragt

Die XL Turf Int. AG, laut eigenen Aussagen die drittgrösste Playerin im Deutschschweizer Markt, setzt seit zwölf Jahren auf unverfüllte Kunstrasen. Hinsichtlich eines drohenden Granulatverbots sagt Beerli: «Die Pläne der EU zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Zu Beginn wurden wir als Herstellerin unverfüllter Kunstrasen im weltweiten Markt noch belächelt, heute steigt die Nachfrage stetig.» Die XL Turf Int. AG hat zahlreiche Plätze in der Region realisiert: Etwa in Weggis (2016), Erstfeld und Hünenberg (beide 2018) sowie heuer in Schattdorf, Brunnen, Goldau und beim Schulhaus Montana Zugerberg.

Zwei der neueren Kunstrasenplätze der Zentralschweiz finden sich überdies im Krienser Kleinfeld: Die gewobenen, verfüllten Beläge wurden vor gut einem Jahr eröffnet. Hergestellt hat sie die Greenfields Swiss AG mit Sitz in Schaffhausen, eine der grösseren Playerinnen im Schweizer Markt. Auch die Kunstrasen in Stans und Hergiswil tragen ihren Stempel. Geschäftsführer Thomas Köllner sagt: «Ob Mikroplastik, das sogenannte Infill-Granulat, tatsächlich ein Problem ist oder ob bei diesem Thema masslos übertrieben wird, hängt von der jeweiligen Perspektive ab.»

Ökobilanz ist stark umstritten

In der Ökobilanz haben mit Granulat verfüllte Kunstrasen lange schlecht abgeschnitten. Grund: Die Plastikteilchen mussten früher als Sondermüll entsorgt werden. «Das heute eingesetzte Plastikgranulat hingegen enthält in der Regel keine hohen Schadstoffbelastungen und kann normal in Kehrichtverbrennungsanlagen entsorgt werden», sagt Yolanda Deubelbeiss, Sprecherin des Luzerner Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartements. Weil nur Sonderabfälle mengenmässig erfasst werden, gibt es keine Zahlen zum jährlich entsorgten Plastikgranulat.
Die Dienststelle Umwelt und Energie prüft bei der Eingabe der Baubewilligung von Kunstrasenplätzen, ob die umwelt- und gewässerschutzrechtlichen Vorgaben eingehalten sind.

Thematik Plastikgranulat spaltet die Branche
Hersteller von Kunstrasen beurteilen das Thema Plastikgranulat unterschiedlich. Pascal Beerli von der XL Turf Int. AG, die unverfüllte Belage produziert, sagt: Es sei «sicher beunruhigend, dass bei einem verfüllten Platz pro Jahr bis zu drei Tonnen Granulat nachgestreut werden muss. Da stellt sich die Frage, wo das ganze Granulat geblieben ist.» Dem hält Thomas Köllner, Geschäftsführer der Greenfields Swiss AG, die auch verfüllte Unterlagen verbaut, entgegen: Verfüllte Belage der neueren, gewobenen Generation würden «praktisch keinen Granulatverlust» mehr aufweisen. Einem «generellen Verbot von verfüllten Kunstrasensystemen» könnte er aktuell nicht zustimmen. Ausserhalb der Schweiz würden Kunstrasenplätze aber noch mehrheitlich mit schwarzen Altreifengranulaten verfüllt. «Hier ist Handlungsbedarf angezeigt.» Guido Röösli vom Innerschweizerischen Fussballverband sagt zur Öko-Bilanz von Kunstrasen im Vergleich zu einer natürlichen Unterlage: «Naturrasen muss man düngen und regelmässig mähen. Ob da immer umweltschonende Elektrofahrzeuge im Einsatz sind, ist fraglich.»

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Remo Hess, Brüssel und Federico Gagliano