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FALL EMMEN: Zwei Wattestäbchen führen zum Täter

Der Massentest neigt sich dem Ende zu. Beschwerden gab es bisher keine. Eine Expertin erklärt, was im Zürcher Labor mit dem Speichel der Männer passiert.
Interview Niels Jost
Beate Balitzki, Forensische Genetikerin: «Massentests in der Schweiz sind vielversprechender als in Deutschland.» (Bild: pd)

Beate Balitzki, Forensische Genetikerin: «Massentests in der Schweiz sind vielversprechender als in Deutschland.» (Bild: pd)

Interview Niels Jost

Die Frist, welche die Polizei den 372 Männern im Emmer Vergewaltigungsfall für den Massen-DNA-Test gegeben hat, läuft am kommenden Montag ab. Einsprachen gegen die Erhebung der Probe gab es beim Luzerner Kantonsgericht bis anhin keine. Wie Recherchen unserer Zeitung zeigen, beteiligt sich die Forensische Genetik des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich an der Analyse der Proben. Da die Ermittlungen noch laufen, geben derzeit weder die Zürcher Spezialisten noch die Luzerner Untersuchungsbehörden Auskunft über den aktuellen Stand. Dafür erklärt Beate Balitzki, was es über einen Massen-DNA-Test zu wissen gilt. Balitzki leitet die Forensische Genetik des Kantons Basel-Stadt.

Beate Balitzki, im Emmer Vergewaltigungsfall geben zurzeit 372 Männer eine DNA-Probe mittels eines Wangenschleimabstriches ab. Die Proben werden in Zürich untersucht. Bedeutet das für die dortigen Forensischen Genetiker einen enormen Aufwand?
Beate Balitzki*:
Das Institut in Zürich hat sich bestimmt auf den nicht alltäglichen Mehraufwand eingestellt. Mehrere hundert Tests durchzuführen, stellt in der Regel aber keine Schwierigkeit für uns Forensische Genetiker dar – schliesslich werden täglich mehrere DNA-Spuren analysiert. Die Proben werden auch kaum alle miteinander an die Forensische Genetik in Zürich gesendet.

Wie lange dauert denn in der Regel die Analyse eines einzelnen Speicheltests?
Balitzki:
Bei Personenproben im Labor liegen bereits nach vier bis fünf Stunden die Ergebnisse vor. Mittlerweile ist der ganze Prozess automatisiert.

Die Luzerner Untersuchungsbehörden rechnen mit mehreren Wochen, bis alle Resultate des Massentests vorliegen. Warum dauert das so lange?
Balitzki:
Es ist tatsächlich sehr aufwendig, so viele Proben innert kürzester Zeit zu erheben. Seltsamerweise ist die Hilfsbereitschaft der angesprochenen Personen nicht sehr gross. Beim Täter kann man ja noch verstehen, dass er kein Interesse an der Aufklärung hat. Bei der Entnahme der Speichelprobe ist die Identitätssicherung am wichtigsten: Es darf nichts vertauscht werden. Der Abrieb mittels Wattestäbchen selbst ist schnell gemacht: Rechnen wir 10 bis 15 Minuten pro Probe, dann können in einer Stunde maximal sechs DNA-Proben erfasst werden. Das dauert.

Wäre es möglich, die Analysen in Luzern durchzuführen?
Balitzki:
Nein. Schweizweit gibt es sieben Institute, die von der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin (SGRM) akkreditiert sind: in Basel, Zürich, Bern, Genf/Lausanne, St. Gallen, Chur und Aarau. Nur sie dürfen DNA-Proben untersuchen. Die Qualitätsstandards sind sehr hoch: Nur Personen mit dem Fachtitel «Forensischer Genetiker» dürfen DNA-Analysen durchführen. Um den Standards zu genügen, müssen wir täglich 20 bis 30 Prozent unserer Arbeitszeit zur Sicherung dieser Qualität aufwenden.

372 Proben müssen im Emmer Fall untersucht werden. Kann dieser Prozess beschleunigt werden, etwa durch ein kleines, mobiles Labor?
Balitzki:
In den USA gibt es die sogenannte «Rapid DNA Analysis», mit der Spuren direkt am Tatort untersucht werden können. Die Ergebnisse sind aber nicht ausreichend und müssen als nicht gesichert gelten.

Wie muss sich ein Laie die Analyse einer DNA-Probe vorstellen?
Balitzki:
Wir erhalten von den Strafuntersuchungsbehörden jeweils zwei Wattestäbchen mit dem Wangenschleimabstrich. Diese sind anonymisiert und werden unabhängig voneinander untersucht. Mit der Doppelbestimmung können wir sicherstellen, dass es zu keiner Verwechslung oder Falschtypisierung kommt.

Können Sie noch mehr ins Detail gehen?
Balitzki:
Untersucht werden 16 Abschnitte des nicht-codierten Teiles der DNA. Die vier DNA-Basen, Adenin A, Guanin G, Cytosin C und Thymin T, kommen in diesen bestimmten Abschnitten in einer ganz spezifischen, tandemartigen Wiederholung vor, etwa A-T-A-T. Entscheidend ist die Anzahl dieser Wiederholungen und somit die Länge dieses DNA-Abschnittes, die bei jeder Person unterschiedlich ist.

Kann dadurch mit 100-prozentiger Sicherheit ein Treffer bestätigt werden?
Balitzki:
Genau. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen dieselbe Anzahl Wiederholungen von allen 16 untersuchten Abschnitten aufweisen, liegt bei eins zu einer Trilliarde. Ein DNA-Profil ist ein genetischer Fingerabdruck.

In der Schweiz wurde erst einmal ein DNA-Massentest durchgeführt – bis anhin ohne Erfolg. In Deutschland führte in 19 Fällen nur ein Massentest zum Erfolg. Woran liegt das?
Balitzki:
Die grösste Schwierigkeit ist das Erstellen des Täterprofils. Wird der Täter aber erst einmal zum Speicheltest aufgeboten, kann er mit Sicherheit identifiziert werden. Deshalb ist ein DNA-Massentest ein probates Mittel der Untersuchungsbehörden. Die Massentests in der Schweiz sind zudem vielversprechender als etwa in Deutschland, da hierzulande weniger Menschen leben, und das in kleineren Lebensgemeinschaften. Eine verdächtige Person fällt dann viel schneller auf und könnte zum Massentest bewegt werden.

Was geschieht, wenn eine Speichelprobe mit derjenigen des Täters übereinstimmt?
Balitzki:
Den Untersuchungsbehörden wird bei allen Proben mitgeteilt, ob es sich um einen Hit handelt oder nicht. Erst sie können die Proben dann entanonymisieren und ihre Ermittlungen fortführen.

* Dr. hum. biol. Beate Balitzki (46) ist Leiterin der Forensischen Genetik am Institut für Rechtsmedizin des Kantons Basel-Stadt.

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