Luzerner Fallschirmlehrer trifft keine Schuld an Absturz

Ein 16-Jähriger ist 2015 bei seinem ersten Fallschirmsprung in die Tiefe gefallen und schwer verletzt worden. Für die Staatsanwaltschaft war klar: Schuld hatte der Fallschirmlehrer. Das Kantonsgericht spricht ihm jetzt aber frei.

Lena Berger
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Der Fallschirmschüler leitete in seiner Panik das Notschirmprozedere ein - war dabei aber schon viel zu nah am Boden. (Bild: Getty)

Der Fallschirmschüler leitete in seiner Panik das Notschirmprozedere ein - war dabei aber schon viel zu nah am Boden. (Bild: Getty)

Es war ein Unfall wie aus einem Albtraum – darin waren sich an der Gerichtsverhandlung alle einig. Ein junger Mann, gerade mal 16 Jahre alt, meldet sich zusammen mit Kollegen an einem Fallschirmkurs an. Am Morgen geht man die Theorie durch und bespricht sämtliche Notszenarios.

Am Nachmittag steht der erste Sprung auf dem Programm. Nach dem Absprung läuft zunächst alles gut. Der Fallschirm öffnet sich und gleitet ruhig durch die Lüfte. Allerdings nicht ganz in die Richtung, in die der junge Mann eigentlich will. Ein Bauernhof kommt näher. Er wird nervös. Plötzlich hört er über den Funk seinen Fluglehrer: «Notschirmprozedere einleiten.»

Aus 60 bis 100 Metern ungebremst in die Tiefe

Er zieht setzt die Anweisung sofort um. Der Hauptschirm wird abgeworfen, doch der Notschirm öffnet sich nicht schnell genug. Der junge Mann stürzt beinahe ungebremst in die Tiefe – aus einer Höhe zwischen 60 und 100 Metern. Er bleibt schwer verletzt liegen.

Das war 2015. Nach dem Unfall stellte sich heraus: Die Anweisung des Fluglehrers galt nicht ihm, sondern dem Springer nach ihm. Bei diesem hatte sich der Hauptschirm nicht richtig geöffnet. Die Staatsanwaltschaft machte dem Fluglehrer deshalb schwere Vorwürfe: Er habe seine Sorgfaltspflicht verletzt. Das Kantonsgericht jedoch sieht es anders, wie aus dem kürzlich veröffentlichten, begründeten Urteil hervor geht. Die jungen Männer seien dafür ausgebildet worden, den ganzen Flug vom Absprung bis zur Landung auch bei Funkausfall selbstständig durchzuführen. Vor dem Funkspruch habe der Fluglehrer den Namen des anderen Springers genannt, es sei also klar gewesen, wem die Anweisung gegolten hätte. Ein Höhenmesser am Handgelenk habe dem Verunfallten zudem angezeigt, dass er sich bereits weniger als 700 Meter über dem Boden befand – und er hätte gewusst, dass in dieser Höhe der Notschirm nicht mehr eingesetzt werden darf. Aus Sicht des Gerichts hätte der Fluglehrer den Unfall nicht verhindern können. Er wurde vom Vorwurf der schweren Körperverletzung freigesprochen.

Hinweis

In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir geschrieben, der Fallschirmschüler habe beim Einleiten des Notschirmprozederes die Reissleine gezogen. Das ist nicht korrekt: Die Reissleine kommt bei Notfällen nicht zum Einsatz. Sie ist eine zirka vier Meter lange Leine, die den Fallschirmspringer direkt mit dem Flugzeug verbindet. Nach einem Absprung vom Flugzeug wird durch die gesteckte Reissleine die Öffnung des Fallschirms automatisch eingeleitet.