EUROPEAN FUTURISTS CONFERENCE: Weltweite Schattenwirtschaft als Bedrohung

Ab dem 26. Oktober findet im Luzerner KKL die «4. European Futurists Conference» statt. Einer der Referenten ist Nils Gillman, Berater der Monitor Group. Im Interview spricht er über Globalisierung, Wirtschaft und Kriminalität.

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Nils Gilman (Bild pd)

Nils Gilman (Bild pd)

Im Vergleich zur normalen Wirtschaft wächst die Schattenwirtschaft doppelt so schnell. Welche Faktoren tragen zu diesem Wachstum bei?
Nils Gilman:
Schmuggel, illegaler Handel und transnationale, kriminelle Organisationen hat es immer gegeben. Mit Ausnahme des Drogenhandels waren die meisten dieser illegalen Wirtschaften bis vor nicht allzu langer Zeit lokal beschränkt. Seit Anfang der Neunziger hat es eine schnelle Integration dieser Märkte gegeben – sowohl aus politischen, als auch technischen Gründen. So wie diese Veränderungen zur Globalisierung des legalen Handels beigetragen haben, erhoben sie manchen kleinen Strassendieb zum globalen Gangster.

Welche Rolle spielen dabei die Staaten?
Gilman: Mit dem Rückzug der Regierung aus ihrer Führungsrolle in vielen Wirtschaftsbereichen und dem Niedergang der Kapazitäten und Autorität der Staaten öffneten sich Spielräume, die ich «deviante Globalisierung» nenne: Menschenhandel, Waffenhandel, Organ- und Drogenhandel, Piraterie etc.

Gibt es Parallelen zwischen der illegalen und der legalen Wirtschaft?
Gilman: Die Struktur der aktuellen globalen Wirtschaft belohnt opportunistische und risikofreudige Innovatoren. Es ist nur logisch, dass die illegale Wirtschaft einen grossen Wachstumsbereich darstellt, wird sie doch angeführt von opportunistischen, risikofreudigen Unternehmern. Würde man ein Portfolio der illegalen Geschäftsbereiche zusammenstellen, so würde dieses bei weitem den Anlagemöglichkeiten der Wall Street den Rang ablaufen.

Globalisierung reisst die traditionellen nationalen Strukturen nieder und bietet Kriminellen die Möglichkeit, das Vakuum zu füllen. Lässt sich dieser Prozess stoppen?
Als erstes müssen die Regierungen merken, dass das Wachstum der illegalen Wirtschaft weder ein kleines Ärgernis ist, noch etwas, das einfach ausgelöscht werden kann. Es ist vielmehr Teil der gegenwärtigen Weltordnung und braucht aktiv angegangen zu werden.

Und wie?
Gilman:
Grundsätzlich machen Regierungen und NGOs zwei Fehler: Der erste ist, dass das Problem ignoriert
oder heruntergespielt wird. Zweitens, dass man die kriminellen Mitspieler auslöschen oder sonst wie vom legalen Geschäft fernhalten kann. So lange wir gewaltige Ungleichheiten von Macht und Reichtum mit dem Wunsch nach Kontrolle über den Fluss gewisser Güter und Dienstleistungen verbinden, wird es endlos viele Leute geben, die bereit sind, genau diese Güter, Menschen und Dienstleistungen für einen entsprechend hohen Preis zu liefern. Den Herausforderungen der globalen Schattenwirtschaft begegnet man am besten mit einer regelnden Grundstruktur, nicht mit Strafverfolgung. Natürlich gleicht ein solcher Ansatz, einem Schlag ins Gesicht derer, die diese Probleme als eine Frage der Moral verstehen.

Sie sehen die Kriminellen als eine politische Macht. Warum?
Gilman: Der politische Prozess, der der devianten Globalisierung zu Grunde liegt, ist die Auflösung der Staatsmacht, der Kräfte, die mit einem modernen, liberalen Staat in Verbindung gebracht werden. In vielen Orten ist der Staat nicht mehr die de facto regierende Autorität, im Sinne, dass er nicht länger politische Grundgüter wie Sicherheit, Infrastruktur, Ausbildung oder das Gesundheitswesen bereitstellt. Verschiedene Teile dieses Pakets haben nun andere Akteure übernommen: Stammesführer, Gangster, NGO, religiöse Führer, Söldner etc.

War das nicht immer so?
Gilman:
Neu ist, dass diese «politischen Akteure» kein Interesse daran haben, staatlich zu werden oder einen bestehenden Staat zu führen. Sie sind zufrieden damit, eine staatsartige Autorität inne zu haben und sich mit dubiosen Geschäften zu bereichern. Ich denke dabei an die Mahdi Armee im Irak, die PCC in Brasilien und die 'Ndrangheta in Italien.

Interview pd