Fast gestrandet im Paradies – wie wir den letzten Flieger erwischt haben

Redaktorin Roseline Troxler reist mit ihrem Freund durch Südamerika. Doch auf den Galápagosinseln endet ihre Reise abrupt. Danach geht alles sehr schnell. Eine Geschichte über eine Flucht aus Ecuador – mit einem guten Ende.

Roseline Troxler
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Die Galápagosinseln sind mit ihrer faszinierenden Tierwelt und den weissen Sandstränden ein Paradies. Wir sind seit Januar in Südamerika unterwegs und die Inseln sind einer der Höhepunkte unserer Reise. Währenddessen erfüllen uns die Berichte aus der Schweiz mit zunehmender Sorge. Das Corona-Virus macht auch vor Südamerika nicht Halt, doch bewegen sich die Fallzahlen in Ecuador noch im zweistelligen Bereich.

Wir buchen einen fünftägigen Bootstrip entlang der Galápagosinseln. Hier scheint das Virus weit weg. Beim Schnorcheln bewundern wir Seelöwen aus nächster Nähe. Da wir auf dem Schiff weder Internet noch Handyempfang haben, bekommen wir nichts davon mit, dass sich die Lage in Südamerika ebenfalls zugespitzt hat und Ecuador die Grenze dicht macht.

Bilder: Roseline Troxler

Am dritten Abend informiert die Crew uns zehn Passagiere, dass die Kreuzfahrt abgebrochen wird. Man wolle uns möglichst schnell zum Flughafen bringen, da tags darauf die letzten Flüge gingen. Der Kapitän startet die Motoren. Wir machen uns sofort ans Packen. Die Sorge steht der Mannschaft ins Gesicht geschrieben. Die Bewohner der Inseln leben vom Tourismus. Bei nur gerade 25'000 Einwohnern verbringen hier jährlich rund 240'000 Personen ihre Ferien.

Die Schlange wird immer länger

Am nächsten Morgen sind wir um 8 Uhr bereits am Flughafen. Wir haben ein Flugticket für Übermorgen. Es darf aber nur einchecken, wer ein Ticket für diesen Tag hat. So beginnen für uns Stunden bangen Wartens. Bei einer anderen Gesellschaft ein Ticket zu kaufen, ist nicht möglich. Wir warten sechs Stunden, ohne die immer länger werdende Schlange verlassen zu können.

Endlich kommen Passagiere an die Reihe, die kein gültiges Ticket für den heutigen Tag haben. Wir sind etwa an 15. Stelle in der Schlange, vor uns ein älteres Paar aus Amerika. Ein Angestellter bittet die Amerikaner an den Schalter. Das passt jenen, die vor ihnen in der Schlange stehen, gar nicht. Polizisten in Vollmontur nähern sich und versuchen, die aufgebrachten Passagiere zu beruhigen. Nur die beiden Amerikaner können noch ins zweitletzte Flugzeug einsteigen. Langsam glauben wir nicht mehr daran, dass wir wegkommen. Klappt es heute nicht, bleibt man für mindestens vier Wochen auf der Insel, heisst es. Stranden im Paradies? Klingt zunächst verlockend. Doch alle Strände wurden gesperrt, Restaurants und Hotels geschlossen. Mit Sorge denken wir an die Versorgung auf den Inseln, die im Pazifik rund 1000 Kilometer vom Festland entfernt liegen. Fast alle Lebensmittel werden per Schiff hierher transportiert. Ausserdem gibt es gerade mal ein Spital.

Der allerletzte Flug unserer Fluggesellschaft geht drei Stunden nach dem ersten. Wieder sehen wir zu, wie diverse Glückliche einchecken, während Dutzende andere wie wir warten. Wir kommen kaum an Informationen. Auf einmal gibt es wieder Bewegung. Es sollen sich je nach Destination zwei Schlangen bilden. Ein junges Paar, das den Amerikanern beim ersten Flug den Vortritt lassen musste, bricht in Tränen aus. Es wird nur noch nach Quito geflogen, sie haben aber ein Ticket mit einem anderen Ziel. Die Polizisten schreiten ein und halten mehrere Leute zurück. Wir haben Glück und stehen in der Schlange in die ecuadorianische Hauptstadt plötzlich an dritter Stelle. Obwohl wir nicht mehr daran geglaubt haben, halten wir nun einen Boardingpass in den Händen. Wir besteigen das letzte Flugzeug Richtung Festland erleichtert, aber mit einem etwas schlechten Gewissen.

Wir nehmen uns vor, in Quito ein Hotel zu buchen und auszuloten, wie unsere Reise bis Ende April weitergehen könnte. Erst als wir am Flughafen sind und nach Tagen wieder Internet haben, wird uns bewusst, wie ernst die Lage auch hier ist. Wir erfahren von der Ausgangssperre in Ecuador. Erstmals sehen wir den Aufruf des Bundesrats, möglichst schnell heimzukehren und zig Nachrichten von Angehörigen. Das EDA informiert, dass man sich auf eine Warteliste für Flüge setzen lassen kann. Zwei St.Galler erzählen uns von einem Flug nach Paris am selben Abend. Mit wenig Hoffnung stellen wir uns in dieselbe Schlange wie sie.

Polizisten feuern uns an

Es heisst, dass keine Tickets am Schalter verkauft werden. Wir warten. Plötzlich kann man doch Tickets erwerben und innerhalb von zehn Minuten haben wir den Flug nach Paris gebucht, der in wenigen Minuten abfliegen soll. Die Schalterangestellten sind enorm hilfsbereit. Wir rennen durch den fast menschenleeren Flughafen, bei der Passkontrolle werden wir von den Polizisten angefeuert. Wenige Minuten später sitzen wir in der vollen Air France-Maschine. Als wir abheben, mischt sich Erleichterung mit Wehmut. Erst allmählich wird uns bewusst, dass wir Südamerika verlassen. Gleichzeitig sind wir sehr dankbar, dass wir nach Europa zurückkommen. In Paris, wo die Strassen leer gefegt sind, fahren wir vergeblich an den Gare de Lyon, da die Zugverbindung in die Schweiz soeben gestrichen wurde.

Wir buchen schnell einen Flug nach Zürich. Das Flugzeug ist nur zu einem Drittel besetzt. Laut den Flugbegleitern wurden deutlich mehr Passagiere erwartet und die überzähligen Sandwiches werden verteilt. Spätabends sind wir einige Wochen früher als erwartet wieder in Zürich, wo wir eine andere Welt antreffen als die, welche wir im Januar verlassen haben. Vor 40 Stunden waren wir noch am Schnorcheln im Paradies, nun packen wir zuhause unsere Sachen aus. Wir hoffen, dass alle Gestrandeten bald den Weg zurück in die Schweiz finden.