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Experten streiten über Gift-Grenzwerte

Im Schulhaus Höfli strömen womöglich krebserregende Gase aus den Böden. Wie bedenklich die gemessenen Werte tatsächlich sind, darüber sind sich Fachleute uneins. Die Gemeinde handelt auf jeden Fall schnell – und reisst das Schulhaus ab.
Raphael Zemp
Das Schulhaus Höfli in Ebikon. (Bild: Bilder: Pius Amrein (6. Juli 2018))

Das Schulhaus Höfli in Ebikon. (Bild: Bilder: Pius Amrein (6. Juli 2018))

Das Ebikoner Primarschulhaus Höfli hat am Freitag nicht nur für dicke Schlagzeilen gesorgt, sondern auch für eine Medienkonferenz, einberufen von einem sichtlich betroffenen Gemeinderat. Grund ist nicht das klotzige, rot-braune Äussere des Schulhauses, sondern er liegt vielmehr im Inneren. Genauer noch, in den Böden von zwölf Klassenzimmern: Naphthalin. Ein polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoff, der nach Bahnschwellen und Mottenbällen riecht – und im Verdacht steht, bei hoher Konzentration krebserregend zu wirken.

Einer der zwölf Böden im Ebikoner Schulhaus Höfli, aus dem Gase strömen. (Bild: Bilder: Pius Amrein (6. Juli 2018))

Einer der zwölf Böden im Ebikoner Schulhaus Höfli, aus dem Gase strömen. (Bild: Bilder: Pius Amrein (6. Juli 2018))

Erst Boden-Sanierung führte zu Problem

Dass im «Höfli» gesundheitlich bedenkliche Gase aus den Böden strömen, das wissen die Verantwortlichen der Gemeinde Ebikon schon länger. Erste Meldungen über den üblen Geruch sind Ende 2016 eingegangen, erste Messungen im Frühjahr 2017 haben dann die Gewissheit gebracht: Was aus dem Boden strömt, ist Naphthalin. Geschuldet war dieser Umstand ausgerechnet einer Sanierung der Böden von 2008 bis 2014. Es zeigte sich: Die alten Beläge waren offensichtlich besser versiegelt als die neuen.

Wie hoch die gemessenen Konzentrationen tatsächlich waren, darüber hat die Gemeinde allerdings sehr zurückhaltend informiert. Für viele war es deshalb eine faustdicke Überraschung, als der «Blick» gestern Morgen von einer maximalen Konzentration von 210 Mikrogramm Naphthalin pro Kubikmeter schrieb. Eine Zahl, die er einem zugespielten Messbericht entnommen habe. Damit würde der WHO-Richtwert von 10 Mikrogramm um das 21-Fache überschritten. Auch ein von unserer Zeitung kontaktierter Schadstoffexperte, Stephan Baumann von der Berner Firma Bafob, kam zum Schluss: «Das sind extrem hohe Werte. Unvorstellbar, wie der Unterricht unter solchen Bedingungen funktionieren kann.»

Gemeinde rechtfertigt ihre Informationsstrategie

Gestern Nachmittag nun reagierten die Vertreter der Gemeinde Ebikon auf diese happigen Vorwürfe. Dabei waren sie selten gleicher Meinung wie das Boulevard-Blatt. Das machte schon Gemeindepräsident Gasser in seinen einleitenden Worten klar.

Man wähne sich als Opfer einer medialen Schlammschlacht. Der betreffende Journalist habe tendenziös berichtet, wenn nicht gar bewusst irregeführt. Man überlege sich gar, rechtliche Schritte einzuleiten, schloss Gasser. Auch Alex Mathis, Geschäftsführer der Gemeinde Ebikon, wies die Anschuldigungen von sich und betonte: «Wir haben von Anfang an offen und transparent informiert.» Erst die betroffenen Lehrer, dann die Eltern der Schüler und schliesslich auch die breite Öffentlichkeit (Ausgabe vom 16. Juni). Auch habe man die Anliegen besorgter Eltern stets ernst genommen.

Dann war Philip Küttel vom Fachbüro Holinger in Luzern, das die Messungen durchgeführt hat, an der Reihe. Er bestätigte zwar die gemessene Maximal-Konzentration, relativierte diese aber im gleichen Atemzug: «Diese Messung haben wir als nicht relevant eingestuft, weil sie in einem Raum durchgeführt wurde, der mit Absicht während 15 Stunden nicht gelüftet wurde und in dem die installierten Geräte zur Raumluftreinigung ausgeschaltet waren. Das ist ein Zustand, den es im normalen Schulbetrieb gar nicht gibt.» Zumal die Lehrer seit den neusten Messergebnissen dazu angehalten seien, die Räume regelmässig zu lüften.

Handlungsbedarf ortet die Gemeinde aber gleichwohl. Denn auch unter «normalen Bedingungen» wurden erhöhte Werte gemessen – über 90 Mikrogramm pro Kubikmeter. Das ist mehr als das 9-Fache des WHO-Richtwertes. Gleichwohl aber noch weit unter dem deutschen Arbeitsplatzgrenzwert, wie die Gemeinde bei der ersten Bekanntmachung der Messzahlen festhielt. So zu argumentieren sei allerdings «komplett absurd», sagt Schadstoffexperte Baumann: «Dieser Wert bezieht sich auf gesunde Erwachsene – und nicht auf Kinder.»

Lüftungen, Container – und Schulhaus-Abriss

In einem ersten Schritt sollen die betroffenen Zimmer mit einer so genannten Komfort-Lüftung nachgerüstet werden. Ein erstes Exemplar wird bereits nächste Woche installiert. Um deren Effektivität zu testen, werden erneut Messungen vorgenommen. Zudem wird der Gemeinderat eine Sitzung im umgerüsteten Klassenzimmer abhalten – um die Lautstärke der Anlage zu testen. Pünktlich auf den Schulbeginn sollen dann sämtliche Klassenzimmer mit einer 100 000 Franken teuren Lüftung ausgestattet sein – und so die Naphtamin-Konzentration deutlich sinken. Bis im Herbst will die Schule den Unterricht in temporäre Schulbauten auslagern. Und seit gestern ist auch klar: Saniert wird das Schulhaus nicht mehr. An seiner Stelle wird voraussichtlich ein modularer Holz-Neubau errichtet. Eine Sanierung des über 50-jährigen Schulhauses würde 3,5 Millionen Franken kosten – ungeachtet der Naphthalin-Problematik.

Schulhaus Höfli in Ebikon: Das ist passiert – und das wird unternommen

  • 2008 - 2014 Die Böden in mehreren Schulräumen werden saniert.
  • Ende 2016 Bei der Gemeinde gehen erste Beschwerden ein über üblen Geruch in Schulzimmern.
  • Frühling 2017 Erste Messungen werden durchgeführt. Es zeigt sich, dass das womöglich krebserregende Naphtalin dafür verantwortlich ist.
  • Juni 2018 Umfangreichere Messdaten liegen vor. Sie zeigen Handlungsbedarf.
  • Sommerferien 2018 In den zwölf betroffenen Schulzimmern werden Lüftungen für 100 000 Franken eingebaut.
  • Ab Herbst 2018 Der Unterricht wird in ein Provisorium ausgelagert.
  • Ab 2020 Das über 50-jährige Schulhaus wird durch einen Holzmodul-Neubau ersetzt.

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