Fälle von Schwangerschaftsdiabetes nehmen zu – jetzt hat das Kantonsspital Luzern reagiert 

Schwangerschaftsdiabetes ist die häufigste Stoffwechselstörung von werdenden Müttern. Weil Zucker immer häufiger diagnostiziert wird, setzt das Luzerner Kantonsspital auf eine spezialisierte Hebamme.

Evelyne Fischer
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Werdende Mütter mit Schwangerschaftsdiabetes müssen mehrmals am Tag mit einem Messgerät den Blutzucker bestimmen. (Bild: Getty)

Werdende Mütter mit Schwangerschaftsdiabetes müssen mehrmals am Tag mit einem Messgerät den Blutzucker bestimmen. (Bild: Getty)

Schätzungen zufolge ist rund eine halbe Million Menschen in der Schweiz an Diabetes erkrankt. Sie wissen: Wäre der Biss ins ofenwarme Baguette, ein Löffel voller frischer Cornflakes auch noch so verlockend – für den Blutzucker sind die kohlenhydratreichen Speisen ein Graus. Die Folge: Der Wert schnellt in die Höhe.

Nur in eine Richtung – steil aufwärts – zeigen auch die Zahlen des Schwangerschaftsdiabetes. Wurde im Jahr 2002 in Deutschland noch bei weniger als 10'000 werdenden Müttern Zucker diagnostiziert, waren es 2016 schon über 40'000 Betroffene. Gemessen an der Gesamtzahl der Schwangeren ist das ein Anstieg um fast vier Prozentpunkte.

Höheres mütterliches Alter als Risikofaktor

Eine Statistik für die Schweiz fehlt, doch die Zahlen des Nachbarlandes seien «eine verlässliche Referenz», wie Markus Hodel, Chefarzt für Geburtshilfe am Luzerner Kantonsspital, sagt: «Der sogenannte Gestationsdiabetes ist die häufigste Stoffwechselstörung in der Schwangerschaft. Rund fünf bis zehn Prozent aller werdenden Mütter erkranken daran.» Die Ursache: Mütter werden immer älter, Übergewicht und Fettleibigkeit häufiger und nicht zuletzt können auch erbliche Vorbelastungen eine Rolle spielen. Mit ein Grund für die steigenden Fallzahlen ist ferner das veränderte Screening seit 2010 (siehe Textende).

Das Luzerner Kantonsspital (Luks) hat reagiert: Seit zwei Jahren ist am Standort Luzern Diabetes-Hebamme Sarah Bühler aus Schötz im Einsatz. «Als Expertin für Schwangerschaft und Geburt sowie als Fachperson für Zuckerkranke kann ich als Diabetes-Hebamme eine Schwangere ganzheitlich betreuen», sagt sie. «Betroffene schätzen vor allem, so weniger Vorsorgetermine wahrnehmen zu müssen.»

Während einer Schwangerschaft läuft die Bauchspeicheldrüse auf Hochtouren, produziert bis zu 50 Prozent mehr Insulin als sonst. «Das Problem des Schwangerschaftsdiabetes ist die mangelnde Wirkung in der einzelnen Zelle», sagt Chefarzt Hodel. «Der Körper wird resistent gegen das Insulin und der Blutzucker bleibt erhöht, weil daraus keine Energie gewonnen wird.» Über Plazenta und Nabelschnur gelangt der erhöhte Zuckeranteil im Blut zum Kind. Mögliche Folgen: Das Baby wächst zu stark, neigt nach der Geburt zu Unterzuckerungen und weist ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Diabetes im späteren Leben auf. Letzteres gilt auch für die Mutter. Bei zuckerkranken Schwangeren kommt es unter anderem vermehrt zu Infekten, Bluthochdruck sowie Fehl-, Früh- und Totgeburten.

Ein Viertel aller Fälle braucht Insulintherapie

Zur Behandlung von Schwangerschaftsdiabetes arbeiten der Diabetologe, der Geburtshelfer und die Diabetes-Hebamme laut Hodel «Hand in Hand». Die Betroffene lernt, vier bis sechs Mal täglich den Blutzucker zu messen. «In Dreiviertel aller Fälle genügen Bewegung und eine Anpassung der Ernährung, um die Zuckerwerte in Schach zu halten. Gelingt dies nicht, empfehlen wir eine Insulintherapie.» Hodel sagt:

«Darüber sind die betroffenen Frauen selten erfreut. Einige hinterfragen die gestellte Diagnose, da sie von den geänderten Screening-Kriterien gehört haben.»

Weil ein einziger erhöhter Wert reicht, dürften teils gesunde Schwangere als zuckerkrank erklärt werden. Dazu sagt Hodel: «Wir legen nicht willkürlich fest, welche Frau Zucker hat und welche nicht. Die Diagnose erfolgt auf der Basis von wissenschaftlich geprüften Kriterien.» Zentral sei, gut zu informieren: «Insulin ist kein Medikament, sondern eine Hormontherapie und in der Regel sehr gut verträglich.»

Gestationsdiabetes: So läuft der Test ab

Seit dem Jahr 2010 wird ungefähr in der 26. Schwangerschaftswoche ein Screening durchgeführt – bei Risikofaktoren für den sogenannten Gestationsdiabetes auch früher. Dabei trinkt die Schwangere morgens auf leeren Magen eine Glukose-Lösung. Der nüchterne Blutzuckerwert gibt den ersten Anhaltspunkt, eine und zwei Stunden nach der Einnahme wird wieder gemessen. Bereits ein erhöhter Wert – also etwa ein Zuckergehalt über 8,5 Millimol pro Liter nach zwei Stunden – reicht für die Diagnose Schwangerschaftsdiabetes. Mit dem Verfahren, das bis 2010 angewandt wurde, konnten rund 85 Prozent aller betroffenen Schwangeren erfasst werden. Mit dem neuen Screening sollen es rund 95 Prozent sein.